Die Vorstellung muss weitergehen
Nach einem missglückten Experiment haben die Israelis wieder auf die bewährte Repertoire-Politik zurückgegriffen. Die Bilder auf dem Theaterplakat für das nächste Stück aber lassen eines in der Schwebe: Soll man lachen oder weinen?
Der Star der revidierten Version einer Tragödie aus dem Jahre 1982 ist der unvermindert bedrohliche Ariel Sharon. Mit 73 darf er noch einmal auf den arabischen Erzfeind Yasser Arafat schiessen. Die wichtigste Nebenrolle in Sharons Kabinett der nationalen Einheit spielt Shimon Peres, der zehn Jahre lang versucht hat, Arafat zu einem Friedensabkommen zu überreden.
Sharon versuchte, in der missglückten Libanon-Invasion von 1982 Arafat und die PLO zu zerstören. Seine jüngsten Äusserungen lassen darauf schliessen, dass er als Premierminister beabsichtigt, Arafat an die Kandare zu legen, doch auch dies ist ein schwieriges Unterfangen. Vor allem darf er die verzweifelte Situation nicht auf die leichte Schulter nehmen, in die Israelis und Palästinenser in den blutigen Unruhen in der Westbank und Gaza gestolpert sind, die jetzt schon ein halbes Jahr dauern. Das oft als ausgelaugt und unpraktisch kritisierte politische System Israels widerspiegelt genau die unerbittliche, irrationale Welt des Nahen Ostens. Die palästinensisch-israelische Auseinandersetzung dreht sich im Kreise. Sie bringt die Protagonisten zurück zu unterschwelligen und vielleicht unlösbaren Konflikte über Land, Heime und die Bedeutung der Vergangenheit, welche vor einem halben Jahrhundert ihren Krieg ausgelöst haben. In regelmässigen Abständen überrascht jede Seite sich selber und uns mit der erneuten Entdeckung, sie könne den anderen weder gänzlich erobern noch völlig beschwichtigen.
Neue Schauspieler treten für eine Weile ins Rampenlicht, entweder in Verhandlungen, wie Ehud Barak, oder in Gewalt, wie Arafats Kommandanten zurzeit. Diese Experimente haben aber bald schon sowohl ihre Mittel erschöpft als auch die Geduld des Publikums - und beide Seiten lassen sich wieder in die bekannte Szenerie der Sackgasse zurückfallen. Arabische Intellektuelle und Politiker haben die Osloer Abkommen von 1993 nie als einen wegweisenden Durchbruch für sich angesehen. Die arabische Transformation würde später kommen, morgen, nachher. Ihr «nachher» stellt sich als der unerreichbare Tag heraus, an dem Arafat alles bekommt, was er will. Nach aussen hin scheint Israel kaum in einer ausweglosen Situation gefangen zu sein. Seine Wirtschaft ist hochmodern, ebenso wie seine Armee und seine Kommunikation. Seine Politik aber ist noch immer geprägt von den heroischen Legenden vergangener Generationen und dem Ideal einer egalitären demokratischen jüdischen Gesellschaft. Das politische System hat sich als ungeeignet erwiesen für die Aufgabe der Besetzung und Unterwerfung, welche die weitere israelische Kontrolle über die Palästinenser erfordert. Die Israelis können die Palästinenser nicht freigeben, doch sie können sie auch nicht festhalten. So dreht das System sich um sich selber und produziert regelmässig augenscheinlich sinnlose Regierungen der nationalen Einheit, zusammengesetzt aus Veteranen wie Sharon und Peres, und allen dazwischen liegenden Anschauungen.
Diese Dualität taucht schon beim ersten entscheidenden Dilemma auf, vor dem Sharon steht, nachdem er Barak abgelöst hat. Arafats palästinensische Behörde, die sogar bei vielen Palästinensern ungeliebt ist und der man nicht traut, lebt finanziell heute von der Grosszügigkeit der Ausländer. Sharon könnte der Behörde die Luft abdrehen, doch will er sich offenbar weder dem Chaos noch den internationalen Beschimpfungen aussetzen, die unweigerlich folgen würden. Stattdessen übt er Druck aus: In einer Kombination von Sicherheitsmassnahmen und Druck formuliert er vernünftige Bedingungen. Er wird mit Arafat nicht unter Feuer verhandeln. Und er wird auch keine der Behörde geschuldeten Gelder transferieren, und Palästinenser werden so lange, wie die Gewalt andauert, nicht in Israel arbeiten dürfen. Die Unruhe und die Blockade aber drohen, den entstehenden palästinensischen Staat zu Staub zu zermahlen. Die 30-40 Millionen Dollar, welche die Behörde monatlich an Löhnen, vor allem für ihre 40 000 Polizisten und Sicherheitsleute, entrichtet, stammen von Spenden der Europäischen Union, Norwegen und anderen ausländischen Spendern. Sollte Sharon diese Hilfe blockieren, würde die Palästinensische Behörde zusammenbrechen.
Hat der Teufelskreis des Nahen Ostens begonnen, sich dank der Verhandlungen, die Peres, Barak und Netanyahu (der auf seinen nächsten Einsatz wartet, sollte Sharon die Zeit auslaufen) mit Arafat geführt haben, in Richtung auf einen Frieden zu bewegen? Sogar Sharon scheint Vorteile in einem Drehbuch zu sehen, das in einer friedlichen Übereinkunft mit einem Palästinenser-Staat und in internationaler Kooperation endet. Das ist Lichtjahre entfernt von der Rolle, die er 1982 gespielt hat. Vielleicht ist dies, wie viele Araber warnen und nicht wenige Israelis fürchten, nichts anderes als eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Zurzeit aber muss Arafat akzeptieren, dass Sharon der Hauptspieler auf der Bühne ist. Will er nicht von den von ihm selber vom Zaune gebrochenen Unruhen weggeschwemmt werden, muss Arafat einem alten Antagonisten die Hand hinhalten, die Gewalt eindämmen und dafür sorgen, dass die Vorstellung weiter geht.
The Washington Post Authors’ Group