Die stille Heldin
Es ist das Verdienst von Miep Gies, dass wir die Geschichte von Anne Frank so genau kennen. Während des Zweiten Weltkriegs hatte sie geholfen, die Familie Frank vor den Nazis zu verstecken und sie im Hinterhaus an der Prinsengracht in Amsterdam zu versorgen. Zwei Jahre lang kümmerte sich Miep Gies um Anne Frank und ihre Familie, bis sie von der Gestapo entdeckt wurden. Nur wenige Stunden nach der Deportation der Franks suchte die couragierte Helferin Gies noch einmal das Versteck auf, um die persönlichen Sachen ihrer Schützlinge zu bergen, darunter auch das später so berühmt gewordene Tagebuch von Anne. Gies behielt das Tagebuch zunächst unter Verschluss und erklärte, auch die Privatsphäre einer Jugendlichen müsse respektiert werden. Als sie es dann später gelesen hatte, sagte sie, dass sie die Aufzeichnungen vor 1945 eigentlich hätte verbrennen müssen, da sie die Helfer belastet hätten. Doch sie entschied sich für das Bewahren. Nach dem Krieg übergab Gies das Tagebuch Anne Franks Vater Otto, der als einziges Familienmitglied überlebt hatte. «Dann bin ich aufgestanden, habe die Schublade aufgemacht, alle Tagebücher genommen und den Stapel Herrn Frank mit den Worten ‹Das ist das Vermächtnis Ihrer Tochter Anne› übergeben», sagte Gies Jahrzehnte später in einem Filminterview.
Miep Gies wurde am 15. Februar 1909 in Wien als Hermine Santrouschitz geboren und wuchs in armen Verhältnissen auf. Ihre Eltern schickten sie im Rahmen eines Projekts zur Unterstützung unterernährter Kinder 1922 ins holländische Leiden. Dort lebte sie in einer Gastfamilie, zu der sie ein gutes Verhältnis pflegte. 1922 zog sie mit ihrer Gastfamilie, die ihr den Namen «Miep» gab, nach Amsterdam. Im Jahr der Machtergreifung Hitlers bewarb sie sich bei Otto Frank als Sekretärin. In seiner Firma, die das Marmeladengeliermittel Opekta herstellte, erhielt die junge Frau eine Anstellung. «Otto Frank reichte mit ein Blatt Papier. ‹Hier ist das Rezept. Und jetzt kochen sie Marmelade!› Damit liess er mich allein in der Küche zurück», erinnert sie sich in ihrer Autobiografie. Sie sei «schön in der Patsche» gesessen, schliesslich habe sie noch in ihrer Adoptivfamilie gelebt und vom Kochen keine grosse Ahnung gehabt. Aber innert kürzester Zeit lernte sie die Zubereitung von Marmelade. Dabei blieb es aber nicht. Miep Gies (sie heiratete 1941 Jan Gies) wurde zur rechten Hand von Otto Frank. Sie nannte ihn Herr Frank und er sie Fräulein Santrouschitz, «denn Mitteleuropäer unserer Generation pflegten sich nicht mit Vornamen anzureden», schrieb sie. Doch sie habe sich ihm gegenüber bald so ungezwungen gefühlt, dass sie die Förmlichkeit ausser Acht gelassen und ihn gebeten habe, sie Miep zu nennen.
Rote Schuhe im Hinterhaus
Unter Einsatz ihres Lebens half Miep Gies während des Kriegs mit, die Familien Frank und van Pels sowie den Zahnarzt Fritz Pfeffer zu verstecken. In hohem Alter berichtete sie, sie habe nicht lange gezögert, als Otto Frank sie damals um Hilfe gebeten habe. «Ich muss dir jetzt etwas sehr Wichtiges sagen, so eine Art Geheimnis. Wir wollen uns verstecken. Hier in diesem Haus. Bist du bereit, uns dabei zu helfen und uns mit Lebensmitteln zu versorgen?», erinnerte sie sich an Otto Franks Worte. «‹Ja, natürlich›, antwortete ich ihm, denn ich fand das eigentlich ganz selbstverständlich», so Miep Gies. Zusammen mit Otto Franks Mitarbeitern Victor Kugler, Johannes Kleiman und Bep Voskuijl bemühte sie sich fast täglich, den Versteckten leise und unauffällig das Nötigste für den Tagesbedarf, aber auch geistige Nahrung wie Bücher und Zeitungen zu bringen. Miep hatte oft Mitleid mit Anne. Die Zeit im Versteck war für alle Beteiligten unvorstellbar schwer und belastend, aber für Anne, die mitten in der Pubertät steckte, muss die Situation ab und zu unerträglich gewesen sein. Sie liebte die Filmstars in der Zeitschrift «Cinema und Theater» und stellte sich gewiss manchmal vor, wie glamourös sie selbst hätte aussehen können. Die Wirklichkeit stand in klarem Gegensatz dazu: Nicht nur waren ihre Kleider im Laufe der Zeit verschlissen, sondern auch zu klein geworden. Sie wuchs aus allem heraus, und Miep war fest entschlossen, bei ihren Einkaufstouren etwas Passendes und zugleich Attraktives, Damenhaftes für Anne aufzutreiben. «Und eines Tages geriet ich zufällig genau an das Richtige: ein paar hochhackige rote Lederpumps. Getragen, aber gut erhalten. Ich zögerte wegen der Grösse: Es wäre zu ärgerlich, wenn sie ihr nicht passten. Doch dann dachte ich: Riskier es! Ich hielt sie hinter meinem Rücken, als ich sie nach oben brachte, auf Anne zuging und sie ihr hinstreckte. Noch nie habe ich jemanden so glücklich gesehen, wie Anne es an jenem Tag war. Gleich zog sie die Schuhe an, und sie passten wie angegossen. Danach wurde sie ganz still; sie hatte noch nie hohe Absätze getragen. Etwas wacklig, an der Oberlippe kauend, durchquerte sie entschlossen das Zimmer, wieder zurück, danach noch einmal. Sie ging hin und her, vorwärts und rückwärts, und jedes Mal mit festeren Schritten», erinnerte sich Gies, wie auf ihrer Homepage www.miepgies.nl nachzulesen ist. Auch Anne hielt am 10. August 1943 in ihrem Tagebuch fest, wie unglaublich sie sich über die roten Schuhe mit den hohen Absätzen freute: «Ob ich oben, unten oder wo auch immer bin, jeder schaut mir bewundernd auf die Füsse, wo ein paar aussergewöhnlich schöne Schuhe (für diese Zeit!) prangen. Miep hat sie für 27.50 Gulden ergattert. Weinrot, peau de suède mit Leder und einem ziemlich hohen Blockabsatz. Ich gehe wie auf Stelzen und sehe noch viel grösser aus, als ich schon bin.»
Stets einander verbunden
Über 60 Jahre später erinnert sich auch Buddy Elias, Annes letzter in der Schweiz lebender Verwandter, gut an seine Cousine und deren Helferin: «Miep war bis ins hohe Alter stets eine liebenswerte und humorvolle Person. Wir telefonierten immer wieder, weil sie der Familie sehr verbunden war», sagt Elias, der erzählt, dass Gies bis vor Kurzem noch in guter Verfassung war. Leider habe sie sich bei einem Sturz einen Wirbel gebrochen und sich davon nicht mehr erholen können. Zu ihrem 100. Geburtstag hatte sie Grüsse und Glückwünsche aus aller Welt bekommen. Bis ins hohe Alter berichtete sie immer wieder auch bei öffentlichen Auftritten über ihre Erlebnisse mit Anne Frank und die Verfolgung der Juden in den Niederlanden durch die deutschen Besatzer. Im Februar wäre Gies, die von sich selber sagte, «eine Heldin bin ich nicht und im Rampenlicht wollte ich nie stehen», 101 Jahre alt geworden. Seit einiger Zeit lebte sie zurückgezogen in ihrem Haus in der niederländischen Provinz Friesland. Ihr Mann, Jan Gies, starb 1993. Das Paar hinterlässt einen Sohn und drei Enkel. Miep Gies wurde vielfach geehrt – unter anderem durch den Staat Israel, mit dem niederländischen Ritterorden von Oranien-Nassau sowie mit dem Bundesverdienstkreuz. Im Oktober vergangenen Jahres benannte die Internationale Astronomische Union einen Asteroiden nach Miep Gies – als Würdigung ihrer heldenhaften Taten.