Die verkannte Revolution
Die neue Weltordnung. Das Jahr 2011 steht für die erste Revolution im 21. Jahrhundert. Wieder eine Revolution für Freiheit und Befreiung von Menschen, nachdem etwa die Revolten in Iran oder Thailand im letzten Jahr niedergeschlagen wurden. Vor den Augen der verunsicherten, irritierten und überforderten Weltöffentlichkeit verändert sich die geopolitische Landkarte fundamental mit Auswirkungen weit über die mittelöstliche Region hinaus – und mit bisher unklarem Ausgang. Ob das Virus «Freiheit» letztlich auch die Menschen gegen Regime in Gaza, Iran oder Saudi-Arabien ansteckt, und was in Algerien, Jordanien, Libanon und Libyen geschehen wird, weiss heute niemand. Doch 2011 reiht sich ein in die Jahre 1789 und 1989, die für Bewegungen stehen, an deren Ausgangspunkt der Wille und der Wunsch nach Freiheit des Individuums, Gleichberechtigung und Befreiung von den selbst- und nicht von Bürgerinnen und Bürgern ernannten Obrigkeiten stand.
Die neue Freiheit. Die nordafrikanische arabische Welt der Regime bricht zusammen: Tunesien, Ägpyten, Jemen. Nach Kolonisation, nach Diktatur und Scheindemokratie kämpfen die Menschen erstmals offen für Freiheit, gegen soziale Misstände, Vetternwirtschaft und Korruption. Erstmals seit Langem sind es nicht inszenierte, manipulierte Demonstrationen gegen den Westen, die USA oder Israel sondern für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Die Menschen auf der Strasse stürzen fast waffenlos Regime, die vom Westen nach dem zynischen Prinzip «Stabilität statt Demokratie» gestützt wurden, das zu oft vom Faktor Öl anstatt vom Faktor Grundrechte genährt war. Sie kämpfen für jene Freiheit, auf die sich der Westen spätestens seit der Aufklärung beruft und seither längst nicht allen gewährte.
Die neue Perspektive. Die Tatsache, dass der falsche westliche Blick auf die Region ein Teil des Problems wurde, dass die wahren Verhältnisse
falsch beurteilt anstatt vorurteilslos erkannt wurden, die Tatsache, dass der Westen noch bis zuletzt mit den Diktatoren taktierte statt mit der Bevölkerung, ist Ausdruck einer Arroganz, gegen die sich immer mehr Aggression angestaut hat.
Das neue Israel. Sicherheit wird nicht durch Militär und Waffen, sondern durch Aufklärung, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Demokratisierung erreicht. Die biblische, die mythische, die kulturelle und die moderne Geschichte Israels waren seit jeher eng verknüpft mit den Ereignissen im Nachbarland: Josefs Exil, Hungersnöte, Sklaverei, Plagen, Wüstenwanderung, das goldene Kalb, die Offenbarung, Moses’ Begründung des Monotheismus – die Leiden im alten Ägypten der Hochkultur, die Kriege 1948, 1956, 1967, 1973 sowie Anwar el-Sadats Handschlag von 1977 zum Frieden mit dem Ägypten der Gegenwart sind ebenso eng an die Identität Israels geknüpft wie das Exil in Babylon für die Juden. Das bedeutet auch, dass Israel und die Juden in aller Welt ebenso wie Europa und die USA die Freiheitsbewegungen eher stützen müssen als die totalitären Diktaturen. Denn es gibt keine Freiheit für sich selbst, wenn sie anderen nicht gewährt wird. Die Tatsache, dass in der Region erstmals eine Autonomie der Bevölkerung etabliert werden könnte, ist für Israel voraussichtlich der grösste Garant für Sicherheit und vielleicht sogar für Frieden. Nur ein sehr rasch funktionierendes Parteiensystem mit demokratischen Strukturen, anstatt die Fixierung auf eine sterbliche Politführung, nur Gewaltentrennung, freie Wahlen und freie Bürger als Souverän werden die drohende Anarchie oder den herrschenden Bürgerkrieg abwenden und den bestehenden Friedensvertrag sichern können.