«Die Stadt lebt durch ihre Geschichten»
Die Podiumsdiskussionsteilnehmer waren bunt zusammengewürfelt und kannten sich nur vom Hörensagen. Doch eines verbindet André Marty, Nahostkorrespondent des Schweizer Fernsehens, Sibylle Berg, unter anderem Autorin des Bestsellers «Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot», und Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds: Ihre Liebe zu Tel Aviv.
«100 Jahre Tel Aviv – Stösst die multiethnische Gesellschaft an ihre Grenzen?», das war das Thema der Atid-Podiumsdiskussion vergangenen Donnerstag unter der Leitung von David Karasek, Moderator bei Radio1.
Eine Stadt, die niemanden unberührt lässt
Der Bezug der Teilnehmer zu der weissen Stadt ist ganz unterschiedlich. André Marty lebt mit seiner Familie im Norden Tel Avivs und setzt sich täglich mit der Stadt und ihren Bewohnern auseinander. Sibylle Berg, verheiratet mit einem «Tel Avivi», pendelt zwischen zwei Städten und Kulturen – Zürich und Tel Aviv. «Ich habe Sehnsucht nach Tel Aviv, wenn ich in der Schweiz bin; wenn ich dort bin, geht mir die Stadt auf die Nerven – sie ist so laut», meint sie mit einem Lächeln. «Ich liebe aber den Kitsch – die alten Paare, die mit Hütchen und lackierten Nägeln Händchen haltend durch die Strassen spazieren. Das ist wahnsinnig rührend.» Für Jonathan Kreutner, dessen Mutter aus dem Norden Israels stammt, verkörpert Tel Aviv die «israelische Realsatire pur». «Das fängt schon am Flughafen an und geht weiter auf dem Weg ins Zentrum, auf dem man gleich die Lebensgeschichte des Taxifahrers erfährt.» Kreutners Begeisterung war ansteckend. «Tel Aviv ist eine Marke. ‹Tel Avivi› sein ist eine Identität», erklärt er, was auch Sibylle Berg bestätigen kann: «Wenn mein Mann von Israel redet, dann meint er Tel Aviv.»
Probleme wie in anderen Grossstädten
Die Klischees über Tel Aviv sind vielfältig, aber deuten alle in eine Richtung: vergnügungssüchtige Menschen, die Metropole, die niemals schläft, oder eine «Imitation von Miami», wie die «New York Times» schreibt. «Die Lebensqualität in Tel Aviv ist grossartig», so Marty. «Und doch sind die Verdrängungsmechanismen beeindruckend». Die Tel Aviver seien nicht gleichgültig, entgegnet Sibylle Berg. «Sie fühlen mit, letztendlich sind sie alle Israeli.» Und was ist dran an der multikulturellen Gesellschaft? «Lebt Tel Aviv ein multikulturelles Miteinander oder ist es nicht doch eher ein Nebeneinander?», fragt Marty in die Runde. Die Verschmelzung der Kulturen finde im Alltag nur beschränkt statt, die Kluft zwischen Arm und Reich ist gross. «Meine Putzfrau ist eine Chemielehrerin aus der Ukraine, um nur ein Beispiel zu nennen», erzählt Marty. Natürlich habe Tel Aviv Probleme wie andere Grossstädte auch, meint Kreutner. Es verkörpere eine Antithese: «Es ist im Vergleich zu Jerusalem die unheilige Stadt.» Spannungen seien also nur natürlich. «Doch die Stadt ist noch jung», erwidert Sibylle Berg. «Die Menschen machen Fehler wie alle anderen, sind aber permanent im Fokus. Das Land muss noch viel Geschichte machen.»
Ob es der Kitsch ist, die Mentalität oder das Lebensgefühl, in einem sind sich die Teilnehmer einig: Tel Aviv fasziniert. «Die Stadt lebt durch ihre Geschichten», sagt Kreutner, «in Tel Aviv wäre ich wahrscheinlich auch Schriftsteller geworden.»