Dilemma westlicher Kirchen

Von Andreas Schneitter, June 17, 2011
Welches Gewicht hat eigentlich die Stimme der palästinensischen Christen im jüdisch-christlichen Dialog? Keine, kritisieren die Verfasser des «Kairos-Palästina-Dokuments» und fordern, theologisch untermauert, einen Israel-Boykott. Eine Tagung in Zürich versucht erste Klärungen.
WOHIN MIT IHNEN? Die christlichen Palästinenser – im Bild eine Strassenszene in Bethlehem – finden keinen Platz im jüdisch-christlichen Dialog

Die Wortwahl ist bemerkenswert: In der «Stunde der Wahrheit» soll dieses Dokument verfasst worden sein, als ein «Schrei der Hoffnung, wo keine Hoffnung mehr ist», als Widerstand gegen eine «Politik, die Menschen vernichtet». Die sprachgewaltige Dramatik der Schrift korrespondiert mit dem zentralen, theologisch untermauerten Anliegen: Die Siedlungspolitik Israels in den palästinensischen Gebieten sei «Sünde gegen Gott und die Menschen».
Es geht um den Nahost-Konflikt, aber hier spricht eine Stimme, die bisher wenig Gehör fand: Urheber des sogenannten «Kairos-Palästina-Dokuments», veröffentlicht im Dezember 2009, sind die palästinensischen Christen. Verfasst und unterzeichnet wurde es von 14 geistlichen Führern verschiedener christlicher Konfessionen in Nahost, darunter der frühere lateinische Patriarch von Jerusalem, der griechisch-orthodoxe Erzbischof sowie Pastoren der anglikanischen und der lutheranisch-evangelischen Kirchen.
Die Botschaft darin richtet sich in erster Linie an die christlichen Glaubensbrüder und -schwestern, insbesondere an die dominierenden Konfessionen der westlichen Welt, und lautet: Die Lage der Palästinenser unter der «Besatzung, der kollektiven Bestrafung und aller anderen Formen von Repressalien» seitens Israels sei unerträglich und hoffnungslos, und es sei Teil des jüdischen, des christlichen wie des muslimischen Glaubens, die Würde des Menschen zu achten.

Besatzung als «Sünde»

Politisch beinhaltet das Dokument insofern keine neuen Positionen. Die Besonderheit, die diesem Dokument seine Aufmerksamkeit verschafft, nährt sich aus drei Punkten. Erstens die theologische Legitimierung politischer Forderungen: Die Schrift fordert die Auflösung des jüdischen Charakters des Staates Israel, gestützt auf eine Theologie, laut der das besondere Verhältnis Gottes zum Volk Israel von der universalistischen Lehre Jesu abgelöst worden sei. Das Schuldbekenntnis vor allem der europäischen Kirchen aufgrund ihrer antijudaistischen Geschichte bleibt unerwähnt, die Bestimmung von Besatzungspolitik als «Sünde» und als «das Böse» darf theologisch zumindest als überzogen bezeichnet werden. Zweitens die Einheit der Stimme: Dass sich die Kirchen in Palästina über die konfessionellen Gräben hinweg auf eine gemeinsame Position einigen, ist angesichts ihrer Vielfalt und gegenseitiger Abgrenzung eine Seltenheit und kann, besonders als formulierter «Hilfeschrei» aus der Geburtswiege des Christentums, kaum ignoriert werden. Der «Weltkirchenrat» in Genf hat sich, seiner sozialpolitischen Linie folgend, unterstützend ausgesprochen, die Römisch-Katholische Kirche hat sich in ihrer Nahost-Synode im Herbst 2010 mit der bedrohten Lage der nahöstlichen Kirchen befasst und das Dokument immerhin zur Kenntnis genommen – der Bericht steht noch aus. Und drittens der Titel der Schrift selbst: Er knüpft bewusst an das «Kairos-Südafrika-Dokument» aus dem Jahr 1985 an, eine Anklage der südafrikanischen Kirchen gegen das Apartheidsregime. Von dort kommt auch eine pikante Stellungnahme aus dem März 2010, in der südafrikanische Theologen und Kirchen ihre Unterstützung für die palästinensische Epigone artikulieren und bekennen, die «israelische Apartheid» verantworte noch schlimmere Auswüchse als die südafrikanische.

Einseitige Stimme

Die Schweizer Kirchen sind vorsichtiger. Bei der katholischen Bischofskonferenz antwortet man auf Anfrage, keine besondere Kenntnis von dem Dokument zu haben, der Schweizerische Evangelische Kirchenrat (SEK) arbeitet immerhin seit Längerem an einer Stellungnahme, die noch diesen Sommer veröffentlicht werden soll. «Das Dokument verdient Würdigung wie Kritik», lässt sich Serge Fornerod, Leiter Kirchenbeziehung des SEK, immerhin entlocken, eine Delegation des SEK habe vergangenen Dezember den Nahen Osten besucht und sich – «als Teilaspekt», wie Fornerod bekräftigt – auch mit Autoren des Dokuments unterhalten. Konkreter geht die reformierte Landeskirche des Kantons Zürich an das Thema heran: Ende Oktober veranstaltet sie zusammen mit dem Hilfswerk der Evangelischen Kirchen eine Tagung zum Thema – mit einer durchaus kritischen Haltung, wie Peter Dettwiler von der Zürcher Landeskirche bekräftigt: «Das Dokument ist keine rein politische Schrift und nicht muslimischer Herkunft, sondern eine Stimme der palästinensischen Christen. Das ist neu. Es ist jedoch in seiner Vermischung von Politik und Theologie eine einseitige, keine repräsentative Stimme.» Diese Stimme stellt insbesondere an den christlich-jüdischen Dialog die Frage, welcher Platz ihr zugeordnet werden soll. Weil die Verfasser des Dokuments den Staat Israel als Besatzungskonstrukt ablehnen, begeben sie sich in Opposition zur proisraelischen Haltung der westlichen Kirchen. Gleichzeitig kann ihre Stimme, gerade im Wissen um die bedrohliche Lage verschiedener Kirchen in Nahost, in Europa kaum mit guten Gründen ignoriert werden. Ein Dilemma, das über die Zürcher Tagung hinaus für Diskussionen sorgen wird.   


Samstag, 29. Oktober, 10.00 Uhr: Eine offene Tagung zum «Kairos-Palästina-Dokument» palästinensischer Christinnen und Christen. Hirschengraben 50, Zürich.