Die Suche nach der Tempel-Menora

May 11, 2010
Seit der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer rätseln Juden und Christen über den Verbleib der sakralen Gegenstände aus Jerusalem.
Modell des zweiten tempels Heimstätte der heiligen Gerätschaften, unter ihnen die Tempel-Menora

von Steven Fine

Was ist Geschichte und was Mythos? Was ist wahr und was Legende? Diesen Fragen wollte der damalige israelische Religionsminister Shimon Shetreet nachgehen, als er 1996 Papst Johannes Paul II. (1978–2005) traf. Wie Shetreet später erklärte, bat er den Vatikan damals «um Unterstützung bei der Suche nach der goldenen Menora aus dem Zweiten Tempel, die Titus im Jahr 70 nach Rom gebracht hat». Shetreet berief sich auf neue Forschungsergebnisse der Universität Florenz, die es möglich erscheinen liessen, dass sich die Menora unter den verborgenen Schätzen des Vatikans befindet. Shetreet war sich seiner Sache nicht sicher, aber er «bat den Papst um Hilfe bei dieser Suche im Geiste der verbesserten Beziehungen zwischen Christen und Juden». Augenzeugen dieser Unterhaltung berichten, nach der Bitte des Ministers habe sich ein «gespanntes Schweigen über den Anwesenden ausgebreitet».

Vergebliches Bemühen

Ich habe seither Kontakt mit der Universität Florenz aufgenommen und mich nach den von Shetreet erwähnten Forschungsergebnissen erkundigt. Aber keiner meiner Gesprächspartner dort hatte je davon gehört. Doch damit ist diese Geschichte noch nicht zu Ende. So hat sich einer der beiden Oberrabbiner Israels bei deren historischem Vatikan-Besuch im Jahr 2004 erneut nach der Menora erkundigt. Bei anderer Gelegenheit war der damalige israelische Präsident Moshe Katzav in der Angelegenheit aktiv. Auf meine Anfrage beim israelischen Aussenministerium wurde mir dazu in einer offiziellen E-Mail mitgeteilt: «Die Anfragen von Shetreet, dem Präsidenten und der Oberrabbiner reflektieren die lange vertretene Überzeugung, dass die katholische Kirche als Erbin Roms die Beute des Imperiums, die etwa auf dem Triumphbogen des Titus dokumentiert wird, übernommen hat. Es wird daher angenommen, dass sich unter den geraubten Schätzen des jüdischen Volkes in den Lagerräumen des Vatikans auch die Tempel-Menora befindet. Dies bedeutet aber noch nicht, dass rund 2000 Jahre Zeit genug für das Aussenministerium waren, eine politische Haltung zu dieser Frage zu entwickeln. Inoffiziell hoffen wir jedoch auf die Rückführung der Schätze des jüdischen Volkes in ihr rechtmässiges Heimatland. Aber wir erwarten nicht, dass die vor dem Erscheinen des Messias geschieht.»

Diese Anfragen bei der Kirche sind nur ein Ausdruck der jüdischen Hoffnung auf die Rückkehr der Tempel-Menora nach Jerusalem. Um den Leuchter ranken sich zahlreiche Legenden und viele Juden halten diese auch für historische Tatsachen. Laut einer dieser Geschichten hat ein gewisser Rabbiner aus Amerika den Leuchter im Vatikan gesehen. In einer anderen Version war dies einem marokkanischen Geistlichen aus Israel namens Rabbi Pinto vergönnt. Eine dritte Variante berichtet von einem Vatikan-Besuch des ehemaligen israelischen Oberrabbiners Isaac Herzog bei Papst Pius XII. (1939–1958). Dabei stand eigentlich die Rettung jüdischer Kinder zur Debatte, aber der Papst soll Rabbi Herzog bei dieser Gelegenheit die Menora gezeigt, deren Rückgabe jedoch verweigert haben.

Eine «Urbane Legende» und ihr Kern

Der ehemalige Direktor der Büchereien des Vatikan, Vater Leonard Boyle, berichtet von jüdischen Touristen aus den USA, die ihn angesprochen und ihm ganz naiv erklärt hätten, ihre Rabbiner hätten ihnen aufgetragen, die Menora bei ihrem Vatikan-Besuch zu finden. Der Volkstumsforscher Dov Noy hat mir erklärt, der Menora-Mythos sei der traditionellen jüdischen Folklore fremd. Offensichtlich muss es sich dabei um eine spezifisch amerikanisch-jüdische «urbane Legende» handeln. Wie dieser Mythos entstand, weiss ich nicht zu sagen. Aber der Vergleich dieser Legenden mit den antiken Quellen über den Verbleib des Leuchters nach der Zerstörung des Zweiten Tempels ist aufschlussreich.

Der bekannteste Beleg für die Verbringung der Tempel-Menora nach Rom ist der monumentale Triumphbogen des Titus eben dort. Dieser wurde nach dem Tod des Kaisers im Jahr 81 fertiggestellt und ist nur eines von zahlreichen Denkmälern dieser Art im einstigen Zentrum Roms. Der Titusbogen ist mit einer Höhe von über 15 Metern zwar gross, aber vor 2000 Jahren fielen seine Dimensionen nicht aus dem Rahmen. In das Innere des Bogens wurden Flachreliefs gemeisselt, die auf der einen Seite den triumphalen Einzug des Titus in Jerusalem, auf der anderen zeigen, wie die heiligen Gerätschaften des Tempels von Jerusalem in Rom zur Schau gestellt werden. Dazu gehörte der Tisch für die Schaubrote, Trompeten, vor allem aber die prominent dargestellte siebenarmige Tempel-Menora.

Aber der Titusbogen ist keineswegs der früheste Hinweis für die Anwesenheit der Tempel-Menora in Rom. Der jüdische Historiker Josephus hat im Jahr 70 den Triumphzug anlässlich der Eroberung Jerusalems in Rom miterlebt. Zu Beginn des Aufstandes war Josephus General der jüdischen Streitkräfte in Galiläa gewesen. In einer berühmten Kehrtwende lief er zu den Römern über und schrieb unter kaiserlichem Schutz Bücher über den Jüdischen Krieg. Gleichzeitig hat Josephus die jüdische Tradition verteidigt. Seine Beschreibungen der Architektur des antiken Judäa haben sich durchweg als äusserst genau erwiesen, um hier nur seine Aussagen zu Jerusalem und Masada zu erwähnen. Seine im Stil der römischen Historiografie verfassten Werke sind durch seine apologetische Haltung gegenüber den Juden sowie zu den Kaisern des Hauses Flavius (Vespasian, Titus und Domitian) getönt.

Der Chronist Josephus

In seinem «Jüdischen Krieg» beschreibt Josephus, wie ein jüdischer Priester namens Phineas den Römern «einige der heiligen Schätze» übergibt: zwei Leuchter, die den im Allerheiligsten aufbewahrten gleichen, dazu Tische, Schüsseln und Teller, alle aus Gold und sehr schwer. Zudem lieferte er Schleier und Gewänder der Hohepriester einschliesslich der Edelsteine aus sowie zahlreiche andere Gegenstände für den Gottesdienst und eine Fülle von Zimt, Zimtkassie und etliche weitere Gewürze, welche die Priester täglich mischten und zu Ehren Gottes als Räucherwerk verbrannten. Josephus schliesst diese Beschreibung mit den Worten: «Diese Dienstleistung trug ihm (Phineas) die einem Flüchtling gewährte Begnadigung ein, obwohl er ein Kriegsgefangener war.» Darüber hinaus beschreibt der Historiker die Trophäen aus dem Tempel in seinem Bericht über den Triumphzug des Titus nach seiner Rückkehr vom erfolgreichen Feldzug in Judäa nach Rom: «Die Beute wurde in ungeordneten Haufen getragen, aber die im Jerusalemer Tempel weggenommenen ragten daraus hervor. Diese bestanden aus einem goldenen Tisch, viele Talente schwer, und einer ebenfalls aus Gold gemachten Menora […]. Nach diesen Stücken wurde als letztes eine Kopie des Jüdischen Gesetzes vorbeigetragen […]».

Es besteht kein Anlass, die historische Genauigkeit dieser Beschreibung anzuzweifeln, die weitgehend mit der bildlichen Darstellung auf dem Titusbogen übereinstimmt. So erwähnt Josephus den Tisch für die Schaubrote (die biblischen «Präsenzbrote» [Exodus 25]) als den «goldenen Tisch» (im Tempel trug dieser Tisch zwölf ungesäuerte Laibe Brot als Opfergabe an Gott) und unmittelbar darauf die Menora. Diese Reihenfolge folgt der biblischen Beschreibung in Exodus 25 und anderen Stellen, dürfte jedoch auch auf deren Nähe zueinander im Tempel sowie ihre beeindruckenden physischen Qualitäten zurückgehen. Sowohl der Tisch als auch der Leuchter wurden unter Verwendung grosser Mengen Gold hergestellt.

Josephus schreibt, die Trophäen aus dem Tempel seien nach dem Triumphzug in Rom ausgestellt worden und zwar im prächtigen «Tempel des Friedens». Diesen hatte Vespasian zwischen den Jahren 71 und 75 errichten lassen, um an den Sieg Roms über Judäa zu erinnern. Der Tempel stand an der Südseite des Argiletum, einer grossen Strasse, die das Forum mit der Subura (Vorstadt) verband. Ein Modell im städtischen Museum von Rom gibt heute einen Eindruck des Gebäudekomplexes, der einen Lustgarten und eine Bibliothek umfasste. Josephus hat ihn folgendermassen beschrieben: «Nach Abschluss der Triumphzeremonien und der gründlichen Sicherung der römischen Vorherrschaft beschloss Vespasian den Bau eines Friedenstempels. Dieser wurde in grösster Geschwindigkeit vollendet und in einem Stil ausgeführt, der die menschliche Vorstellungskraft überstieg. Vespasian konnte dabei nicht nur auf seinen gewaltigen Reichtum zurückgreifen. Er schmückte den Tempel zudem mit alten Meisterwerken der Bildhauerei und der Malerei. Ja, in diesem Tempel wurden all jene Gegenstände aufgehäuft und verwahrt, für die Menschen zuvor die ganze Welt durchwandert haben, um sie einzeln in ihren verschiedenen Heimatländern zu betrachten. Und hier bewahrte der Kaiser auch die goldenen Gefässe aus dem Tempel der Juden auf, auf die er besonders stolz war.»

Weitere Augenzeugen

So wie jüdische Schaulustige bis zum heutigen Tag zum Titusbogen strömen, kamen damals zweifelsohne Juden aus Rom und von ausserhalb in den Friedenstempel, um die sakralen Gegenstände aus ihrem Heiligtum zu betrachten. Wie das Weisse Haus in den USA war auch der Friedenstempel teilweise der Öffentlichkeit zugänglich. Es lässt sich daher mit einiger Sicherheit sagen, dass die heiligen Gegenstände während des späten 1. Jahrhunderts in diesem Gebäudekomplex Vespasians aufgewahrt und ausgestellt worden sind. Die frühesten Rabbiner (Tannaim, im 2. Jh. n.d.Z.) berichten von mehreren Gelegenheiten, bei denen die heiligen Gegenstände in Rom gesehen wurden. So behauptet ein Rabbiner Mitte des zweiten Jahrhunderts, er habe den Parochet erblickt, den Vorhang, der die Bundeslade verhüllt: «Rabbi Lazer, Sohn des Rabbi Jose, sagte: ‹ich habe ihn (den Parochet) in Rom gesehen und es waren Blutstropfen darauf. Und sie sagten mir: Diese sind von den Blutstropfen des Versöhnungstages›».

Der rätselhafte Schlusssatz dieses Zitats spricht dafür, dass der Vorhang damals von vielen gesehen worden ist und eine lokale Tradition dafür bestand. Eine andere Überlieferung berichtet, dass der gleiche Rabbiner die Brustplatten der Priester aus dem Tempel gesehen hat. Ein anderer Rabbiner hat die Menora selbst erblickt. Rabbi Simeon sagte: «Als ich nach Rom kam, habe ich die Menora gesehen.» Diese Augenzeugenberichte gelten als historisch recht zuverlässig. Und selbst wenn wir geneigt wären, diese rabbinischen Quellen als literarische Erfindungen oder Folklore abzutun, so sprechen Fakten wie die Bücher von Josephus oder die Darstellungen auf dem Titusbogen doch deutlich für ihren Wahrheitsgehalt. Zudem sind Vergleiche dieser Belege für die Anwesenheit der heiligen Gegenstände in Rom mit anderen, weniger zuverlässigen Berichten aufschlussreich, die wir als Literatur – und nicht als Historiografie – einstufen müssen. So berichtet ein als Esther Rabba bekannter Midrasch, wie Solomons Thron von Nebukadnezar nach Babylon geschafft wurde, nachdem dieser im Jahr 586 v.d.Z. den ersten Tempel zerstört hatte. Von dort gelangte der Thron angeblich nach Medea, dann nach Griechenland und später nach Edom, ehe es im Text heisst: «Rabbi Eleazar, Sohn des Rabbi Jose, sagte: ‹Ich habe Bruchstücke davon in Rom erblickt›.»

Eine Sammlung rabbinischer Schriften aus byzantinischer Zeit hält fest, die Kultgegenstände aus dem Tempel seien nach Rom gebracht und dort «versteckt» worden. Unter diesen werden genannt: «der (Schaubrot-)Tisch, die Menora, der Vorhang der Bundeslade und die Gottesdienstgewänder der geweihten Priester». In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts hat ein als Benjamin von Tudela bekannter spanischer Jude die damals bekannte Welt bereist (er kam im Osten bis nach Mesopotamien) und dabei Tagebuch geführt. Darin behauptet er, in Rom eine Kirche mit zwei Säulen aus dem Tempel Solomons gesehen zu haben. In unserem Zusammenhang bedeutsamer ist, dass ihm römische Juden anscheinend erzählt haben, dass die Gerätschaften aus dem Tempel in einer Höhle in dieser Kirche versteckt worden seien: «In der Kirche von St. Johannes im Lateran gibt es zwei kupferne Säulen aus dem Tempel, geschaffen von König Solomon, Friede sei mit ihm. Auf jeder Säule steht geschrieben ‹Solomon Sohn des David.› Die Juden von Rom sagen, dass alljährlich am Neunten des Monats Av (das Datum an dem der Überlieferung nach der erste und der zweite Tempel von den Babyloniern und dann den Römern zerstört wurde) Feuchtigkeit wie Wasser an ihnen herabrinnt. Dort befindet sich auch die Höhle, in welcher Titus, Sohn des Vespasian, die Gerätschaften aus dem Tempel verbarg, die er aus Jerusalem mitgebracht hatte.»

Nicht erlahmende Hoffnung

Diese Stelle spricht zumindest dafür, dass die römischen Juden im Mittelalter eine Tradition kannten, der zufolge sich die Tempelgerätschaften in christlicher Hand befanden. Ein Jahrhundert später wurde diese Behauptung von Christen erhoben. Ein Mosaik in einem Deckengewölbe der St. Johannes-Kirche im Lateran aus dem Jahr 1291 enthält eine Inschrift, die nicht nur die Gegenwart der Bundeslade, sondern auch der Menora und der Säulen verkündet: «Titus und Vespasian haben die hier befindliche Lade und den Leuchter … und die vier Säulen den Juden in Jerusalem weggenommen und nach Rom gebracht.» Obwohl weder Christen noch Juden damals die Menora wirklich sehen konnten, empfanden beide deren Anwesenheit intensiv. Gehen Juden heute nach Rom, ist die Menora nicht weniger präsent – aber sie ist auch abwesend. Juden wissen, dass ihre heiligen Gerätschaften nach Rom gebracht wurden, wie diese als Titusbogen bekannte, offene Wunde schildert. Sie werden überdies durch die Überbleibsel aus den jüdischen Katakomben Roms aus dem vierten Jahrhundert an die Menora erinnert, die grösstenteils im Vatikan sicher aufbewahrt und ausgestellt werden. Hätte der Vatikan die echte Menora und andere Gerätschaften tatsächlich im Besitz, gäbe es in unserer stärker ökumenisch orientierten Zeit keinen Grund für die Annahme, dass die Kirche diese Gegenstände der Öffentlichkeit vorenthielte. Der Vatikan stellt ja zahlreiche, herausragende jüdische Manuskripte und Kunstgegenstände aus.

Ich kann mir die Menora unter einer gewaltigen Kuppel vorstellen, wie sie auf einem Sockel ruht, umgeben von einem seidenen Tau und auf beiden Seiten flankiert von einer italienischen Wache. Aber das ist nur ein Traum. Doch solange Juden daran glauben, dass die Menora eines Tages Jerusalem zurückgegeben wird, solange bleibt auch die ewige jüdische Hoffnung auf die Rückkehr des Messias erhalten. ●

Von Haus aus Kulturhistoriker, beschäftigt sich Steven Fine mit dem Judentum in der griechischen und römischen Epoche. Fine ist Professor für Jüdische Geschichte an der Yeshiva University in New York, wo er das Seminar für Jüdische Geschichte am Yeshiva College sowie das Zentrum für Israel-Studien leitet.