Die Zeiger stehen still
Von Katja Behling
Severin Wunderman, 1938 in Brüssel als Sohn jüdischer Eltern geboren, machte Uhren zu einem modischen Accessoire. Zu seinen Erfolgsmodellen gehört die «Bubble Casino», doch er verstand das Leben nicht als Glücksspiel. «Das Leben ist natürlich auch ein wenig Glücks-ache. Aber ein weiser Mann hat einmal gesagt, ‹Die goldene Möglichkeit klopft nur einmal im Leben an›. Leider übersehen oder verpassen 99 Prozent der Menschen sie. Ich tat es nicht und griff zu.» Sein Glücksgriff war eine schicksalhafte Begegnung mit Aldo Gucci beziehungsweise das, was er daraus machte. Das Rüstzeug dazu hatten ihm seine Eltern mitgegeben. Seine Mutter verdiente das Geld durch ihre Arbeit als Näherin, der Vater war Künstler und Poet, die Verhältnisse daheim waren mehr als bescheiden. Der Vater riet seinem Sohn, in die Uhrenbranche zu gehen: Für einen Juden sei es vorteilhaft, ein mobiles Handelsgeschäft zu betreiben. Während des Krieges zeitweise in einer belgischen Schule für Blinde versteckt, entkam Wunderman dem Holocaust. Zusammen mit seiner Schwester floh er vor den Übergriffen der Nazis in die USA. Mit 14 Jahren verliess er die Schule, anschliessend lernte er ab 1958 in seinem ersten Job als Chauffeur eines Uhren- und Schmuckhändlers sein Metier von der Pike auf. Nach dem Tod seines Chefs führte Wunderman im Auftrag der Witwe die Geschäfte weiter, schliesslich kaufte er die Firma. Wunderman war ein erfolgreicher Uhrenhändler, als er 1970 dem italienischen Lederwarenproduzenten Aldo Gucci begegnete und ihn in ein Gespräch über das Geschäft verwickelte. Wunderman schlug seiner Zufallsbekanntschaft vor, Uhren unter dem renommierten Namen «Gucci» auf den Markt zu bringen. Er erhielt die Lizenz. Und was Wunderman nicht schon über das Geschäft wusste, lernte er von Aldo Gucci. Die geniale Idee, die Prestigemarke von Lederwaren auf Zifferblätter zu übertragen und Chronometern den Gucci-Stempel aufzudrücken, wurde ein für beide Seiten spektakulärer Erfolg. Und ein Meilenstein in der Geschichte des internationalen Accessoires- und Lizenzgeschäfts, auf das heute kaum ein grosser Modeschöpfer verzichten kann und will. Die spektakuläre und oft kopierte Idee: Luxus, ein bekanntes Label – zu erschwinglichem Preis. Als erste Uhrenmarke kombinierte Gucci Diamanten und Stahl. Mit diesen und anderen Ideen gelang es in den Siebzigerjahren, der damals ein wenig angestaubten Marke Gucci neues Leben einzuhauchen – und Wunderman zum mehrfachen Millionär zu machen.
Geschäftsmann, Kunstpatron und Mäzen
Zwischen 1972 und 1996 produzierte Wundermans Unternehmen «Severin Mon-tres» die Gucci-Uhren. Als die Zusammenarbeit nach Ende der Vertragslaufzeit beendet wurde, setzte Wunderman abermals auf das bewährte Rezept, hochwertige Uhren mit modernem Design herzustellen. Diesmal kaufte er aber keine Lizenz, sondern 1999 gleich eine Fabrik, die Schweizer Uhrenmanufaktur «Corum» in La Chaux-de-Fonds. Als Inhaber von Corum blieb Wunderman seiner Vision treu: ungewöhnliche Uhren anzubieten, die handwerkliche Perfektion und Raffinesse sowie ausgefallenes Design in sich vereinen. Wunderman, als Marken-Eigner frei von Lizenz-Auflagen, konnte durch die Entwicklung neuer Ideen, durch Revival und Neuauflagen von Klassikern aus den Archiven fortan besonders flexibel auf das sich verändernde Konsumverhalten und neue Zielgruppen reagieren. Abermals eroberten seine Uhren den internationalen Markt. Er bewies, dass sein Erfolg mit Gucci nicht auf einem einmaligen Glücksgriff, sondern einer soliden Geschäftsidee basierte. Als Designer schuf er einige Modelle, die heute als moderne Klassiker gelten. Und von schwarzem Humor zeugen. Häufig befasste Wunderman sich in seinen Entwürfen mit dem Thema Tod. So kreierte er etwa eine zum Kultmodell avancierte Uhr mit einem Totenkopf auf dem Zifferblatt. Er sammelte Dinge, die mit dem Thema Tod und Sterben zusammenhängen. Wunderman glaubte allerdings «nicht wirklich» an einen Zusammenhang dieser Faszination mit seiner Erfahrung als Holocaust-Überlebender und verwies dabei auch auf seine Krebserkrankung. «Nachdem ich in meinem Leben drei Mal dem Tod sehr nahe war, begann ich, mich sehr für Mortica und das Leben nach dem Tod zu interessieren.» Sobald es sein persönliches Vermögen erlaubte, wurde Wunderman zum profilierten wie passionierten Kunstsammler. Werke von Diego Rivera und Frida Kahlo, von Picasso und vor allem von Jean Cocteau. Es heisst, er besitze rund 2000 Werke von Cocteau.
Ritter der Ehrenlegion
Wunderman hatte, wissend um die engen Verbindungen Cocteaus mit der südfranzösischen Stadt Menton, das Museums-projekt «Musée Cocteau de Menton», angeregt und dafür Exponate aus seiner Cocteau-Sammlung zugesagt. Überdies unterstützte der Mäzen auch humanitäre Projekte, verschiedene medizinische Stiftungen und Grundlagenforschung über unheilbare Krankheiten. In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Steven Spielberg und der Shoah Foundation entstand die Severin Wunderman Collection of Child Survivor Testimonies from the Holocaust: Kinder sprechen zu Kindern über den Holocaust. 2005 ernannte der damalige französische Präsident Jacques Chirac den Geschäftsmann, Kunstpatron und Mäzen Severin Wunderman seiner vielfachen humanitären und kulturellen Verdienste wegen zum Ritter der Ehrenlegion. Schon vor einigen Jahren hat Wundermans Sohn Michael die geschäftliche Nachfolge seines Vaters angetreten. Wunderman war ob seines Erfolges als Designer und Manager und seiner Persönlichkeit wegen nicht nur ihm ein Vorbild und Lehrer. Als brillanter Visionär, wagemutig, gradlinig, zäh und durchsetzungsfähig, zumeist umweht von einem Hauch von Skepsis und Distanziertheit, galt Severin Wunderman bereits zu Lebzeiten als eine legendäre Persönlichkeit. Noch vor wenigen Wochen sprach er mit Freunden, die ihn in Südfrankreich besuchten, über seine schwierige Jugend als jüdischer Flüchtling in Europa während der Kriegsjahre. Über sein Ringen um Unabhängigkeit, seine guten und weniger guten geschäftlichen Entscheidungen, seine Familie und seine nächsten Pläne und Projekte. Vorvergangene Woche starb Severin Wunderman in seinem Schloss in der Nähe von Nizza.