Die Zukunft jüdischer Hilfsorganisationen
Philanthropie bedeutet Menschenfreundlichkeit oder Menschenliebe. Das Wort setzt sich aus den griechischen Worten «phílos», «Freund», und
«ánthropos», «Mensch», zusammen und ist eine neoklassische Wortschöpfung. In den USA, wo private Wohltätigkeit traditionell eine grössere Rolle spielt als in Europa, wird der Begriff «Philanthrop» im Allgemeinen für reiche Personen angewandt, die Teile ihres Vermögens für wohltätige Zwecken spenden. Im Talmud heisst es: «kol Israel arevim ze laze» («ganz Israel ist füreinander verantwortlich»), und so erstaunt es auch nicht, dass viele jüdische Hilfsorganisationen vor allem von ihren Philanthropen leben.
Die wohl bedeutendste amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation ist das 1914 von deutschen Juden gegründete American Jewish Joint Distribution Committee, das allgemein als JDC oder «der Joint» bekannt ist. Trotz seiner illustren Geschichte und seines hohen Bekanntheitsgrads ausserhalb der USA ist der Joint in Amerika im Vergleich zu anderen jüdischen Organisationen wie etwa dem American Jewish Committee, B‘nai B‘rith oder der Anti-Defamation League eher unbekannt. Der Grund hierfür ist leicht zu erkennen. Während der Joint beeindruckende Arbeit ausserhalb der USA leistet – so wurde beispielsweise der vom Joint bezahlte Arzt Rick Hodes für seine Arbeit in Äthiopien letztes Jahr für den CNN Heroes Award nominiert –, beschränkt sich die Tätigkeit in den USA auf Fundraising, das Sammeln von Spenden.
Gründug der Next-Gen-Initiative
«Der Impuls für die Next-Gen-Initiative kam von jungen Leuten, deren Eltern oder Grosseltern im Vorstand vom Joint sind», erklärt Sarah Eisenman, die zusammen mit Shira Hecht diese neue Initiative von New York aus betreut.
In einem Treffen mit Steve Schwager, dem CEO, und Ellen Heller, der Präsidentin von Joint, diskutierten Anfang des Jahres etwa 20 jüngere Angestellte, von denen keiner älter als 30 Jahre alt war, ihre Ideen, die fast 100 Jahre alte Organisation vor allem für junge Philanthropen interessant zu machen. Nach etwas mehr als zwei Stunden wurde der Grundstein für die Next-Gen-Initiative gelegt.
Die Idee, eine neue Generation von Philanthropen für diese Arbeit zu gewinnen, ist nichts Neues. Das American Jewish Committee hat vor ein paar Jahren bereits das erfolgreiche Access-Programm unter der Leitung von Rebecca Neuwirth und Lena Altman gestartet, das Seminare und Studienreisen organisiert. B‘nai B‘rith, die älteste amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation, führt unter der Leitung von Harriet Mandel ein Global Round Table durch, wobei junge Juden mit UN-Diplomaten zusammenkommen.
Die Zielgruppe ansprechen
Auch wenn es primär darum geht, junge Leute für die Arbeit der Organisation zu gewinnen, so besteht kein Zweifel, dass es auf lange Sicht auch um Fundraising geht. Ehrenamtliche Aufsichtsratsmitglieder in Organisationen wie Joint kamen oft selbst als Einwanderer nach Amerika oder sind Kinder von Einwanderern und haben daher einen direkten Bezug zur «alten Welt». Viele haben den Holocaust miterlebt, erinnern sich an die Staatsgründung Israels, engagierten sich für die Freilassung der Juden aus der Sowjetunion und erlebten die Renaissance jüdischen Lebens nach dem Zusammenbruch des Kommunismus mit.
Doch wenn der Generationenwechsel kommt, wird es schwer werden, neue Spender zu gewinnen. Viele junge amerikanische Juden sind assimiliert und definieren sich primär als Amerikaner mit jüdischen Wurzeln. Jüdische Solidarität ist nicht unbedingt Teil ihrer Identität. «Junge amerikanische Juden haben nicht den gleichen Bezug zu Schlüsselmomenten in der jüdischen Geschichte, die ihre Identität prägten», weiss auch Sarah Eisenman. «Heut¬zutage haben wir die freie Wahl, uns als Juden zu definieren oder eben nicht. Ein Luxus, den unsere Eltern und Grosseltern nicht unbedingt hatten.» Trotzdem ist sie optimistisch: «Junge Leute wollen einbezogen werden und sehnen sich nach Möglichkeiten.»
Der Begriff «tikkun olam», das «Reparieren der Welt», ist für viele junge amerikanische Juden ein fester Bestandteil ihrer Identität. Einige Organisationen, etwa American Jewish World Service, die vor allem für ihr Engagement in Darfur bekannt ist, und weitere ähnliche haben daher in den letzten Jahren erheblichen Zulauf.
Eine neue Welt
Eisenman erkennt: «Die Welt ändert sich, und wir müssen sehen, wie wir uns in den sich verändernden Umständen zurecht finden.» So beauftragte der Joint das Capstone Consulting Team der New-York-Universität, die Einstellungen junger amerikanischer Juden zu analysieren. Für die Studie wurden vor allem neue Medien wie soziale Online-Netzwerke à la Facebook und jüdische Blogs benutzt – ein Novum.
Innerhalb von nur 48 Stunden hatten bereits an die 600 Personen an der Studie teilgenommen, schliesslich wurden es 889 Teilnehmer aus 33 amerikanischen Bundesstaaten. «Zugegeben, die Studie ist nicht perfekt, da die Teilnehmer schon zu einem gewissen Grad involviert sind, wenn sie jüdische Blogs lesen oder sich als jüdisch definieren, aber sie lässt gewisse Trends erkennen.»
So wurde festgestellt, dass der Joint zwar bekannter ist als zunächst angenommen, jedoch weitaus unbekannter als andere jüdische Organisationen. Ein Grossteil der Teilnehmenden sah eine kollektive Verantwortung füreinander sowie soziale Gerechtigkeit als Teil ihrer jüdischen Identität. Gleichzeitig ist man weniger an Organisationsstrukturen und Veranstaltungen interessiert, sondern mehr an konkreten Aufgaben.
Wie so eine konkrete Aufgabe aussehen kann, zeigte sich beim ersten Next-Gen-Programm diesen Sommer in Los Angeles. Unter der Leitung von Jackie und Michelle Flesh, die mit ihren Eltern nach Kuba gereist waren und dort die Arbeit des Joint sahen, wurde eine Fundraising-Party für die jüdische Gemeinde in Kuba organisiert. Beide wussten vor ihrer Reise nur sehr wenig über die Arbeit des Joint und die jüdische Gemeinde in Kuba, waren jedoch so inspiriert, dass sie beschlossen, sich für den Joint einzusetzen. Über 250 Menschen kamen zu dem Anlass, darunter David Katzenberg, Sohn des Hollywood Produzenten Jeffrey Katzenberg («Shrek»), Paris Hiltons Schwester Nicky und die aus der Fernsehserie «The O. C.» bekannte Schauspielerin Mischa Barton. Mehr als 70 000 Dollar wurden für die jüdische Gemeinde in Kuba gespendet. Ein beeindruckendes Resultat, das optimistisch stimmt. «2014, wenn der Joint seinen100. Geburtstag feiert», hofft Sarah Eisenman, «haben wir hoffentlich ein ganzes Netzwerk von jungen jüdischen Aktivisten, sodass wir nicht nur unsere glorreiche Vergangenheit feiern, sondern auch selbstbewusst in die Zukunft blicken können.»