Die Zukunft der Gesundheitsversorgung

Interview Dania Zafran, November 11, 2011
Yossi Bahagon, CEO der Abteilung «eHealth» bei Israels grösster Krankenkasse Clalit, über die Zukunft der digitalen Gesundheitsversorgung.
YOSSI BAHAGON «Die Eigenverantwortung des Patienten wird mit ‹eHealth› gefördert»

TACHLES: Sie haben vor zwei Jahren das sogenannte «eHealth»-System von Clalit ins Leben gerufen. Erklären Sie die wichtigsten Aspekte dieser Online-Gesundheitsversorgung.
YOSSI BAHAGON: Bei «eHealth» geht es nicht nur um eine neue Technologie, sondern um eine einschneidende Veränderung in der Medizin. Der Patient ist jetzt ein Partner, wenn es um seine Gesundheit geht, und steht nicht mehr vor seinem Arzt wie vor einem «Gott in Weiss». Unser Ziel ist es, mittels der neuen Technologie namens «eHealth» den Patienten aktiv in seine Gesundheitsversorgung miteinzubeziehen und nicht mehr einfach Befehle zu erteilen wie früher.

Was genau ist so revolutionär beim «eHealth»-System? Online-Beratungen bezüglich Gesundheit gibt es ja schon länger.
Revolutionär ist, dass der Patient ein einfach zu handhabendes Werkzeug erhält, mit dem er aufgeklärt wird, mit dem er aktiv in seine Behandlung miteinbezogen und zur Eigenverantwortung aufgefordert wird. Die israelische Krankenkasse Clalit ist mit diesem digitalen Gesundheitssystem weltweit führend. Langsam ziehen andere Länder nach.

Was sind konkret die Vorteile eines «eHealth»-Systems?
Dass der Patient alles mögliche selber in die Hand nehmen kann, und zwar schnell und einfach übers Internet, ohne einen Arzt aufsuchen zu müssen: Neue Rezepte ausstellen lassen, Untersuchungsergebnisse einsehen, sich medizinisch kurz beraten lassen, wenn ein Arztbesuch nicht dringend nötig ist und so weiter. Es geht dabei um eine neue flächendeckende Art der Betreuung. Dabei wird Zeit gespart, und die Qualität der Patientenbetreuung nimmt zu: Wenn der Patient aktiv in die Behandlung involviert ist, übernimmt er auch mehr Eigenverantwortung für seine Gesundheit. Er geht pünktlicher zu Vorsorgeuntersuchungen und nimmt seine Medikamente regelmässiger ein. Dies haben Untersuchungen eindeutig gezeigt.

Ein Aspekt von «eHealth» ist der Arzt­besuch übers Internet, also anstatt dass ich zum Arzt ins Behandlungszimmer gehe, spreche ich mit ihm vor dem Bildschirm. Ist das nicht unpersönlicher?
Da muss man seine Einstellung etwas ändern. Klar klingt das viel unpersönlicher, ist es aber nicht. Viele Ärzte schauen dem Patienten, der vor ihnen sitzt, nicht einmal in die Augen. Bei einem Online-Termin muss der Arzt sich aber dem Patienten am Bildschirm zuwenden, ihn anschauen. Neun von zehn Patienten bei Clalit sind mit diesen Online-Konsultationen sehr zufrieden! Wir bieten zum Beispiel Stillberatungen online an und können in diesem Bereich rund 150 Konsultationen pro Monat verzeichnen. Gerade mit einem Neugeborenen ist es einfacher, wenn man bei Stillproblemen nicht aus dem Haus muss, sondern die Beratung übers Internet bekommt.

Bei digitalen Patientendaten stellt sich immer auch die Frage nach dem Datenschutz. Wie gewähren Sie diesen Ihren Patienten?
Unser Online-System ist sicherer als jedes Online-Bankkonto. Nur der Patient alleine kann sich mittels Passwort in sein Dossier einloggen, sogar der Arzt braucht die Einwilligung des Patienten, wenn er Einsicht ins Patientendossier haben will. Die Ärzte benützen ein anderes System als die Patienten, wo sie nur Einsicht in die für sie wichtigen Patientendaten haben.

Wie viel Geld und Arbeitskräfte spart Clalit mit seinem «eHealth»-System?
Es geht uns hauptsächlich um die Verbesserung unserer Dienstleistungen und Betreuung, alleine das zählt. Früher schickte der Arzt den Patienten zu Vorsorgeuntersuchungen, der Patient wurde bevormundet. Heute sieht der Patient selber in seinem Online-Dossier, welche Untersuchungen anstehen. Das steigert seine Motivation, auch tatsächlich zu den Untersuchungen zu gehen, er übernimmt mehr Eigenverantwortung: die Zahl der Patienten, die regelmässige Check-ups machen, ist mit dem Online-System um 30 bis 50 Prozent gestiegen. Das ist auch unser Ziel – die Prävention zu verbessern.

Welche anderen Länder haben ein vergleichbares Online-Gesundheitssystem?
Es gibt in den USA und in Dänemark Organisationen mit vergleichbaren Systemen. Die Veränderung kommt aber nur langsam, und Israels Krankenkasse Clalit ist diesbezüglich wirklich weltweit führend. Ich denke aber, dass dieses System definitiv die Zukunft der Gesundheitsversorgung ist, mit dem eine Regierung auch viel Geld sparen kann.