Die Stunde Washingtons
Washington war über 200 Jahre lang nur ein Möchtegern unter den Hauptstädten der Welt. Doch heute kann sich Washington endlich sehen lassen. Die Stadt gleicht nicht mehr einer aufgehübschten Version von Canberra oder Sacramento, sondern hat sich zu einem Pjöngjang am Potomac gemausert, dem unbestrittenen Zentrum von nationaler Macht und Einfluss. Nun, während ein neuer Präsident das Weisse Haus übernimmt, scheinen die USA mehr bereit denn je, sich der Macht einer zentralisierten Staatsgewalt zu ergeben. Dies geht jedoch nicht auf den Charme von Barack Obama oder seine Pläne zurück, sondern auf den so nie da gewesenen Kollaps, den konkurrierende Machtzentren in den USA erleben.
Dies ist vor allem im wirtschaftlichen Bereich unübersehbar, wo andere Regionen der USA bislang erhebliche Autonomie genossen haben. Aber nun haben sich die Fürsten der Wall Street und von Detroit der Hauptstadt unterworfen und bald werden weitere Industrien wie die Hightech-, die Energie- oder die Agrarbranche unter die Fuchtel diverser amtlicher «Zaren» in Washington kommen. Während sich ein Kreml in Washington bildet, verliert mit dem Prinzip der Dezentralisierung der Grundpfeiler unser föderalen Ordnung rapide an Bedeutung. Lange stolz auf ihre Unabhängigkeit – bis hin zum Trotz – stehen Städte, Landkreise und sogar Bundesstaaten wie New York und Kalifornien vor dem Bankrott und sind auf die Gelddruckereien Washingtons angewiesen.
Antipathie gegen Kontrolle
Die Amerikaner zeichnen sich immer noch durch die «Antipathie gegen Kontrolle» aus, die der Historiker Frederick Jackson Turner im 19. Jahrhundert beschrieben hat. Aber die ausgerechnet unter der Herrschaft der angeblich «Washington-feindlichen» Republikaner als Folge privatwirtschaftlicher Exzesse eingetretene Krise bringt die Nation dazu, sich hilfesuchend an die Hauptstadt zu wenden. Für Ausländer mag eine solche Machtkonzentration der Normalzustand sein. Wie der Soziologe E. Digby Baltzell 1964 geschrieben hat, haben die Eliten in den grossen kosmopolitischen Zentren der Welt von Athen über Rom bis Bagdad stets ihre Nationen dominiert. Im modernen Zeitalter haben Hauptstädte wie London, Paris, Moskau, Berlin und Tokio ihre Staaten nicht nur beherrscht, sondern diese auch geformt. Von dem geteilten Deutschland abgesehen, konzentrierten sich das Verlagswesen, die Medien, Künste, wirtschaftliche und politische Macht an ein und demselben Ort. So bleibt Paris das unbestrittene Gesicht von Frankreich, wie dies London für Grossbritannien ist.
Obwohl jede dieser Städte eine merkantile Klasse aufwies, waren sie streng hierarchisch gegliedert. Beherrscht wurden die alten Metropolen von jenen, die der Herrscherfamilie am nächsten waren, bevölkert wurden sie von den Dienern der Mächtigen. Im Gegensatz dazu waren amerikanische Städte wie New York Baltzell zufolge «von unten nach oben heterogen». Macht ging hier nicht aus der Staatsgewalt oder der Kirche hervor, sondern aus Handel, Industrie, Wissenschaft und Kultur. Washington jedoch hat stets einen ganz einzigartigen Platz unter den Städten Amerikas eingenommen. Der Regierungssitz verdankt seinen Standort nicht wirtschaftlicher Logik, sondern einem Kompromiss zwischen Nord und Süd. Es sollte auch keine Festung sein, sondern allein den Regierungsgeschäften dienen.
Das Wachstum Washingtons blieb zurück
Pierre Charles L'Enfant, der in Frankreich geborene Architekt der Stadt, träumte von einer majestätischen Kapitale, aber bis in unsere Tage tat sich Washington schwer damit, europäischen oder asiatischen Gegenstücken gleichzukommen. Lange galt der Ausspruch eines Abgeordneten aus South Carolina, der 1815 bemerkt hatte: «So viele wollen in diese Stadt kommen und alle sind sie froh, wenn sie wieder weg von hier gehen können.» Dieser niedrige Status liesse sich mit den republikanischen Idealen erklären, die der Machtkonzentration in Paris oder London misstrauten. Das Wachstum Washingtons blieb über Generationen hinter Städten wie New York und Baltimore zurück und erreichte 1830 kaum 45 000 Einwohner, darunter befanden sich mehr als 6000 Sklaven. Die Stadt wies weder einen Hafen noch Lokale oder Geschäfte von hoher Qualität auf. Bei einem Besuch im Jahr 1842 wunderte sich Charles Dickens über die «geräumigen Avenuen, die im Nirgendwo beginnen und dort enden». Der französische Autor Alexis de Tocqueville erkannte in der Abwesenheit einer «Metropolis» seinerzeit jedoch «die erste Ursache für das Blühen der republikanischen Institutionen».
Bis zur grossen Depression der 1930er Jahre hat sich daran kaum etwas geändert. Washington konnte erst zu New York und den zwischenzeitlich entstandenen Metropolen im Westen und der Mitte der Nation aufholen, als die Krise und der folgende Krieg seinen Einfluss beträchtlich erhöhten. Nach 1945 nahmen Umfang und Bedeutung der militärischen und innenpolitischen Bürokratien im Kalten Krieg weiter zu und Washington verwandelte sich von einer kleinen Provinzstadt in ein ausgedehntes urbanes Gebiet. Von dem Soziologen Daniel Bell 1973 diagnostiziert, verstärkte die Transformation der amerikanischen Volkswirtschaft hin zu Hightech- und Informationsindustrien dieses Wachstum von Aufsichtsbehörden und Lobbyverbänden weiter: So hat sich Washington mit einem Bevölkerungswachstum von über 50 Prozent im letzten halben Jahrhundert zur dynamischsten urbanen Zone im Nordosten der USA verwandelt.
Schon Mitte der 1970er Jahre waren die Hauptstadt und ihr Umland zur reichsten Region des Landes geworden. Trotz der anhaltenden Armut in weiten Teilen der Stadt selbst hat sich daran kaum etwas geändert. Auch der Bildungsgrad der Einwohner liegt über dem so elitärer Städte wie Seattle oder Boston. Damit wuchsen die Unterschiede – und der mentale Abstand – zum Rest des Landes. Unabhängig von der Konjunktur bereichern sich Anwälte, Lobbyisten und andere vom Staat abhängige Spezialisten, während etwa die Schwer- und die ¬Autoindustrie im Mittleren Westen zusammenbrachen. Selbst in der heutigen Krise steht Washington mit der höchsten Wachstumsrate und der zweitniedrigsten Arbeitslosenquote nach Oklahoma City unter den Millionenstädten etwas abseits. Diese Differenzen werden in den kommenden Jahren zunehmen, da etwa die Wall Street und die Autoindustrie weiter an Bedeutung verlieren und ihre Abhängigkeit von der Regierung in Washington vertiefen werden. Sogar die Ölbarone von Texas haben durch den Kollaps der Energiepreise an Bedeutung eingebüsst. Dies trifft auch Industrien im Bereich der alternativen Energie und der Förderung von Innovationen, die der neuen Regierung besonders eng verbunden sind. Sie werden sich nicht allein auf ihre viel gepriesene Klugheit verlassen können, sondern den Staat um Subventionen angehen müssen.
Erhebliche Vorteile
All dies mag schlecht für weite Teile des Landes sein, sollte aber vielen Bewohnern des Grossraums Washington erhebliche Vorteile bringen. Der angeschlagene Wohnungsmarkt der Stadt dürfte vom wachsenden Interesse von Bankern, Energie-Potentaten und deren Angestellten profitieren, die auch zusätzlichen Büroraum nachfragen werden. Überdies ist mit einem Wachstum der staatlichen Bürokratien zu rechnen, was den Immobilienmarkt weiter anregen sollte.
Darüber hinaus wird der Transfer kultureller Macht nach Washington zunehmen – denn hier spielt speziell für die Medien von nun an die Musik. In jüngster Zeit hat die Zeitschrift «Atlantic Monthly» ihren Sitz in die Hauptstadt verlegt, wo bereits die Zeitung «USA Today», sowie das National Public Radio und XM Radio ihre Hauptquartiere aufgeschlagen haben. In der Film- und TV-Produktion nimmt die Hauptstadt bereits den dritten Platz in den USA ein. Hat Washington hungrigen Gästen im 19. Jahrhundert einem Zeitzeugen zufolge nur «Schweinefleisch und Maisgrütze» geboten, so haben Restaurants der Spitzenklasse die Stadt heute zu einem epikuräischen Mekka gemacht.
Es kann durchaus sein, dass wir Amerikaner ausserhalb der Hauptstadt in den kommenden Jahren einen heftigen Widerwillen gegen diesen Trend entwickeln und den Aufstieg Washingtons als bedrückend und als Widerspruch zum Kern unseres nationalen Selbstverständnisses empfinden werden. Aber wir sollten nicht erwarten, dass die Washingtonianer sich darum scheren: Sie sind schon heute viel zu sehr damit beschäftigt, unser aller Schicksal zu bestimmen