«Die Stadt gehört Ihnen»

von Ruth Werfel, October 9, 2008
Weil es noch keinen elektrischen Strom gab und die Klingel nicht funktionierte, musste John Boxer, in der Kampfuniform der US-Army und mit Helm, den geschlossenen Gartenzaun vor dem Haus überklettern. Auf sein wiederholtes Klopfen wurde die Tür geöffnet und er trug sein Anliegen vor. Darauf bat ihn Theodor Heuss herein. Nach einem intensiven Gespräch über die Möglichkeiten und Probleme des kulturellen Wiederaufbaus in Deutschland sagte Heuss zu seiner Frau: «Ich glaube, jetzt ist es soweit.» Sie stieg in den Keller und kam mit der letzten Flasche Wein herauf, die sie sich für das Ende des Dritten Reiches aufgespart hatten. Sie tranken sie zu viert: Theodor Heuss, Frau Heuss, John Boxer und sein Fahrer des Jeeps.
John Boxer: «Sich an jeden Strahl Hoffnung klammern!» - Foto RW

Dies trug sich 1945 in Heidelberg zu, John Boxer, jüdisch-amerikanischer Verbindungsoffizier, war als Mitarbeiter der Information Control Division, einer Einheit, die zur psychologischen Kriegsführung gehörte, seit kurzem als erster in der US-Zone von Deutschland mit dem Auftrag unterwegs, Lizenzen an vertrauenswürdige Medienschaffende zu vergeben, um die Presselandschaft wieder aufzubauen. Zwar gelang es ihm noch nicht, den späteren Bundespräsidenten, Theodor Heuss, zur Mitarbeit zu gewinnen. Den Auftrag führte er dennoch aus. Er folgte dem Hinweis, ehemalige Frankfurter Zeitungsleute, Gegner des braunen Regimes, hätten sich im Schwarzwald versteckt und warteten auf das Ende des Dritten Reichs. Dort stöberte er sie auf. Die erste Lizenz, die er verleihen konnte, ging an die «Stuttgarter Zeitung». Vier Jahre verbrachte er als GI in Deutschland. Dass er Jude war, stand für ihn angesichts dessen, was er vorfand, nicht im Vordergrund: «Die Zerstörung, das Leid waren unbeschreiblich.» Dass er nur ganz selten auf jüdische Menschen traf - Ehefrauen von Deutschen, Flüchtlinge aus dem Osten - war entsetzliche Konsequenz der Geschehnisse. Im Vordergrund stand für ihn in dieser Mission «der Wunsch zur Wiederherstellung einer sozialen, einer urbanistischen Gesellschaftsordnung, die eine positive europäische Gesellschaftsordnung gewährleisten würde, beizutragen». Die Frage heute, ob er denn keine Gefühle der Rache, des Hasses empfunden habe, winkt er beiseite: «Man war konfrontiert mit dem Elend dieser Menschen. In dieser kaum lösbaren Situation versuchte man nur, sich an jeden Strahl Hoffnung zu klammern.»
In seiner Zürcher Wohnung ruft John Boxer mit phänomenalem Gedächtnis die Geschehnisse samt allen Namen ab, als wären sie von gestern. Dazwischen streut er auch mal heitere Episoden. Aber auf die Fotokopie eines Interviews, das er diesen Sommer einer deutschen Zeitung gab, schreibt er mit zügiger Schrift: «So leichthin und unbeschwert scheint es erst ein halbes Jahrhundert später.»
Als er im März 1945, noch vor Kriegsende, in Kassel eintraf, hörte er, wie im Rundfunk Goebbels die Bevölkerung vor Kontakten mit der Besatzung warnte. Aber hier in Kassel sollte in den Ruinen irgendwo noch eine gebrauchsfähige Rotationsmaschine stehen, war dem jungen GI gemeldet worden. Er fand das Gerät. Die erste Zeitung wurde darauf gedruckt und von Hans Habe redigiert.
Später in Stuttgart öffnete sein Ansprechpartner auf die Frage, wo er denn wohnen solle, das mit Karton verklebte Fenster und wies hinaus auf die Zerstörung: «Die Stadt gehört Ihnen.» Boxer fand Unterkunft und er fand Menschen, denen er vertrauen, mit denen er zusammenarbeiten konnte. Von Stuttgart aus bereiste er ganz Deutschland. Unter anderem Berlin, Frankfurt, München, immer mit dem Auftrag, Deutsche zu finden, die sich dem braunen Regime verweigert hatten und jetzt willens waren, beim Aufbau der Medien - Zeitungen und Radiostationen -, aber auch der Theater zu helfen. 1949 wurde er für ein halbes Jahr zur amerikanischen Botschaft nach Wien geschickt: Er hatte mit den Russen die nach Wien führenden Luftkorridore auszuhandeln. Eine schwierige Aufgabe, in verschiedener Hinsicht. Auch, weil er in geheimer Mission unterwegs war und sich deshalb bei seinen Wiener Freunden nicht melden durfte. Nächste Station war Frankfurt. Dort verwaltete er einen beträchtlichen Fonds, der ausschliesslich für kulturelle Zwecke im weitesten Sinn zum Aufbau von Heimen, Spitälern, Universitäten, aber auch Kulturstätten diente. 1952 verliess er Deutschland und die Army und kehrte in die USA, nach Dallas, zurück, wo er seinen Beruf als Architekt ausübte.
Als er 1945 als amerikanischer Offizier deutschen Boden betreten hatte, übrigens zum ersten Mal in seinem Leben, war ihm die deutsche Sprache nicht leichtgefallen. Sieben Jahre lang hatte er vor allem Englisch gesprochen. Dabei war er in Wien zur Welt gekommen, hatte dort seine Jugend verlebt. Der Vater, überzeugter Patriot und Chirurg, leitete ein grosses Krankenhaus. Wie in vielen Familien des jüdischen Grossbürgertums war Antisemitismus kein Thema. Doch dann kam alles anders. 1938 flüchtete John, damals 22 Jahre alt, zu seinem Bruder, der schon länger dort lebte, nach London, wo er sein Architekturstudium beendete. Die Eltern blieben in Wien, der Vater verbrachte 11 Monate im Gestapo-Gefängnis, bis ihn die Mutter, wie durch ein Wunder, freibekam. Es war ihnen besser ergangen als den Millionen anderen. Ihr Leben hatten sie gerettet.
Nachdem John Boxer zwei Jahre in Dallas gearbeitet hatte, kam er 1954 nach Zürich. Sein Bruder und er hatten die Stadt aus mehreren Gründen als Standort für ihre Verlagsgruppe «Boxer Books» gewählt. Sie vertraten insgesamt 70 amerikanische, englische und japanische Verlage der verschiedensten Sparten und führten die Firma höchst erfolgreich bis zum Tod von John Boxers Bruder vor sechs Jahren. Jetzt lebt der heute 83-Jährige im Ruhestand. Er reist viel, wandert gern in St. Moritz, wo er eine Wohnung besitzt, und pflegt den intensiven Kontakt mit seinen vielen Freunden rund um den Erdball.
Dass die Lebensgeschichte von John Boxer an die Öffentlichkeit kam, ist einem Zufall zu verdanken. Bei seinen Recherchen über die Nachkriegszeit in Deutschland und auf noch lebende Zeitzeugen stiess ein deutscher Journalist in einer Bibliothek in Washington auf seinen Namen und kontaktierte ihn. Ein weiteres Blatt im Buch der Vergangenheit war aufgeschlagen.