Die Verweigerung des Ausschlusses
Schon am ersten Abend von Pessach widerspiegelt sich dessen ganze Schönheit. Wenn wir von der Synagoge zurückkommen, finden unsere Familien den Tisch üppig gedeckt vor – aber nicht in der gewohnten Art. In der Mitte prangt die Sederplatte, auf ihr liegt mit einer Serviette zugedeckte Matza: Brot des Elends, Zeichen der Knechtschaft, Heraufbeschwörung des hastigen Aufbruchs aus Ägypten in Richtung Freiheit, der dem Teig nicht die Zeit liess, um aufzugehen. Rund um die Matza reihen sich die kleinen Schüsseln mit den symbolischen Inhalten, unter ihnen Maror, Lattich und Rettich; Zutaten mit der Bitterkeit des hebräischen Lebens in Ägypten, die an die Leiden der Sklaverei erinnern.
Betrachten wir doch etwas genauer, woraus die Lehre von Pessach besteht, denn es handelt sich bei ihr um eine wahrhaftige Lektion über das Leben und die Erhöhung. Es wird uns gesagt, dass wenn wir uns daran erinnern müssen, in Ägypten Fremde gewesen zu sein, dies darum geschieht, damit wir nie mehr andere als Fremde behandeln. Und weil wir selbst die Knechtschaft gekannt haben, müssen wir uns für immer selbst verbieten, andere auszuschliessen oder vorschnell zu
beurteilen. Nun müssen wir aber noch verstehen, wie wir diese Anweisung im praktischen Leben befolgen können. In diesen Zeiten, in denen Ungewissheit und Ausgrenzung in all ihren möglichen Erscheinungsformen so viele Menschen berühren, ist die Antwort auf diese Frage wesentlich. Denn die Mizwa des Maror leitet uns an, die Entstehung einer Gesellschaft zu fördern, die sich auf das Gegenteil dessen ausrichtet, was Ägypten für unsere Vorfahren war. Jenes Israel, das aufzubauen ist, kann in gewisser Weise als «Anti-Ägypten» gedacht werden.
Ort ohne Stigmatisierung
Wie hallt diese Anweisung in uns wider, die wir an jeder Strassenecke mit menschlichen Wesen konfrontiert sind, die verhöhnt, wie eine Sache behandelt, ausgeschlossen werden? Wir wissen, dass sich eine Person, die sich ausgegrenzt fühlt, nach dem sehnt, was ihr ihre Ausgliederung verbietet und was sie sich manchmal selbst versagt, um sich dem ihr bereiteten Los anzupassen: nach einem Ort zum Sein, nach Sicherheit, einer Stütze, um sich daran aufzurichten.
In erster Linie aber braucht sie einen Ort, von dem sie sich nicht ausgeschlossen fühlt, einen Ort des Abstands zu einer Gesellschaft, die verurteilt und taxiert. Einen Ort, dessen einzige Normen jene der Innerlichkeit wären, also jene Normen, die sich dem Blick, der Definition, der Beurteilung und der Stigmatisierung entziehen. Einen Ort, an dem die Person nicht einzig aufgrund ihrer Mängel oder ihrer Abweichung vom Ideal beurteilt wird, sondern aufgrund dessen, was sie mit
allen gemeinsam hat. Einen Ort, an dem es nichts unter Beweis zu stellen gilt.
Einen Ort, wo das eigene Existenzrecht nicht gerechtfertigt werden muss. Einen Ort, an dem das Gefühl der Zugehörigkeit zur menschlichen Gemeinschaft wiedergefunden werden kann, weil sich dort Personen befinden, die nichts anderes als dies gemeinsam haben. Einen Ort, wo einfache und verständliche Riten es erlauben, sich leicht in die Gemeinschaft der Menschen einzufügen.
Aber nebst solchen Orten braucht es in der Begegnung mit den «Ausgeschlossenen» auch empfindsame Personen, welche die Erfahrungen jener, die ihnen begegnen, nachfühlen und verstehen können. Personen, die feinfühlig genug sind, den anderen anzuerkennen – nicht anhand dessen, was sie sehen, sondern durch das, was sie in ihm erwartet. Personen, die auch imstande sind, direkt oder indirekt ihre persönliche Integrität unter Beweis zu stellen.
Weil die Spiritualität auf die Aufgaben des Daseins und die unverfälschte Begegnung abzielt, gehört sie hier dazu. Die religiösen Institutionen werden von der Öffentlichkeit wenn nicht als Monopolisten, so doch oft als jene wahrgenommen, die spezifisch dazu berufen sind, Menschen aufzunehmen, die offenbar den Zugang zur Menschlichkeit verloren haben. Die Institutionen verkörpern eine Kraft der Aussöhnung für das Wesen, das seine Identität verloren hat.
Aufmerksamkeit verleiht Wert
Diese Erfahrung jener Berufung, diese Kompetenz in der Menschlichkeit steht in der Geschichte der religiösen Institutionen und der Religionen festgeschrieben, aber sie pflegen auch ihr Gedächtnis daran.
Ebenso steht ihnen auch das Erbe der spirituellen Erfahrung zur Verfügung, welche sie in Situationen gesammelt haben, die punktuelle Gemeinsamkeiten zu jener der Ausgeschlossenen aufweisen. Es sind dies speziell die Situationen des Bruchs oder der Widersprüchlichkeit gegenüber dem sozialen Umfeld. Sie wissen, wie viel Konzentration, Aufmerksamkeit und Fähigkeit der Rückkehr zu sich selbst solche Situationen verlangen.
So leitet uns das Nachsinnen über Pessach und im Speziellen über Maror, so wir denn aufrichtige Zeugen der Spiritualität sein wollen, dazu an, auch die banalsten Handlungen unseres Alltags zu vertiefen und zu hinterfragen, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht viele Elemente der persönlichen Erkenntnis oder der Wesentlichkeit für andere aufweisen. Dies aber heisst, gegen den heute aktuellen Strom zu schwimmen, in dem wir alle medialen Zugriff auf einen Überfluss an Geschehnissen haben, ohne allerdings auch Zugang zu deren Sinn zu erhalten und ohne sie in die persönliche Erfahrung einreihen zu können. Wer gewisse religiöse Stätten besucht hat, deren Architektur von grosser Bedeutung ist, kennt diese äusserste Aufmerksamkeit, die man Dingen in der eigenen Reichweite zuteil kommen lässt. Es ist genau jene ihnen gewidmete Aufmerksamkeit, die ihnen ihren Wert – und ihre starke Ausstrahlung – verleiht.
Am Pessachabend fordert uns das Maror mit seiner Vorstellung von der Bitterkeit der Sklaverei dazu auf, jenen Ort energisch von uns zu weisen, an dem der Mensch verurteilt und ausgeschlossen wird. Es erinnert uns daran, dass es möglich ist, zu hoffen und schon jetzt eine Welt zu erschaffen, die von der Offenheit des Herzens regiert wird.
Der Autor ist der Oberrabbiner Frankreichs.