Die Theorie des Genozids

Von Andreas Schneitter, November 3, 2011
Warum geschieht Völkermord, und wie lässt er sich verhindern? Der Politikwissenschaftler Daniel Goldhagen zeigte an der Universität Basel seinen Dokumentarfilm «Schlimmer als Krieg».

Als der Mann, der zu den Hutu gehört und keinen Namen trägt, im Film von Daniel Goldhagen nach dem «Warum» befragt wird, kann er sich nur mit Metaphern aus der Meteorologie helfen. Ein «Nebel» und eine «dunkle Wolke» habe seinen Verstand geraubt, als er 1994 mit der Machete loszog und seine Landsleute in Ruanda, die Tutsis, in Stücke hackte. Innert dreier Monate wurden im Völkermord von Ruanda 800 000 Menschen umgebracht, durch Knüppel, Pistolen, Macheten. An Effizienz, hört man Goldhagen später sagen, habe der Genozid der Hutus an den Tutsis selbst Hitlers Gaskammern übertroffen.
Daniel Goldhagen ist ein amerikanischer Politikwissenschaftler und ein Mann, der mit seinen Thesen für Aufregung sorgt. 1996 entfachte sein Buch «Hitlers willige Vollstrecker» eine spannungsgeladene Debatte in Deutschland, und da war bereits die Spur gelegt, die 2009 zu «Schlimmer als Krieg», seiner Abhandlung über Völkermorde als Buch und Film, führte – stilistisch, vor allem aber auch inhaltlich.

Fassungslosigkeit

Goldhagen, Sohn eines Geschichtsprofessors und Holocaust-Überlebenden, pflegt einen Stil der Betroffenheit und Identifikation. Im Film erhalten seine persönlichen Empfindungen, seine Fassungslosigkeit und sein fruchtloses Bemühen um Verständnis der Grausamkeiten in Ruanda, im Nationalsozialismus, in Bosnien, Guatemala und im Osmanischen Reich grosszügigen Raum. Zwei übergeordnete Fragen behält Goldhagen, jeder Partikularität der Ereignisse zum Trotz, stets im Blick: Warum geschieht das? Und wie lässt es sich verhindern?
In der Podiumsdiskussion, die an die Filmvorführung anschloss, gab Goldhagen die Antworten selbst: Ein Völkermord sei keine affektive Handlung der Massen, sondern ein aus «rationalen Überlegungen» vollzogener Entscheid der Machthaber. Das heisst: Es rechnet sich. «Unsere Aufgabe ist es also», sagte Goldhagen, «den Machthabern das Gegenteil zu zeigen: Es rechnet sich nicht.» Dazu bieten sich verschiedene Möglichkeiten, und eine davon beantwortet gleichzeitig die zweite Frage: Interventionismus. Zeichne sich ein drohender Völkermord ab – und solche Zeichen seien stets erkennbar, so Goldhagen –, müsse von aussen in die Souveränität eines Staates eingegriffen werden, denn: «Ein Staat, der seine Bürger nicht beschützt, hat seine Souveränität verloren», sagt Goldhagen.

Aus der Vergangenheit lernen

Von aussen – wer soll das sein? Die Uno? In Ruanda wie in Bosnien haben die internationalen Truppen versagt, alternative Institutionen mit einer entsprechenden Legitimation gebe es jedoch nicht. Dann müsse man sie schaffen, forderte Goldhagen. Christian Tomuschat, Professor für internationales Recht und Kommissionsmitglied zur Aufklärung der Kriegsverbrechen im guatemaltekischen Bürgerkrieg, konterte mit der Realpolitik: «In Guatemala wurde die Militärdiktatur von der USA gedeckt», – hätte sich eine Intervention mit den USA anlegen sollen? Nicolas Michel, Rechtsprofessor in Genf, zeigte Goldhagen die Fülle der verschiedenen internationalen Abkommen auf, die bereits die Rechtsgrundlage für externe Interventionen gelegt hätten, und Jürg Lindenmann, Völkerrechtler im Schweizer Aussenministerium, gab zu bedenken, dass etwa in Ruanda, wo der Völkermord quer durch die Bevölkerung verlief, die Massaker kaum mit einer Militärintervention verhindert hätten werden können. Tomuschat schliesslich hob die Bedeutung der Aufarbeitung vergangener Völkermorde hervor. «Die Hoffnung ist, aus der Vergangenheit zu lernen, wenn man die Funktionsmechanismen eines Genozids kennt», sagte er. «Man soll die Wunden wieder öffnen.»