Disco statt Maos Zur
Berliner gab es genug, gegessen wurden sie aber kaum. Dafür wurde bis in die frühen Morgenstunden zu Musik getanzt. Der Verband Jüdischer Studenten Zürich (VJSZ) hatte pünktlich zu Chanukka mit Unterstützung der B’nai-B’rith-Augustin-Keller-Loge eine Party im Hillelhaus organisiert.
Ziel des Abends war es, jüdische Studentinnen und Studenten aus dem Ausland mit einheimischen Studenten zusammenzubringen. Das Fest war sehr gut besucht und der Austausch war in der Tat sehr rege. Der VJSZ zählte nach eigenen Angaben 100 Gäste am Samstagabend, die den Weg ins jüdische Studentenwohnheim gefunden hatten. Neben Zürchern kamen Studenten aus der ganzen Schweiz, vor allem aus Basel und Bern. Wer sich an diesem Abend ein wenig unter die Leute mischte, dem fiel schnell die internationale Zusammensetzung des jüdischen Partyvolks auf. Ausser den Bewohnern des Hillelhauses, die vorwiegend aus Israel, Deutschland und Russland stammen, traf man auf viele Leute aus Deutschland oder Frankreich, die entweder gerade die Schweiz besuchten oder eigens für das Fest nach Zürich angereist waren. «Was wünscht sich ein Studentenverband mehr, als dass man neue Leute kennenlernt, mit denen man sich ein wenig unterhalten kann», sagt Nurit Ezra, Vorstandsmitglied des VJSZ, die den Abend mitorganisiert hat. Das Ziel des VJSZ sei mit einem solchen Austausch bereits erreicht. «Eigentlich kann ein studentischer Verband von einem Haus wie demjenigen an der Guggachstrasse nur profitieren. Es bietet den jungen jüdischen Erwachsenen eine gute Möglichkeit, sich an einem Ort zu treffen, um Kontakte zu knüpfen», sagt die 25-Jährige. Es sei nur schade, dass dieses Angebot zu wenig genutzt werde, dabei sei der Zugang doch so einfach.
Das Hillelhaus mehr berücksichtigen
Dass das Hillelhaus mehr in jüdische Anlässe einbezogen werden müsste, findet auch Daniel Sztutwojner, der selbst für einige Jahre im Haus gewohnt hat und dem Organisationskommittee der Party angehört. «Viele jüdische Studenten in Zürich kennen das Haus gar nicht oder haben eine falsche Meinung davon. Früher wohnten hier vielleicht einige schräge Leute. Das hat sich mittlerweile aber völlig geändert und nun sind hier ganz gewöhnliche Studierende aus aller Welt anzutreffen», sagt Sztutwojner. Diese Studenten würden gerne mehr an studentischen Anlässen teilnehmen, bestätigt der ETH-Absolvent Sztutwojner. Dafür wäre aber auch mehr Werbung im Hillelhaus selbst nötig, damit die Bewohner besser informiert sind. Sztutwojner räumt allerdings ein, dass es von jedem Einzelnen abhängt, ob er oder sie mehr ins Geschehen integriert werden möchte oder nicht. Die Freitagabendessen, die regelmässig im Hillelhaus stattfinden, werden denn auch rege besucht. Religiös sind die meisten Hausbewohner aber nicht. So erzählt die 22-jährige Bess Gutmacher, dass «die meisten, die hier wohnen, kaum oder gar nicht in die Synagoge gehen». Sie sei die einzige, die «schomer schabbat» sei, das störe sie aber keineswegs.
Ein Wohlfühlhaus an guter Lage
Das einzige, was die Psychologiestudentin Gutmacher, die aus Freiburg i. Br. stammt, beanstandet, ist die Tatsache, dass das jüdische Studentenwohnheim so weit von den jüdischen Institutionen der Stadt entfernt sei. Aber ansonsten sei das Haus an guter Lage. Das Quartier gefalle ihr und man sei schnell an der Uni. «Und in erster Linie geht es auch darum, dass man im Alltag den Kontakt zu den anderen Mitbewohnern pflegt», sagt Gutmacher, die seit diesem Sommer in Zürich lebt. Nicht nur vom Ausland kommen die Studentinnen und Studenten hierher, sondern auch aus der französischsprachigen Schweiz. Im Hillelhaus stehen insgesamt 24 Zimmer zur Verfügung, die momentan alle ausgebucht sind. Auffallend ist, dass momentan nur eine geringe Anzahl Frauen im Haus wohnt. Das können sich weder Sztutwojner noch Gutmacher erklären. Das Haus ist aber ein beliebter Ort für jüdische Studierende. Das zeigt sich daran, dass diese oft lange im Haus wohnen bleiben. «Zwischen drei Monaten und acht Jahren leben die Leute hier. Und das ist ein gutes Zeichen», sagt Sztutwojner.
Ein gutes Zeichen ist auch, dass man sich im Hillelhaus offensichtlich wohl fühlt. Die vielen Partygäste haben das nur bestätigt. Und auch wenn nicht alle Bewohner religiös sind: An diesem Chanukkafest zierten sicher ein paar Chanukkiot die Fenster des einzigen jüdischen Studentenhauses in Zürich – für manche ein Lichtblick.