Die Wiederkehr des Unumkehrbaren

April 1, 2010
Wenn Dogmen die Debatte ersetzen, die Stagnation den inneren Zerfall ankündigt und Judentum nicht mehr zugelassen wird. Der Mahnruf eines Stammesgenossen.

Von Yves Kugelmann

Judentum war Diskussion. Abraham, Isaak, Jakow und Moses traten in den Disput mit dem Ewigen. Der Talmud debattierte die Auslegung des Tenach und der Mischna, etablierte ein dialektisches Denk- und Diskussionswerk, das seinesgleichen sucht. Die zionistische Bewegung und die in Basel begründeten Zionistenkongresse knüpften daran an und debattierten darüber, was der jüdische Staat, die jüdische Nation, das jüdische Volk sein könne und solle. Denk- und politische Schulen prallten aufeinander. Die Herzls, Bubers, Weizmans, Jabotinskys, Nordaus und Hesses diskutierten von unterschiedlichsten Positionen die Fragen nach der jüdischen Zukunft oder jüdischen Zukünften. Lebensentwürfe provozierten Gegenkonzepte. Stets standen das Argument, die Widerrede und der Disput um den richtigeren Weg im Vordergrund. Für die einen waren Schriften und Quellen, für die anderen Prophezeiungen oder Gottes Gesetzt wegleitend. Bei allem Trennenden vereinte die kontroversen Votanten die Debatte um das Judentum. Bis zur Schoah und bis zur Gründung des Staates Israel. Danach standen Fragen weniger im Vordergrund als Antworten. Die Debatte, der Disput, die Diskussion, der Dialog traten in den Hintergrund. Dogmen, Programme, rechte und linke Ideologien wurden zum Selbstverständnis.

Testamentarisches Vermächtnis

Wenn Schriften und Sätze zeitlose Relevanz erlangen, sind sie bedeutend. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelangte Leon Pinsker mit einem Mahnruf an seine Stammesgenossen an die jüdische Öffentlichkeit. Sein Werk zur Autoemanzipation sollte wegweisend werden für die zionistische Bewegung. Auf die Woche genau vor 30 Jahren publizierte der israelische Historiker Jacob Talmon von der Hebräi-schen Universität Jerusalem einen offenen Brief an den damaligen Ministerpräsidenten Menachem Begin. Der Mahnruf «Vaterland in Gefahr» wurde zum testamentarischen Vermächtnis des orthodoxen Geschichtsprofessors, der drei Monate später im Sommer 1980 verstarb.

In seinem Text konstatiert Talmon den «gesellschaftlichen Zerfall», die «Zersetzung der Rechtsordnung» Israels und die «Massenemigration» jüdischer Eliten ins Ausland. Er ist getrieben von der Sorge um Israels Zukunft: «Indem wir uns ausschliesslich auf das Militärische konzentrieren, verlieren wir die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes aus den Augen, deren Lösung eine Vorbedingung zu einer wahrhaft effektiven Militärmacht wäre. So haben wir auf dem Schlachtfeld gewonnen, ohne stark genug zu sein, den Gegner zu zwingen, mit uns Frieden zu schliessen.» Und er kommt zu einer interessanten rhetorischen Frage, die vielleicht mehr Antwort in sich enthält, als vielen lieb sein möchte: «Oder handelt es sich um eine Folge eines typischen jüdischen Charakterzugs, der von uns vielleicht auch den anderen monotheistischen Religionen mitgegeben worden ist, nämlich des Bedürfnisses, sich im Rahmen eines asketischen und ritualistischen Lebens einer vollkommenen Idee zu unterwerfen, anstatt in der Art der Griechen ein Leben im Jetzt und Hier zu führen, alle Möglichkeiten, welche Natur und Leben bieten, auszuschöpfen, um Körper und Seele zu befriedigen und den Geist zu erweitern?»

Talmon, einer der bedeutendsten Historiker seiner Zeit, Erforscher des Totalitarismus und der nationalstaatlichen Entwicklung, ist weder links noch rechts, er ist praktizierend orthodox und tritt als Wissenschaftler ein für einen säkularen Staat, eine rechtsstaatliche Demokratie der Gleichberechtigung aller Bürgerinnen und Bürger. Er tut dies aus jüdischer Überzeugung und Erfahrung und formuliert einen Kodex der Gleichberechtigung, da alles andere zum Scheitern verurteilt wäre. «Je mehr Zeit vergeht, desto weiter schreitet die Polarisierung des einen und des anderen Lagers und mit ihr die Spaltung im israelischen Lager selbst. Es wächst die Gefahr eines Bürgerkriegs zwischen Juden und Arabern – und zwischen Juden und Juden.»

Nötige Debatte

Talmons Zeilen sind aktueller denn je. Die Sorge um Israel sieht sich mit neuen Bedrohungsszenarien konfrontiert, die geopolitische Situation in der Region ändert sich schlagartig, der islamistische Totalitarismus wird virulenter und Premier Netanyahu kündigt, wie einst Begin, den Bau neuer Siedlungen in Ostjerusalem an und vergrämt noch Israels letzte Verbündete. Doch das Déjà-vu verkennt die Tatsache, dass die Diskrepanz in der Region zwischen Religion und dem von Talmon benannten näher rückenden griechischen Lebensprinzip eine gefährliche neue Kluft zwischen Gläubigen und Säkularen auf allen Seiten etabliert. Dies wird ihm Recht geben, wenn er anekdotisch zum Schluss kommt: «Einer der grössten orthodoxen Rabbiner Amerikas sagte mir, er kenne ausser der Klagemauer in Israel keinen authentischen heiligen Ort. Ich zweifle sogar an der Höhle Machpela.» Nun, die jüdische Debatte war nie Selbstzweck, sondern Selbstverständnis. Heute wäre eine solche Auseinandersetzung dringend geboten. ●