Die «Superjuden» müssen verstummen

Von Tobias Müller, November 18, 2011
Antisemitische Ausfälle gegen den vermeintlich jüdischen Club Ajax Amsterdam gehören im niederländischen Fussball zum Alltag. Um sie zu beenden, steht nun auch Ajax selbst in der Pflicht.
ISRAELFLAGGEN IN DEN FANBLOCKS Viele Fans von Ajax Amsterdam kultivieren eine jüdische Identität und Symbolik

Wer je einen Match des niederländischen Fussballclubs Ajax Amsterdam besuchte, sah dort zweifellos eine grössere Zahl von Israel-Flaggen in den Fanblocks, begegnete schon auf dem Weg ins Stadion Anhängern, die sich lautstark als «Superjoden» feierten, hatte Gesänge wie «Joden kampioen», «Juden Champions», noch Stunden nach dem Spiel in den Ohren klingen, und bemerkte später noch den einen oder anderen Ajax-Schriftzug an den Wänden der Hauptstadt – begleitet von einem Davidstern.
Der niederländische Rekordmeister, 1900 gegründet, war nie offiziell ein jüdischer Club. Doch in seiner Anhängerschaft spiegelte sich schon bald die Bevölkerungsstruktur einer Stadt, die einst zu zehn Prozent aus Juden bestand. Einige leitende Funktionäre und wenige Spieler waren Juden, und das alte Ajax-Stadion lag nahe beim früheren jüdischen Viertel Amsterdams, was das Bild der Gästefans entsprechend prägte. Heute kultivieren viele Fans, ähnlich wie bei Tottenham Hotspur in London, eine jüdische Identität mit entsprechender Symbolik.
Genau dies hat Ajax Amsterdam in diesem Herbst einigen Ärger eingebracht: die niederländische Stiftung BAN, die Antisemitismus in Fussballstadien bekämpft, reichte im September eine zivilrechtliche Klage gegen den Club ein, weil er nicht energisch gegen die «Juden»-Sprechchöre auftrete, die wiederum bei den Gegnern antisemitische Reaktionen provozierten.

«Adolf, hier laufen noch elf»

Das Thema ist nicht neu: Judenfeindliche Entgleisungen tauchen seit Jahrzehnten in den Stadien der Ehrendivision auf, wenn Ajax antritt. «Hamas, Hamas, Juden ins Gas», lautet der bekannteste. Auch «Wir gehen auf Judenjagd» oder «Adolf, hier laufen noch elf, wenn du sie nicht vergast, machen wir’s selbst» gehören zum Reportoire. Vor allem die Fans von Metropolen-Clubs wie ADO Den Haag und besonders Feyenoord Rotterdam tun sich damit hervor. Um hinterher zu behaupten, keineswegs «richtige» Juden beleidigen gewollt zu haben, sondern «nur» die verhassten Amsterdamer. Und die nannten sich schliesslich selber Juden.
Der niederländische Fussballverband KNVB, Bürgermeister der betroffenen Städte und antirassistische Initiativen bemühen sich seit Jahren, diskriminierende Sprechchöre aus den Stadien des Landes zu verbannen. Was den Antisemitismus rund um Ajax Amsterdam betrifft, ist dabei auch die jüdische Schein-Identität seiner Anhänger ins Visier geraten. «Natürlich haben sie keine antisemitischen Absichten, wenn sie sich Juden nennen», sagt Hans Knoop, Sprecher der Stiftung BAN und einer der profiliertesten jüdischen Journalisten des Landes. «Dennoch können wirkliche Juden es als unangenehm empfinden, dass sie 90 Minuten ‹Joden› – Sprechchöre hören müssen oder ‹Wer nicht hüpft, der ist kein Jude›.»

Fragwürdige Fan-Folklore?

Genau das bestätigt Bennie Muller, der jüdische Ajax-Mittelfeldstar der sechziger Jahre, der als Kind nur um ein Haar der Deportation entkam: «Wenn ich sie dort ‹Superjuden› schreien höre, kommt mir alles wieder hoch. Ich bin schon mal von der Tribüne weggelaufen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte.» Und der bekannte Fernsehmoderator Frits Barend berichtet, sein Bruder sei von den Sprechchören einmal «körperlich krank» geworden und meide seither das Ajax-Stadion.
Aus solchen Gründen distanziert sich die Clubleitung seit Längerem vom jüdischen Image und entsprechender Fan-Folklore. Ohne Erfolg allerdings, sodass 2009 auch das Israel-Informations- und Dokumentationszentrum (CIDI) in Den Haag die Ajax-Anhänger aufforderte, auf besagte Gesänge
zu verzichten. Elise Friedmann, Leiterin der dortigen Abteilung Antisemitismusforschung, ist sich gleichsam bewusst, dass CIDI sich damit auf heikles Terrain begab. «Natürlich sind die ‹Juden›-Gesänge keine Entschuldigung für Antisemitismus. Und sie provozieren ihn ebenso wenig wie ein Minirock eine Vergewaltigung.» Eine Fandelegation lehnte jeden Zusammenhang als «Unsinn» ab.
Das drohende Gerichtsverfahren scheint nun zumindest auf Seiten des Vorstands Folgen zu haben: nach einigen Unterredungen mit der Stiftung BAN kündigte man an, statt Aufrufe zu formulieren endlich einen «Dialog» mit den eigenen Fans zu führen – «damit niemand mehr durch den Gebrauch des Namens verletzt wird». BAN zog daraufhin im Oktober die Klage zurück und steht nun im regelmässigen Austausch mit dem Club. «Über den Inhalt der Gespräche haben wir Stillschweigen vereinbart», sagt Sprecher Hans Knoop. Gegenüber tachles versichert er aber, Ajax wolle das Problem nun wirklich lösen. «Hätten wir diesen Einruck vorher gehabt, hätten wir das Verfahren gar nicht gestartet.»
Der Kommentar des Clubs ist kurz, aber beherzt: «Ein Ajaxler ist ein Ajaxler, weil er oder sie Ajax im Herzen trägt und mit dem Club durch dick und dünn geht. Nicht mehr und nicht weniger. Rasse, Geschlecht oder Glaube haben damit nichts zu tun und hatten das auch noch nie.»