Die Zukunft der kubanischen Juden ist unklar
Im April hatte die Administration von US-Präsident Barack Obama verkündet, dass die Reisebeschränkungen für US-Bürger, die nach Kuba fliegen wollen, gelockert werden; ebenso sollen Geldüberweisungen in die Inselrepublik künftig weniger Restriktionen unterliegen. Vor zwei Wochen kamen die 34 Mitglieder der Organisation amerikanischer Staaten (OAS) schliesslich überein, Kuba provisorisch in ihre Reihen aufzunehmen, falls Havanna überhaupt daran interessiert ist. Bisher haben kubanische Offizielle nämlich stets erklärt, dass sie an einer Mitgliedschaft nicht interessiert sind. Zudem bezeichneteten sie die OAS, die zu rund 60 Prozent von den USA finanziert wird, als ein Instrument der amerikanischen Hegemonie.
«Wir würde sehr gerne mehr Besucher hier sehen», sagt William Miller, Vizepräsident der Jüdischen Gemeinde in Kuba, einer der neun Gemeinden auf der Insel. «Die wenigsten kubanischen Juden reisen ins Ausland, jüdische Besucher aus dem Ausland erfrischen unsere Seelen.» Miller, der oft jüdische Gruppen aus dem Ausland empfängt, glaubt aber, dass das Tauwetter in den Beziehungen zwischen Washington und Havanna wenig Einfluss auf die Besuche jüdischer Amerikaner haben wird. Zurzeit dürfen US-Juden laut amerikanischer Gesetzgebung Kuba nur besuchen, wenn sie unter der Schirmherrschaft einer zugelassenen religiösen Organisation reisen, und wenn ihre Reise einen klar ersichtlichen religiösen Zweck hat. Folglich besichtigen die Besucher das jüdische Kuba, treffen lokale Juden, werden zu Schabbatmahlzeiten in jüdischen Heimen eingeladen und nehmen an Gottesdiensten in den Gemeinden teil.
Falls in Zukunft kein religiöser Zweck mehr erforderlich sein sollte, dürften die US-Juden, die nach Kuba kommen, laut Miller zuerst einfach mal die karibischen Strände von Kuba geniessen – genau so, wie sie es heute schon in Mexiko tun. Die lokale jüdische Gemeinde käme erst danach an die Reihe. «Für uns ist es eine Herausforderung. Wir müssen uns überlegen, wie wir mit einer wachsenden Zahl von Besuchern fertigwerden», erklärte Miller am Rande einer Konferenz lateinamerikanischer jüdischer Gemeindepräsidenten. «Wir müssen Juden in aller Welt wissen lassen, dass wir existieren und den Kontakt mit ihnen brauchen», sagte der in Kuba lebende David Prinstein Senorans an der Konferenz.
Die meisten Juden gingen nach der Revolution
In Kuba leben rund 1500 Juden. Von den total neun Synagogen befinden sich deren drei in der Hauptstadt Havanna. Vor der kommunistischen Revolution von 1959 zählte die jüdische Gemeinde auf der Insel rund 15 000 Menschen, doch die meisten verliessen das Land nach der Machtübernahme durch Fidel Castro. Von den Zurückgebliebenen hatten einige an der Revolution teilgenommen und sich in Bereichen wie Wissenschaft und Kultur in Kuba Karrieren aufgebaut.
Nach der Revolution wurde Religion während drei Jahrzehnten unterdrückt, was die Assimilation förderte. 1992 aber lockerte die Regierung die entsprechenden Bestimmungen, und seither haben internationale jüdische Hilfsorganisationen starke Beziehungen zu den kubanischen Juden aufgebaut. Das jüdische Leben auf der Insel wird nun gefördert, etwa indem Kultgegenstände nach Kuba geschickt und die Juden in ihren täglichen Bedürfnissen unterstützt werden. Das American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) unterhält ein permanentes Büro in Havanna, das kulturelle und religiöse Aktivitäten sowie Bildungsprogramme anbietet, etwa Vorbereitungskurse für Bar- und Bat-Mizwa-Feiern, Hilfe für Schabbatmahlzeiten, Jugendlager und Aktivitäten für Betagte. Gruppen wie JDC und B’nai B’rith organisieren auch regelmässig Reisen nach Kuba, an denen jedes Jahr Hunderte von amerikanischen Juden teilnehmen. Verglichen mit westlichen Standards leben die kubanischen Juden zwar nach wie vor in bitterer Armut, doch dank der Hilfe aus dem Ausland geht es ihnen bedeutend besser als den meisten Kubanern.
Gute Beziehungen zur Regierung
Auch wenn Kuba und Israel keine diplomatischen Beziehungen unterhalten, bezeichnen die kubanischen Juden die Kontakte ihrer Gemeinde zur Regierung von Fidel Castros Bruder Raul als gut. So bewilligt Kuba beispielsweise die Ausreisegesuche kubanischer Juden, die an jüdischen Anlässen teilnehmen wollen. Eduardo Kohn, B’nai-B’rith-Direktor für Lateinamerika, führt die guten Beziehungen der Gemeinde zur Regierung auf die Tatsache zurück, dass die jüdische Gemeinde des Landes sich zwar religiös und kulturell engagiert, sich aber nie zu politischen Themen äussert.
Antisemitismus kennt man in Kuba praktisch nicht. «Als Jude bin ich in Havanna zur Schule gegangen und habe auf der Universität studiert. Dabei habe ich nie eine feindselige Situation wegen meiner Kippa erlebt», sagt Jakob Berezniak, ein jüdischer Ingenieur und Mitglied der orthodoxen Gemeinde Adath Israel in der Hauptstadt. «Ich gehe ohne Probleme durch die Strassen, und meine Nachbarn akzeptieren mich. Im Gegensatz zu anderen Ländern brauchen wir in Kuba keine Wachen vor jüdischen Gebäuden.»