Die vergessenen Juden

Von Julian Voloj, May 13, 2011
Vor 20 Jahren fand die Operation «Salomon» statt, in der innerhalb von 36 Stunden nahezu 15 000 Juden aus Äthiopien nach Israel gebracht wurden. Das äthiopische Volk tut sich auch heute noch schwer im Umgang mit seiner jüdischen Geschichte - dies zeigt auch ein Besuch vor Ort.
EHEMALIGE SYNAGOGE IN WOLLEKA Eine traditionelle Strohhütte mit Davidstern

Eine Reise nach Äthiopien ist immer auch eine Zeitreise. Zum einen hängt das damit zusammen, dass Äthiopien eines der ärmsten Länder der Welt ist, und sobald man die Hauptstadt Addis Abeba verlässt, intensiviert sich das Gefühl, dass hier vieles seit Jahrhunderten unverändert seinen Lauf nimmt. Zum anderen haben die Äthiopier ihren eigenen Kalender, dessen Jahreszählung dem gregorianischen sieben Jahre und etwa neun Monate hinterherläuft. Demnach befinden sich die Menschen in Äthiopien im Jahr 2003.
Egal nach welchem Kalender man geht, diesen Monat jährt sich zum 20. Mal die Operation «Salomon». Damals befand sich das Land am Rande eines Bürgerkriegs und Israel sah die Sicherheit der jüdischen Gemeinde bedroht. Binnen 36 Stunden wurden fast 15 000 äthiopische Juden nach Israel gebracht. Ein Massenexodus der Superlative, an den sich heute in Äthiopien so gut wie niemand mehr erinnert.

Vergessenes Judentum

Äthiopien tut sich schwer mit dem Umgang mit seiner jüdischen Geschichte. Oder genauer gesagt, mit den Beta Israel, wie sich äthiopische Juden selbst nennen.
Im Nationalmuseum von Addis Abeba werden beispielsweise Äthiopiens Religionen präsentiert: zunächst das orthodoxe Christentum, dann der Islam, und schliesslich die Naturreligionen. Das Judentum vermisst man gänzlich. Lediglich im Ethnologischen Museum werden die Falasch Mura neben anderen ethnischen Gruppen erwähnt. Der oft benutzte Ausdruck Falascha bedeutet so viel wie «Aussenseiter» und hat eine negative Konnotation.
Andererseits erzählen viele Äthiopier einem gern, dass sie jüdische Wurzeln haben, die sie auf die Liaison von König Salomon und der Königin von Saba zurückführen. So ist es selbstverständlich, dass etwa der Löwe von Juda genauso wie der Davidstern, den man hier «salomonisches Siegel» nennt, allgegenwärtig sind, etwa am Präsidentenpalast in der Hauptstadt.
Der Überlieferung zufolge wurde das heutige Äthiopien von Ethiopik, dem Urgrossonkel von Noah, besiedelt. Ethiopiks Sohn Axumai gründete die Hauptstadt Axum und schuf eine Herrscherdynastie, die fast 100 Generationen Bestand hatte. Die letzte Herrscherin soll Makeda gewesen sein, die ihren Palast ausserhalb von Axum in Saba hatte, und deshalb Königin von Saba genannt wurde.

Christentum als Staatsreligion

Zu Beginn ihrer Herrschaft besuchte die Königin in Jerusalem König Salomon, und aus der intimen Freundschaft der beiden resultierte nicht nur Makedas Konversion zum Judentum, sondern auch ein Sohn, Ibn al-Malik («der Sohn des Königs»), der spätere König Menelik. Gemäss «Kebra Nagast», dem äthiopischen Nationalepos, reiste Menelik im Alter von 22 Jahren nach Jerusalem zu seinem Vater, der ihn als Sohn willkommen hiess. In Jerusalem studierte Menelik drei Jahre lang die mosaischen Gesetze, doch als Salomon ihm als ältestem Sohn seinen Thron anbot, entschied sich Menelik, in seine Heimat zurückzukehren.
Als Gesandtschaft schickte Salomon jeweils 1000 Erstgeborene der zwölf Stämme mit Menelik nach Äthiopien. Unter ihnen war auch Azariel, der Sohn des Hohepriesters, dem Gott den Auftrag gab, die Bundeslade nach Äthiopien zu bringen. Für die meisten Äthiopier ist die «Kebra Nagast» kein literarisches Werk, sondern Geschichtsschreibung. Äthiopier sind davon überzeugt, dass sich die Bundeslade noch heute in Äthiopien befindet, und zwar in Axum, der ehemaligen Hauptstadt nördlich von Addis Abeba. Zwischen dem ersten und dem siebten Jahrhundert n. d. Z. war Axum das Zentrum einer wichtigen und technologisch fortgeschrittenen Zivilisation, dessen Reich bis nach Sudan, Jemen und Arabien reichte. Die Axumiter entwickelten das Geez-Alphabet, das die Grundlage für Tigre und Amharisch, zwei der wichtigsten äthiopischen Sprachen, bildet. Im vierten Jahrhundert konvertierte der Axumiter König Ezana zum Christentum und zwischen 337 und 340 wurde das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Davor, davon ist auszugehen, waren die Axumiter wohl jüdisch. Die Annahme des Christentums als Staatsreligion war der Beginn von verschiedenen Religionskriegen, so sind Konflikte mit jüdischen Führern unter anderem aus Jemen überliefert.

Unterdrückung der Juden

Man weiss nur sehr wenig über den Niedergang des Axumiter-Reiches. Ein Grund für den Niedergang waren wohl die einzelnen Religionskriege. Ein Name taucht in diesem Bezug immer wieder auf: Königin Yodit, die als Tochter des jüdischen Königs Gideon am Tanasee geboren wurde. Die Expansion des Christentums führte zur Unterdrückung der äthiopischen Juden, die ihre Religion nicht aufgeben wollten. Königin Yodit schaffte es, die einzelnen jüdischen Gruppen der Region zu vereinigen und einen Marsch auf Axum zu organisieren. Während der Schlacht wurde der Grossteil der Stadt zerstört, darunter auch viele Kirchen. Yodit regierte 40 Jahre, sie starb 892, und ihr folgte die Zagwe-Dynastie. Die Zagwe konvertierten auch aus politischen Gründen zum Christentum und somit kam die Bundeslade von jüdischem in christlichen Besitz und ist heute – da sind sich die Äthiopier einig – in der Maryam-Zion-Kirche in Axum. Im Gegensatz zu der prächtigen Maryam-Zion-Kirche wirken die ehemaligen Synagogen von Wolleka sehr bescheiden. Es handelt sich um traditionelle Strohhütten, die an der Spitze einen Davidstern haben. Der Ausdruck Synagoge ist irreführend, da es in der Tradition der Beta Israel keine Synagogen oder Rabbiner gibt; die Versammlungsstätten heissen Mesgid, die Vorbeter Kahen (Priester).

Ein seltsamer Ort

Juden leben nicht mehr in Wolleka, aber dafür Falasch Mura ­­– Christen, deren Vorfahren Juden waren und von denen nicht wenige hoffen, eines Tages nach Israel auswandern zu können. Nach dem Exodus der Beta Israel übernahmen christliche Äthiopier das Dorf, und verwandelten es in einen jüdischen Themenpark für No­stalgietourismus. Viele der Gebäude sind mit Davidsternen bemalt. Überall werden eher traurig aussehende Souvenirs wie etwa Tonfiguren von Salomon und der Königin von Saba verkauft. Die meisten der sehr wenigen Touristen, die den Weg hierher finden, kommen aus Israel.
Wolleka ist nur etwa fünf Kilometer von der Stadt Gondar entfernt, dessen Schlosskomplex unter maurischem, portugiesischem und indischem Einfluss entstand und allgemein als «Camelot Afrikas» bezeichnet wird. Im Gegensatz zu anderen Orten, in denen die Beta Israel lebten, ist Wolleka daher leichter zu erreichen, auch wenn die Zugangsstrasse nicht asphaltiert und nicht für alle Fahrzeuge geeignet ist.
Wolleka ist ein seltsamer Ort. Als die Kommunisten an der Macht waren, gab es in Äthiopien offiziell keine Juden. Die Beta Israel lebten hier, aber offiziell existierten sie nicht. Über 20 Jahre später ist Wolleka ein Touristenort geworden, in dem Judentum präsentiert wird, auch wenn hier keine Juden mehr leben. Tourismus ist in Wolleka, das sich nun offiziell als Falaschadorf («Falasha Village») bezeichnet, primäre, wenn nicht einzige Einnahmequelle.
Ausserhalb des Dorfes befindet sich der jüdische Friedhof. Es ist ein kurzer Spaziergang entlang staubiger Felder. Auf einer Anhöhe, gegenüber einem ausgetrockneten Flussbett, befinden sich bunte Grabsteine, umgeben von einer Mauer, die vor einigen Jahren mit Spenden aus Amerika und Israel errichtet wurde. Obwohl es ein jüdischer Friedhof ist, findet man hier keine hebräischen, sondern lediglich äthiopische Inschriften und jüdische Symbole wie etwa eine Menora oder einen Davidstern. Es ist ein ruhiger Ort. Man hört das Zirpen von Insekten. Ansonsten ist es still hier. Eine Gedenktafel ist an der Mauer des Friedhofs angebracht. Der Text erinnert in Amharisch, Hebräisch und Englisch an die äthiopischen Juden, die auf dem Weg ins gelobte Land starben. Dies ist wohl der einzige Ort in Äthiopien, an dem an die Operation «Salomon» erinnert wird.