Die Zigeuner und die Velofahrer
Hand aufs Herz: Nehmen Sie jene Menschen wahr und ernst, die im unhöflichen Volksmund «Zigeuner» heissen? Sie sind nämlich nicht nur Figuren in Operetten, Volksliedern und Heftli-Romanen. Sie erlitten ein ähnliches Schicksal wie die Juden durch die NS-Verbrecher und ihre einheimischen Schergen. Die Nürnberger Rassegesetze von 1934 galten explizit für Juden und für Zigeuner. Es gab Zwangssterilisationen, Deportation und Ermordung. Die Fahrenden sind die zweitgrösste NS-Opfergruppe nach den Juden. Diesen historischen Hintergrund beleuchtet der neueste Bericht der Bergier-Kommission über die «Schweizerische Zigeunerpolitik zur Zeit des Nationalsozialismus». Daraus geht auch hervor, wie die Schweizer Grenz- und Polizeibehörden mit flüchtenden Fahrenden umsprangen, ihnen das Bürgerrecht entzogen, noch in den späten vierziger Jahren in Kauf nahmen, dass weggewiesene Fahrende das Leben riskierten. Hut ab vor dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, der umgehend seine Betroffenheit über die «menschenverachtenden Züge» der damaligen Politik und die Leiden einer «anderen Minderheit, den Fahrenden», veröffentlichte. Das hat Tradition: «Sie waren in den Gaskammern keine Konkurrenz, sie sind es auch jetzt nicht» - das war die unvergessliche Antwort des Fonds-Präsidenten Rolf Bloch auf die unbedarfte Journalistenfrage, ob er die Ansprüche der Fahrenden an den humanitären Fonds nicht als Konkurrenz betrachte. Dieser Tage taten die Schweizer Medien nach Erscheinen des Roma/Sinti/Jenischen-Berichts ihre Pflicht. Sie räumten dem Thema einen Tag lang viel Platz ein, berichteten positiv - und gingen wieder zur Tagesordnung über. Über den Flüchtlingsbericht der Kommission, der vor einem Jahr erschien und sich weitgehend mit der Behandlung jüdischer Menschen durch Schweizer Behörden beschäftigte, wurde bedeutend mehr geschrieben und gesprochen. Bis heute gibt es immer wieder Publikationen, die den Bericht zerzausen. Weshalb dieser Unterschied? Bisher hat sich auch noch kein Veteranen-Verein gemeldet, der Anstoss nimmt an den Vorwürfen der Kommission gegen die Schweiz wegen ihrer menschenverachtenden Zigeunerpolitik bis in die jüngste Zeit. Die Untersuchung der Schweizer Zigeunerpolitik muss über das Mandat der Kommission hinaus weiter gehen. Der Unterschied in der Rezeption des «jüdischen» und des «Zigeuner»-Flüchtlingsberichtes wäre dabei ein zusätzliches Thema.