Die Vereinigten Staaten im Nahen Osten und ihr Verhältnis zu Israel
Auch sechs Jahre nach der Invasion im Irak bleibt ihre militärische Präsenz dort das wichtigste aussenpolitische Engagement der Vereinigten Staaten. Gleichzeitig hat Washington keinen engeren Verbündeten und Mitstreiter in der internationalen Arena, als Israel. Dieses Bündnis ist eindeutig enger, als etwa die vielzitierte "spezielle Beziehung" zwischen den USA und Grossbritannien. Allerdings sind das Engagement im Nahen Osten und die engen Beziehungen zu Israel keine Konstanten der amerikanischen Aussenpolitik, sondern jüngeren Datums und das Ergebnis einer längeren und keineswegs geradlinigen Entwicklung. Wir wollen diese anhand dreier Akteure in der amerikanischen Gesellschaft nachzeichnen: der politischen Eliten, der amerikanisch–jüdischen Gemeinschaft und der übrigen Bevölkerung. Am Ende dieses Essays steht der Versuch, die Zukunft der amerikanisch-israelischen Beziehungen zu umreissen.
Vor dem Zweiten Weltkrieg ist der Vordere Orient in der Wahrnehmung der meisten Amerikaner bestenfalls gelegentlich als exotische Kuriosität aufgetaucht, wie etwa in der Reportage von Lowell Thomas über Lawrence von Arabien. In der Zwischenkriegszeit war Grossbritannien – formell und informell – immer noch die dominierende auswärtige Macht in der Region und Nordafrika. Eine Ausnahme bildeten die von Frankreich beherrschten Gebiete in Nordafrika und Teilen des Fruchtbaren Halbmondes, aus denen 1946 Syrien und Libanon hervorgehen sollten. Britische Konzerne kontrollierten die Ölproduktion im Nahen Osten nahezu vollständig. Die USA schienen zu akzeptieren, dass die Region zur britischen Einflusssphäre gehörte. Um den Zionismus machten sich die amerikanischen Eliten kaum Gedanken.
Die Interessen der US-Regierung in Nahost wurden damals weitgehend von Diplomaten im Aussenministerium formuliert, die zum überwiegenden Teil "Arabisten" waren und dem Zionismus keine Sympathie entgegenbrachten. Einzelne Politiker waren der jüdischen Nationalbewegung freundlich gesonnen, aber dies hielt sich in deutlich überschaubaren Grenzen. Die nichtjüdische Bevölkerung Amerikas hatten weder die geringste Ahnung, noch das geringste Interesse an den Vorgängen in der Region.
Die amerikanischen Juden waren in vier Gruppen gespalten. Die Nachkommen der zumeist Mitte des 19. Jahrhunderts aus Deutschland und Mitteleuropa eingewanderten Juden hatten es bereits überwiegend zu Wohlstand gebracht und waren auf Assimilation bedacht. Sie gehörten zumeist Gemeinden der Reformbewegung an und wurden politisch vom American Jewish Committee repräsentiert. Ihre überwiegende Mehrheit lehnte den Zionismus eben deshalb ab, weil Assimiliation in die amerikanische Gesellschaft ihr Ziel war. Im Vergleich mit den nach 1890 aus Russland, Weissrussland, der Ukraine, Litauen, Polen, Rumänien und anderen Teilen Osteuropas eingewanderten "Ostjuden" waren die deutschen Juden nur eine kleine Minderheit. Die meisten dieser Juden waren bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges entweder arme Arbeiter in urbanen Gebieten oder betrieben kleine Läden und Unternehmen. In dieser Gruppe fanden sich drei politische und kulturelle Strömungen. Da waren zum einen die Radikalen, die in jeder der damaligen marxistischen und sozialistischen Organisation vertreten waren. Sie lehnten religiöse Bindungen ab und konzentrierten ihre ganze Energie auf den Klassenkampf. Für die meisten von ihnen war der Zionismus schlicht nichts weiter als eines von vielen der von ihnen abgelehnten "bürgerlichen" National-Projekte. Eine zweite Gruppe unter den "Ostjuden" blieb der Orthodoxie stark verbunden und lehnte die Assimilation ebenso ab, wie politischen Radikalismus und den Zionismus. Gleichwohl gab es unter ihnen einige religiöse Zionisten. Die dritte Gruppe hing jedoch dem Zionismus an. Uns liegen keine Zahlen vor, aber sie können nicht mehr als ein Viertel der amerikanisch-jüdischen Bevölkerung gewesen sein. Sie waren politisch schwach. Dies liess sich drastisch an der Tatsache erkennen, dass es ihnen kurz vor und während dem Zweiten Weltkrieg nicht gelungen iist, die amerikanische Regierung zu einer grosszügen Öffnung der Grenzen für Hitler-Flüchtlinge oder anderen Massnahmen zu bewegen, die im Sinne der Zionisten gewesen wären.
In unserer Beschreibung darf ein weiteres Element nicht fehlen: Sowohl unter den Eliten, als auch in der Bevölkerung allgemein war Antisemitismus die vorherrschende Haltung gegenüber Juden. Die USA verstanden sich immer noch als ein weisses und protestantisches Land. Natürlich stand der Anti-Katholizismus dem Antisemitismus in nichts nach und wurde nur von der bösartigen Feindseligkeit überboten, die den damals als Negern und Indianern bezeichneten Menschen entgegenschlug. All diese angefeindeten Gruppen setzten sich grösstenteils aus Arbeitern mit niedrigen Einkommen zusammen.
Der Zweite Weltkrieg warf diese Zustände über den Haufen. Dies geht zum einen auf den Wandel in der amerikanischen Aussenpolitik zurück. Die Vereinigten Staaten beschlossen, sich einen direkten Zugang zum Öl im Nahen Osten zu sichern. Das Treffen von Franklin D. Roosevelt und Ibn Saud auf dem Kreuzer USS Quincy auf dem Grossen Bittersee in Ägypten zwei Monate vor dem Tod des Präsidenten besiegelte eine politische Allianz, die bis heute fortbesteht. Die Briten erkannten nach 1945, dass sie nicht mehr über die zur Aufrechterhaltung ihrer regionalen Position notwendige, politische und militärische Macht verfügten und reichten den Dirigentenstab im Nahen Osten an die USA weiter.
Zweitens ging der Krieg mit der Erkenntnis zu Ende, dass die Nazis einen Grossteil der europäischen Juden vernichtet hatten. Gleichwohl waren die Siegermächte mit einer beträchtlichen Zahl jüdischer Überlebender konfrontiert, die nicht mehr in ihre Geburtsländer zurückkehren wollten. Die meisten von ihnen strebten die Einwanderung in den USA, in zweiter Linie nach Grossbritannien, Kanada und Australien an. Einige, wenn auch nicht sehr viele, wollten nach Palästina gehen. Da weder die USA, noch die anderen, bevorzugten Einwanderungsländer willens waren, eine grosse Zahl staatenloser Juden aufzunehmen, erschien Palästina sowohl für westliche Entscheidungsträger, als auch für die Flüchtlinge selbst eine interessante Alternative zu sein.
Dies zog unter anderem nach sich, dass die USA nun eine gewisse Verantwortung für die Vorgänge in Palästina nach dem Abzug der Briten übernehmen mussten. Aus der britisch-amerikanischen Übereinkunft Palästina betreffend ging die Resolution der Vereinten Nationen von 1947 hervor, die zwei Staaten auf dem geteilten Mandats-Gebiet die Unabhängigkeit versprach. Aus amerikanischer Sicht erreichte die Teilung drei Dinge: Sie kam dem Drängen der Zionisten auf einen jüdischen Staat entgegen, bot eine Lösung des jüdischen Flüchtlingsproblems in Europa und stärkte die Hand der Amerikaner bei der Übernahme der britischen Ölinteressen in Nahost.
Die palästinensischen Araber und die unabhängigen arabischen Staaten lehnten die Teilungslösung ab. Als Israel am 15. Mai 1948 seine Unabhängigkeit erklärte, unterblieb eine entsprechende Erklärung in den von der UN für eine arabisch-palästinensische Souveränität vorgesehenenGebieten. Stattdessen brach sofort ein Krieg zwischen Israel und sämtlichen arabischen Staaten aus. Obwohl die USA und die Sowjetunion miteinander gewetteifert hatten, Israel als erster Staat anzuerkennen, reagierte nur Washington auf den israelisch-arabischen Krieg mit der Erklärung eines Waffenembargos. Die Sowjetunion lieferte jedoch Waffen an Israel, sowohl direkt, als auch über seine osteuropäischen Satelliten, in erster Linie die Tschechoslowakei. Diese Unterstützung trug erheblich zum israelischen Sieg bei und verhalf dem jüdischen Staat zur Übernahme von Gebieten, die der UN-Teilungsplan den Palästinensern zugedacht hatte. Die davon noch verbliebenen Territorien wurden von Ägypten und Jordanien
besetzt. Ein palästinensisch-arabischer Staat entstand nicht.
In den Jahren von 1948 bis 1967 veränderte sich die Haltung der amerikanischen Juden allmählich. Die Zionisten stellten Israel nicht allein als die historische Wiederauferstehung jüdischer Staatlichkeit dar, sondern als antikoloniale Leistung und Modell eines demokratischen Sozialismus, wie er in den Kibbutz im Form angenommen hatte. Der Unabhängigkeitskrieg und die israelische Öffentlichkeitsarbeit danach reduzierten die Ablehnung gegenüber dem Zionismus unter den Assimilationisten, den politischen Radikalen und der orthodoxen Gemeinde beträchtlich. Ganz verschwand sie jedoch nicht.
In dieser Periode vollzogen sich drei weitere Veränderungen, die für unsere Analyse bedeutsam sind. Erstens erlebte die Weltwirtschaft insgesamt eine unglaubliche Expansion, die mit der Übernahme einer unangefochtenen, hegemonialen Rolle in diesem Welt-System durch die USA einherging. Zweitens begann ein "kalter Krieg" zwischen den USA und der Sowjetunion. In den Vereinigten Staaten wurde das politische Klima von einer intensiv antikommunistischen Ideologie geprägt, die rasch synonym mit Patriotismus wurde. Drittens durchlief der sozio-ökonomische Status der amerikanischen Juden eine massive Transformation.
Die erste und die dritte Entwicklung gingen Hand in Hand miteinander. Dank dem Wirtschaftsaufschwung und der staatlichen Stipendien für heimkehrende Soldaten konnten zahlreiche amerikanische Juden Universitäten besuchen und Rollen in der Mittelklasse des gesellschaftlichen Gefüges übernehmen (gleiches gilt für die wichtigsten katholischen Gruppen europäischer Herkunft). So verblieben Ende der 1960er Jahre kaum noch arme oder proletarische Juden in den USA. Diese Entwicklung zog einen grundlegenden Wandel in der Haltung der bislang nicht-zionistischen Gruppen des amerikanischen Judentums – Assimilationisten deutsch-jüdischer Herkunft in
der Mittelklasse, politisch-radikale Juden und die orthodoxe Gemeinschaft – Israel gegenüber nach sich.
Israel kam zudem der Wandel in seiner innenpolitischen Landschaft zu gute. Die Sowjetunion liess den jüdischen Staat schon bald nach 1948 fallen. Dies ging auf sowjetische Bedenken bezüglich des amerikanischen Engagements im Nahen Osten, sowie die Vermutung im Kreml zurück, dass die Araber zuverlässigere und bedeutsamere Verbündete abgeben könnten, als die Israelis. Die Sowjets waren zudem davon überrascht worden, dass die Existenz eines jüdischen Staates die Gefühle der Juden in der Sowjetunion ansprach – und dies lief der systematischen Kontrolle zuwieder, die das stalinistische System über seine Bürger ausübte.
Derweil hatten die Algerier 1954 ihren Unabhängigkeitskrieg begonnen. Die Franzosen machten sich daher auf die Suche nach nützlichen Verbündeten für den Kampf gegen diesen massiven Angriff auf ihr Selbstverständnis als Nation. Sie fanden einen solchen Alliierten in Israel, das bereit war, den arabischen Nationalismus überall zu bekämpfen, wo dieser auftrat. Von den Sowjets verlassen und unsicher über die Intentionen Amerikas, wandte sich Israel nun Frankreich als seiner wichtigsten Quelle internationaler Unterstützung zu.
Es waren französische Waffen, die es Israel ermöglicht haben, 1956 im Verein mit Frankreich und Grossbritannien Ägypten unter Nasser erfolgreich anzugreifen. Und es waren die USA, die diese Attacke unterbunden und die drei Länder zum Rückzug gezwungen haben. Dies hat die französisch-israelische Liebesaffäre natürlich nur verstärkt, in deren Rahmen Paris entscheidend zur Entwicklung israelischer Atomwaffenbeigetragen hat. Diese Beziehungen blühten bis 1962, als die Franzosen den Algeriern die Unabhängigkeit zugestanden. Nun beschloss die französische Regierung, der Wiederherstellung ihrer Beziehungen zu den jetzt unabhängigen nordafrikanischen Staaten höchste Priorität einzuräumen. Dabei kamen den Franzosen ihre Verbindungen zu Israel in die Quere. Wie die Sowjetunion vor ihr, liess die französische Regierung Israel ohne grosse Umstände fallen und General De Gaulle machte mit einer antisemitischen Beurteilung des Weltjudentums von sich reden:"peuple d'élite, sûr de lui-même et dominateur".
Zur Wasserscheide in der Nahostpolitik wurde das Jahr 1967 und das sowohl innerhalb Israels und unter den politischen Eliten Amerikas, als auch unter den Juden in den USA und im Westen insgesamt. 1967 waren die Israelis nervös, möglicherweise ohne Anlass. Aber sie sahen einen politisch starken Nasser in Ägypten, der ihnen gegenüber nicht nur feindselig auftrat, sondern scheinbar auch arabische Truppen für eine Invasion aufmarschieren liess. Und die Israelis dachten, dass ihnen im Zweifelsfall keine auswärtige Macht zur Seite stehen könnte. So beschlossen sie einen präventiven Angriff auf Ägypten. Jordanien und Syrien traten in den Krieg ein. Mit Blick auf Frankreich lagen die Israelis richtig: Obwohl Israel unter den Politikern und Intellektuellen grosse verbale Unterstützung genoss, verhängte die französische Regierung ein Waffenembargo gegen alle Kriegsparteien.
Dennoch errangen die Israelis binnen sechs Tagen an allen drei Fronten militärische Siege. Als die Waffen ruhten, kontrollierten sie das gesamte Gebiet des britischen Palästina-Mandats. Israel beseitigte nicht nur die Teilung von 1948, sondern hatte mit dem Golanhöhen und der Sinai-Halbinsel zusätzliche Gebiete erobert, die nicht Teil des Mandats gewesen waren. Für die meisten Israelis ging mit dem Sieg der zionistische Traum in Erfüllung. Die israelische Regierung zeigte keine ernsthaften Absichten, mit Irgendjemandem über die Rückgabe der besetzten Gebiete zu verhandeln. Darüberhinaus machte ihr militärischer Sieg die Israelis zuversichtlich, dass sie ihre neugewonnene Position auf unabsehbare Zeit würdenaufrechterhalten können. Es liegt auf der Hand, dass weder die de facto Einverleibung der Westbank und Gazas, noch die de jure Annektion von Ostjerusalem von den Vereinten Nationen oder den Grossmächten anerkannt wurden. Aber in den nun folgenden 40 Jahren verfolgten israelische Regierungen auf den besetzten Gebieten eine Siedlungspolitik, um Realitäten "vor Ort" zu schaffen, welche die Expansion Israels verfestigen sollten.
Gleichzeitig durchlief die jüdische Gemeinschaft Amerikas eine politische Transformation. Sämtliche Vorbehalte dem Zionismus gegenüber schienen über Nacht verschwunden. Zweifel an der Existenzberechtigung Israel unter Assimilationsanhängern, politischen Radikalen und Orthodoxen lösten sich fast vollständig auf. Stattdessen waren amerikanische Juden nun stolz auf den Staat Israel, der sich als erstklassige Militärmacht bewiesen hatte. Nun rückten Synagogen und andere jüdische Organisationen bei der der Sozialisierung der amerikanisch-jüdischen Jugend die Herausbildung einer tiefen Verpflichtung Israel gegenüber in den Mittelpunkt.
Die Existenzberechtigung Israels erlebte auch in ideologischer Hinsicht einen bedeutsamen Wandel. Von den Kibbutzim war von nun an keine Rede mehr – zum einen, da sich diese nicht gedeihlich entwickelten, zum anderen aber, weil sie zu "sozialistisch" erschienen. Dafür wurden zwei neue Themen entwickelt. Das erste war der Holocaust, der vor 1967 kaum diskutiert worden war. Den Holocaust in den Mittelpunkt nicht nur der jüdischen Erinnerung in den USA zu rücken, wurde zu einer vorrangigen Anstrengung amerikanischer Juden. Der Holocaust wurde sowohl für die Rechtfertigung der jeweiligen Politik israelischer Regierungen gegenüber arabischen Bevölkerungen benutzt, als auch als Argument für die moralische Verpflichtung der USA (und anderer westlicher Mächte), Israel in seinen Konflikten mit der arabischen Welt zu unterstützen.
Das zweite Thema war "Israel, der Vorposten der Demokratie im Nahen Osten". Der Subtext davon lautete "Israel, der einzige zuverlässige Verbündete der Vereinigten Staaten im Nahen Osten". Diese Themen standen in deutlichem Kontrast zu den frühen Tagen des jüdischen Staates. So war Israel 1949 eines der ersten Länder gewesen, das die Volksrepublik China
anerkannte. Bis 1967 waren derartige "linke" Gesten aus der israelischen Aussenpolitik verschwunden. Nun wurde betont, wie sehr Israel westlichen Werten und Verbündeten verpflichtet war. Und erst nach 1967 wurde das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC), das sich "die pro-israelische Lobby Amerikas" nennt, zu einer bedeutenden Kraft in der amerikanischen Politik, deren Einfluss sowohl im Kongress, als auch in der Exekutive stark anwuchs.
Der israelische Sieg von 1967 hatte jedoch über die politische Klasse hinaus tiefe Auswirkungen auf die nicht-jüdische Öffentlichkeit der USA. Die Nation stand damals mitten im Vietnamkrieg, der nicht so gut verlief, wie weithin erhofft und sowohl in Westeuropa, als auch innerhalb der USA selbst auf wachsende Opposition stiess. In dieser schwierigen internationalen Situation wurde Israel als verlässlicher Freund im Nahen Osten zu einem seltenen Lichtblick.
Die nicht-jüdische Öffentlichkeit war von einem Israel beeindruckt, das ebenso viril, wie pro-westlich erschien. In erster Linie dem Triumph demokratischer Kräfte in den USA zu verdanken, schien der Niedergang des Antisemitismus bei den Bürgern die Überzeugung zu nähren, dass sie Israel gewogen sein sollten. Dieser Standpunkt wurde wortreich von
amerikanisch-jüdischen Organisationen propagiert, die dazu neigten, Antizionismus mit Antisemitismus gleichzusetzen. Sogar unter den protestierenden Studenten von 1968, die überwiegend auf Seiten der Dritten Welt standen, waren kaum offene Sympathien für die Palästinenser anzutreffen. Die Abwesenheit einer sichtbaren, auf den Strassen Israel demonstrierenden palästinensischen Bewegung mag zu diesem Mangel an Sympathiebekundungen geführt haben.
1967 haben de Vereinten Nationen ihre berühmte Resolution 242 verabschiedet. Was diese genau besagt, wird seither heftig debattiert, aber im Kern stellt sie einen unmissverständlichen Ruf nach einer Lösung "Land gegen Frieden" dar: Israel soll sich von den besetzten Gebieten zurückziehen und wird dafür von den arabischen Staaten anerkannt. Doch die Resolution wurde nie umgesetzt. Im Jahr 1967 war nicht erkennbar, ob Israel entschlossen war, sich daran zu halten. Aber es ist offenkundig, dass Israel damals auch nicht bereit war, einen unabhängigen palästinensischen Staat in Betracht zu ziehen. Stattdessen konzentrierte
sich die politische Diskussion in Israel auf die Möglichkeit einer Rückgabe der Westbank an Jordanien. Die damalige israelische Ministerpräsidentin Golda Meir erklärte, ein palästinensisches Volk existiere nicht.
Der sogenannte Jom Kippur-Krieg von 1973 (der auch Ramadan- oder Oktoberkrieg genannt wird) sollte die praktischen Konsequenzen des Waffengangs von 1967 aufheben. Dies gelang jedoch nicht. Die arabischen Streitkräfte schlugen sich zunächst zwar gut, aber dennoch errangen die Israelis an allen Fronten Siege. Diesmal hatten die USA Israel während der Kampfhandlungen militärischen Nachschub in erheblichem Umfang geliefert. Damit hatte Israel seine dritte internationale Garantiemacht gefunden.
Dem Jom Kippur-Krieg folgte die dramatische Anhebung der Ölpreise durch die OPEC. Dies wurde als Attacke der ölproduzierenden Länder auf den Westen gewertet. Aber wir sollten uns daran erinnern, dass die treibenden Kräfte dafür der damals vom Schah regierte Iran und Saudiarabien waren, die engsten Verbündeten der USA im Nahen und Mittleren Osten. Eine langfristige Analyse der OPEC-Entscheidung zeigt, dass diese den USA dazu verholfen hat, ihre Position in der Region zu stärken, die Westeuropas und Japans in der Weltwirtschaft jedoch zu schwächen. 1978 waren die USA in der Lage, das sogenannte Camp David-Abkommen zu vermitteln, dass in einem ägyptisch-israelischen Friedensvertrag, der Rückgabe der Sinai-Halbinsel an Ågypten, sowie der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten mündete.
Als Ronald Reagan 1981 US-Präsident wurde, hatte er dies dem Aufkommen jener Kräfte zu verdanken, die wir heute die christliche Rechte nennen. Darunter sind evangelikale, meist in ländlichen Regionen lebende Amerikaner zu verstehen, die Reagan aus ihrer bisherigen politischen Abstinenz erwecken konnte. Diese Kräfte begannen nun ihren Siegeszug in
der republikanischen Partei und wandten deren Fokus den sogenannten sozialen Themen wie dem Kampf gegen die Abtreibung und später gegen die Homosexualität zu. Diese Gruppierung hat den Höhepunkt ihrer Macht bekanntlich unter der Präsidentschaft von George W. Bush erreicht.
Die christliche Rechte hat in der Regel ein starkes Militär und eine unilaterale Projektion amerikanischer Macht auf der Weltbühne befürwortet. Der Nahe Osten und speziell Israel waren ihr ein besonderes Anliegen. Ihre Theologie betont die Notwendigkeit der Etablierung eines jüdischen Staates im gesamten biblischen Palästina als Voraussetzung der Wiederkehr Christi. Die Christlich-Rechten wurden militantere Zionisten, als die israelische
Regierung. Selbstverständlich umfasst ihre Theologie auch den Glauben daran, dass die Juden bei der Rückkehr Christi auf die Erde zwischen seiner Anerkennung als Erlöser und ewiger Verdammnis wählen müssen. Aber das fiel kaum ins Gewicht: Israel hatte erstmals einen mächtigen Unterstützer unter der nicht-jüdischen Mehrheit Amerikas.
1987 begannen die Palästinenser in den besetzten Gebieten ihre erste Intifada. Der Aufstand dauerte sechs Jahre an und verwandelte die politische Landschaft in Israel und der Region insgesamt. Zum einen machte die Intifada deutlich, dass die arabischen Bevölkerungen in Israel und den besetzten Gebieten zu ernsthaftem politischen Widerstand fähig waren.
Zweitens lenkte sie die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit erstmals auf die Vergehen Israels an den Palästinensern. Der David Israel begann sich in den Augen Vieler in einen Goliath zu verwandeln.
Die Intifada hatte zwei wesentliche Folgen. Erstens drängte die amerikanische Regierung unter Präsident George H.W. Bush die Israelis zu Verhandlungen mit der PLO und Jassir Arafat. Deren Folge war das Oslo-Abkommen, dem weitere, von Präsident Bill Clinton unterstützte Verhandlungen folgten. Diese erreichten ihren Höhepunkt – nicht jedocheinen erfolgreichen Abschluss – im Januar 2001 bei den Treffen in Taba. Man könnte sagen, dass die genannten Vereinbarungen und Gespräche gescheitert sind. Aber dennoch hat die Weltgemeinschaft dadurch erstmals die Unabhängigkeit Palästinas als Konzept anerkannt.
Die zweite Konsequenz war eine Neubewertung der moralischen Dimension des israelisch-palästinensischen Konfliktes in der Weltgemeinschaft. Während man bis zur Intifada davon ausgehen konnte, dass die meisten Bürger der USA und der westlichen Staaten mit Israel sympathisierten, wandten sie viele von ihnen nun grundsätzlich den Palästinensern zu. Dadurch kam eine unaufhaltsame Lawine in Bewegung. Von Vorgängen wie dem Libanon-Krieg von 2006 und der Invasion Israels im Gaza-Streifen begleitet, wachsen die
Symapthien für die Palästinenser Jahr für Jahr.
Mit dem Amtsantritt von George W. Bush im Jahr 2001 hat sich die Lage erneut gewandelt. Ausschlaggebend dafür war der Entschluss von Bush, 2003 im Irak einzumarschieren. Dies lässt sich leicht als "Chronik eines vorhergesagten Todes" darstellen. Die Neocons haben den Krieg im Verein mit den Militaristen bereits im Jahr 1997 angekündigt, lange vor den Anschlägen von 9/11, die dann als Deckmäntelchen der Invasion herhalten mussten. Die Bush-Politik wurde von ihren Autoren als Versuch verstanden, die unwidersprochene Hegemonie der USA über das Weltsystem wiederzustellen.
In zweiter Linie sollte der Einmarsch im Irak den Interessen Israels dienen. Die israelische Regierung verstand dies und begrüsste das Abenteuer enthusiastisch. Die Bush-Regierung ging in ihrer Unterstützung Israels sehr viel weiter, als jede ihrer Vorgänger. So akzeptierte Bush die Idee, die jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten seien unumstössliche Tatsachen und müssten bei einer endgültigen Friedensregelung nur geringfügig reduziert werden. Bei den Einmärschen der Israelis im Libanon und in Gaza genossen sie die rückhaltlose Unterstützung Washingtons.
Doch derartige Allianzen bringen das Problem mit sich, dass ein Rückschlag für den einen auch den anderen Partner in Mitleidenschaft zieht. So bekam Israel das Fiasko der amerikanischen Politik im Irak zu spüren, die nicht nur das internationale Ansehen der USA, sondern auch deren ökonomische Statur untergraben hat. Nun mussten sich sowohl die amerikanischen Eliten, als auch die Israeli einer schmerzhaften Bestandsaufnahme unterziehen.
Deren Umrisse wurden bei einer Ansprache deutlich, die der israelische Premier Ehud Olmert am 26. Juni 2006 vor dem 35. Zionistischen Weltkongress hielt. Olmert bekräftigte die historische Position des Zionismus der Diaspora gegenüber und sagte, "jeder Jude der Welt muss nach Israel kommen, damit die jüdische Frage ein für alle Male gelöst wird."
Dies war sicherlich keine Botschaft, der die meisten amerikanischen Juden – wie zionistisch sie auch immer gesonnen sein mögen – hören, geschweige den befolgen wollten.
Wie wird die Zukunft aussehen? Israel hat sich bislang stets auf die Existenz einer internationalen Garantiemacht verlassen – teils für politische und wirtschaftliche Unterstützung, vor allem aber für Militärhilfe. Wie oben ausgeführt, hat die Sowjetunion diese Rolle zuerst und für eine ebenso kurze, wie essentielle Periode übernommen. Danach folgte für eine etwas längere Zeit Frankreich. Spätestens seit 1967 waren die Vereinigten Staaten der Beschützer Israels. Es ist geopolitisch unvorstellbar, wie Israel ohne die Hilfe dieser drei Mächte hätte überleben können. Damit steht für Israel die Frage auf der Tagesordnung, ob es sich auch zukünftig auf die totale (oder nahezu fraglose) Unterstützung durch die Vereinigten Staaten verlassen kann. Ich bezweifle dies und zwar aus drei Gründen.
Die erste Ursache ist die objektive Tatsache des geopolitischen Niedergangs der USA, der bereits in vollem Gange ist. Der Abstieg Amerikas als globaler Hegemon begann um 1970 und verlief zunächst langsam. Die Bush-Regierung wollte dies durch eine unilaterale, militärische Macho-Politik umkehren, doch ihre geopolitischen Schwachsinnigkeiten liessen den allmählichen Niedergang zum Absturz ins Bodenlose werden. Heute ist der wirtschaftliche, politische, kulturelle, ja sogar der militärische Abstieg Amerikas unumkehrbar geworden. In den kommenden Jahrzehnten wird diese Tatsache für Jedermann erkennbar werden. Den informierten Eliten weltweit ist er bereits vertraut.
Die zweite Ursache hat mit unserer Erwartung an die Reaktion Amerikas auf seine Entthronung zu tun. Es ist durchaus denkbar, dass dies sowohl den Eliten, als auch der Bevölkerung allgemein zunächst sauer aufstossen wird. Eine alternative Reaktion würde bei den Betroffenen sehr viele Kenntnisse voraussetzen: Bislang ist es ehemaligen Hegemonialmächten in ihren späten Jahren meist gar nicht einmal so schlecht ergangen ist. Sofern sie sich den neuen Realitäten anzupassen verstanden, konnten sie von den Guthaben ihrer fetten Jahre zehren. Andere Amerikaner jedoch könnten sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen wollen und dem historischen Isolationismus der Nation eine Renaissance bescheren. Und viele könnten sich auf die Suche nach Sündenböcken begeben. Weder dies, noch ein neuer Isolationismus Amerikas würde Gutes für Israel bedeuten.
Der dritte Grund ist, dass der Antisemitismus klassischer Ausprägung in den USA nicht tot ist. Er wurde lediglich in den Untergrund getrieben, wo “anständige” Leute nicht mehr darüber sprechen, nicht einmal zu sich selbst. Diese Auffassung schien die Rede Olmerts im Jahr 2006 implizit zu teilen. Wenn Gruppen in Not geraten, pflegen alten Dämonen wieder ihr Haupt zu heben. Wir haben dies miterlebt, als dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime Manifestationen multipler Fremdenfeindlichkeit auf dem Fuss folgten. Derartiges könnte sich durchaus auch in den Vereinigten Staaten abspielen. Es ist keineswegs klar, wie sich die christlichen Zionisten in einer solchen Situation verhalten, oder was sie empfinden würden.
Diese drei Tatsachen könnten zu einer neuen Beurteilung des Zionismus durch die amerikanisch/jüdische Gemeinschaft führen. Einige könnten noch zionistischer werden und den erneuerten Antisemitismus als Beleg für die Notwendigkeit der Existenz Israels als letzte Zuflucht betrachten. Diese Gruppe könnte sogar nach Israel auswandern. Andere jedoch könnten sich in die entgegensetzte Richtung wenden. Da die amerikanischen Juden politisch überwiegend weiterhin Links der Mitte stehen, könnte sich letztendlich der weltweit auf der Linken vorherrschenden Meinung Israel gegenüber anschliessen. Diese Trendwende hat schon begonnen.
Derweil scheinen die Ruhmestaten von 1967 zumindest für die junge Generation in Israel gegenüber den neuen geopolitischen Realitäten an Glanz zu verlieren. Verlöre das Land die USA als Garantiemacht auf der internationalen Bühne, wer könnte dann an die Stelle Amerikas treten? Dafür gibt es nur einen plausiblen Ersatz und dieser steht momentan nicht in Betracht: Wir sprechen dabei von einem unabhängigen palästinensischen Staat, der von der überwältigenden Mehrheit der Palästinenser als legitim anerkannt werden müsste. Dies wäre jedoch nur denkbar, wenn die Hamas und ähnliche Bewegungen darin repräsentiert wären. Ist dies möglich? Derzeit erscheint dies höchst unwahrscheinlich. Weder die Israeli, noch die Palästinenser scheinen heute empfänglich für diese Idee und auf beiden Seiten ist Pessimismus tonangebend. Aber wir wissen aus der Geschichte, dass tiefe, mörderische Konflikte zwischen Völkern geheilt werden können – nicht auf wundersame Weise, sondern politisch, nach langen Mühen und tiefer Erschöpfung. Selbstverständlich haben nicht alle historischen Konflikte dieser Art ein solches vernünftiges Ende gefunden. Etliche gingen mit weniger angenehmen Konsequenzen aus. Weder ich, noch sonst irgendjemand kann vorhersagen, welches Ergebnis in diesem Fall erreicht werden kann. Ich bin mir aber sicher darüber, dass die Zeit ihrem unvermeidlichen Ende entgegenstrebt, in der sich die USA und Israel rückhaltlos aneinander klammern. Man kann schon heute absehen, dass Israel
auf sich allein gestellt sein wird.