Die syrische Zeitbombe
Der Krieg in Libyen lenkt Washington von den intensivsten Unruhen in Syrien ab. Doch während Libyen laut Pentagon-Chef Robert Gates kein «vitales Interesse» der USA darstellt, steht Syrien im Zentrum der amerikanischen Nahost-Politik. Die Strategen in Washington wären daher gut beraten, Syrien mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Syrien bildet den Knotenpunkt eines ganzen Netzwerkes komplizierter Beziehungen im Nahen Osten. Die dortigen Unruhen haben nicht nur bereits mindestens 100 Menschenleben gefordert, sondern haben auch das Potenzial, die ganze Region zu erschüttern. War das Assad-Regime über Jahrzehnte auf die Abwehr amerikanischen und israelischen Drucks konzentriert, so muss es sich jetzt unversehens mit lange vernachlässigten inneren Problemen auseinandersetzen. Laufen diese aus dem Ruder, so wird Syriens aussen-politischer Einfluss unweigerlich leiden. Daher zittern die Verbündeten von Damaskus bereits, während seine Gegner Morgenluft wittern. Der Ausgang der aktuellen Krise ist ungewiss.
Droht eine Eskalation?
Die Unruhen begannen Mitte März in der südsyrischen Stadt Deraa, die unter Dürre ebenso gelitten hat wie von mangelnder Sorge seitens der Regierung. Dort wird die schwere Hand der herrschenden Baath-Partei besonders verabscheut. Derartige lokale Bedingungen haben die aus Tunesien und Ägyten kommenden Impulse verstärkt und Proteste angefacht. Die brutale Reaktion der Regierung – die Armee hat das Feuer auf Demonstranten eröffnet – und deren anschliessende Beschuldigung israelischer Provokateure hat die Situation weiter verschärft und landesweite Unruhen ausgelöst.
Dabei staut sich in Syrien schon lange Zorn über die schlechte Wirtschaftslage, mangelnde Freiheiten und die Korruption der herrschenden Elite. Das Regime hat mit der Aufhebung des Ausnahmerechts und der Freilassung politischer Gefangener reagiert, um die Lage zu entspannen. Eine Eskalation der Krise scheint dennoch möglich. Die Demonstranten stellen die Grundfesten der 1970 von Hafez el-Assad aufgerichteten Diktatur in Frage, die dessen Sohn Bashar im Jahr 2000 übernommen hat. Allem Anschein nach haben die Demonstrationen intensive Debatten innerhalb des Regimes zwischen Reformern und Hardlinern ausgelöst.
Schwäche Syriens
In der Region bildet Syrien den Angelpunkt einer Allianz mit Iran und der libanesischen Hizbollah, die von Israel mit grosser Feindseligkeit beobachtet wird. Auch Washington traut Syrien nicht über den Weg. Israel hat mehrfach versucht, die Hizballoh zu zerschlagen (zuletzt 2006) und Syrien von Iran zu lösen, das Israel als seinen gefährlichsten Rivalen in der Region betrachtet. Die aktuelle Schwäche Syriens untergräbt die Macht dieser Achse und könnte den Einfluss Irans in der arabischen Welt schwächen sowie seine Gegner und Verbündeten zu riskanten Aktionen provozieren.
In Libanon scheint die schiitische Hizbollah bereits in die Defensive zu geraten. So hat der ehemalige, sunnitische Premier Saad Hariri das Arsenal der Hizbollah jüngst nicht als Bedrohung Israels, sondern als Faustpfand Irans und als Gefahr für Libanon bezeichnet. Die Unruhen in Syrien drohen so die Spannungen zwischen den Sektengemeinschaften im Libanon zu verschärfen. Gleichzeitig droht der Hizbollah der Verlust ihres Patrons in Damaskus, sollte das Assad-Regime weiter in die Defensive geraten.
Grosse Sorge
Auch die Türkei beobachtet die Unruhen mit grosser Sorge. Damaskus hat sich zum Eckpfeiler der Arabien-Politik Ankaras entwickelt, während die Spannungen mit Israel ständig zunahmen. Ankara hat sich um die Bildung eines Wirtschaftsblocks mit Syrien, Libanon und Jordanien bemüht, um regionale Spannungen abzubauen. Die Unruhen in Syrien gefährden dieses Projekt. Von diesen Problemen könnte jedoch Ägypten profitieren, das nach dem Sturz Hosni Mubaraks wieder eine aktivere Rolle in der Region spielen dürfte. Kairo hat anscheinend seine enge Zusammenarbeit mit Israel gegenüber der Hamas-Regierung in Gaza aufgegeben und bemüht sich um eine Aussöhnung der palästinensischen Fraktionen. Dies könnte die Spannungen zwischen Israel und den diversen Gruppen in Gaza beilegen.
Allerdings zeichnet sich angesichts der extremen Frustrationen militanter Palästinenser über den gescheiterten Friedensprozess die Gefahr neuer, blutiger Anschläge auf israelische Ziele ab, die den Fokus der Welt zurück auf den Palästina-Konflikt lenken dürften. Gleichzeitig könnte die israelische Regierung die Schwäche Syriens für einen schnellen, harten Schlag nutzen, um die Hamas auszuschalten. Syrien hat die Hamas nach Kräften unterstützt und ihrem politischen Führer Khaled Mashal in Damaskus einen sicheren Hafen bereitet.
Hass und Intoleranz
So spielt Syrien in Bezug auf Iran sowie seine unmittelbaren Nachbarn Irak, die Türkei, Libanon, Palästina und Israel eine Schlüsselrolle. Aber die innenpolitischen Probleme in Syrien haben nicht nur bi- und multilaterale Auswirkungen, sondern könnten auch ganz allgemein Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften der Region verschärfen und so noch mehr Hass, Intoleranz und Misstrauen in dieses Krisengebiet tragen. Wie fast alle Staaten der Region wurde das moderne Syrien auf einem Mosaik alter Religionen, Sekten und Ethnien gebaut, die nur unter Gewaltdrohung von einer Zentralregierung zusammengehalten werden. Doch die jeweiligen Regierungen sind alles andere als neutral, sondern bevorzugen oder repräsentieren meist nur eine von mehreren Bevölkerungsgruppen.
So fühlen sich viele sunnitische Muslime in Syrien gegenüber der Alawiten-Sekte benachteiligt, der die Assad-Familie angehört. Ursprünglich eine verarmte Minderheit, stellen die Alawiten nur zwölf Prozent der Bevölkerung, kontrollieren heute jedoch den grössten Teil der syrischen Wirtschaftschaft. Ein offener Konflikt zwischen Sunniten und Alawiten in Syrien hätte enorme Auswirkungen auf die Gesamtregion und stellt einen Alptraum für Washington und die Europäische Gemeinschaft dar.
Grosse Unsicherheit
Doch speziell in Washington herrscht derzeit grosse Unsicherheit gegenüber der zunehmenden Unruhe in Syrien. Die Obama-Regierung hat das harte Vorgehen des Regimes in gemässigten Tönen gerügt und politische Reformen ermutigt. Aber die Untertöne sprechen unverkennbar dafür, dass Washington stabile Zustände in Syrien weiterhin einem weiteren Experiment in arabischer Demokratie bevorzugt. Die USA setzen darauf, dass Assad rasch und entscheidend – und hoffentlich nicht zu brutal – handelt, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. So hat Aussenministerin Hillary Clinton dem Regime sogar bescheidene Unterstützung gewährt, als sie Bashar Assad einen «Reformer» genannt hat. Aber der Assad-Klan war seit jeher weniger auf Reform als auf die Sicherung seiner Macht bedacht. Doch diese Position scheint nun zu bröckeln.
Die USA würden daher gut daran tun, etwas weniger Zeit auf Libyen zu verwenden und stattdessen mehr über die Vorgänge in Syrien nachzudenken, das wirklich von elementarer Bedeutung für die amerikanischen Interessen ist. Wenn die Dinge in Syrien aus dem Ruder laufen, könnten blutrünstige Dämonen sektiererischer Gewalt freikommen, die den gesamten Vorderen Orient in eine Orgie der Gewalt stürzen.
Seit der Veröffentlichung von Patrick Seales Klassiker «The Struggle for Syria» (1965) gilt der britische Historiker und Publizist als führender Kenner Syriens. Der vorliegende Beitrag beruht auf einem Essay Seales in der amerikanischen Fachzeitschrift «Foreign Policy».