Die schwedische Feministin

Von Irene Armbruster, October 6, 2008
Politik und Selbsterfahrung, psychologisches Wissen und politisches Engagement waren es, was die Kostümdesignerin Gunilla Palmstierna-Weiss mit ihrem Mann Peter Weiss verband. Ein Besuch bei ihr in Stockholm.

Von Irene Armbruster

Es regnet in Stockholm. Ein grauer Regen, nur die Grösse der Regentropfen variiert, nicht die Farbe des Himmels und des Meeres, das die 14 Inseln umspült, auf der die schwedische Hauptstadt schwimmt. Im Wohnzimmer von Gunilla Palmstierna-Weiss kann man bei Kaffee auf brombeerroten Kissen sitzen und vom vierten Stock eines alten Bürgerhauses im Stadtteil Södermalm durch grosse Fenster auf das Grau schauen. Dann lädt es zum Innehalten ein, zum «Über-das-Leben-Nachdenken». Genau das tut die 80-jährige Palmstierna-Weiss gerade. Sie arbeitet an ihren Erinnerungen. Es ist ein Künstlerinnenleben, unterwegs zwischen Stockholm, Berlin, Vietnam, Kuba und Paris, um Schauspieler mit in jeder Hinsicht passenden Kostümen auszustatten und ihnen den Raum zu schaffen, den das Publikum erfasst - und nicht nur mit dem Verstand. Es ist ein Künstlerinnenleben als Arbeitspartnerin des Schriftstellers Peter Weiss, dem sie 1949 zum ersten Mal begegnete. Und es ist ein Künstlerinnenleben in einer Patchworkfamilie, die es war, bevor man den Terminus dafür erfand, mit einem Mann, der ihr zwar die volle künstlerische Freiheit einräumte aber nicht wusste, wie man eine Waschmaschine öffnet.

Gunilla Palmstierna-Weiss hat auf dem Sofa die Beine angezogen. Der kleine, schüchterne Hund der Tochter Nadja Weiss, Schauspielerin am Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm, liegt neben ihr. Stockholm ist ihr Lebensmittelpunkt. Tochter und Sohn leben in der Nachbarschaft. Hier im ehemaligen Arbeiterviertel Södermalm - das Szeneblätter inzwischen als das Stockholmer Soho feiern - hat sie eine hohe, helle Wohnung bezogen und sie mit einigen materialisierten Erinnerungen gefüllt: den vielen Büchern, den Fotos und einigen Bildern von Peter Weiss aus seiner frühen Künstlerphase. An der Wohnzimmerwand hängt eines ihrer Lieblingsbilder aus dem Jahr 1940: Eine Stadtlandschaft, bunte Zelte deuten einen Jahrmarkt an, Peter Weiss hat sich selbst als Hausierer am unteren Rand positioniert. Von einem Stock, den er über die Schulter trägt, flattern die schwedischen Farben. So hat sich Peter Weiss, Sohn jüdischer Eltern aus der Nähe von Berlin, der in Schweden Exil fand, selbst meistens gesehen: als Aussenseiter.

Gemeinsamer Arbeits- und Diskussionsweg

Gunilla Palmstierna-Weiss traf ihren Mann zum ersten Mal auf einem Jahrmarkt. Als eine «Schlosskuh» habe er sie damals bezeichnet, erzählt sie lächelnd, weil sie einen Namen trug, der auf adlige schwedische Herkunft schliessen liess. Was stimmte und auch wieder nicht. Ihre Familie gehörte zu den 1200 Juden, denen Gustav III. im 19. Jahrhundert erlaubte, in drei schwedischen Städten zu leben. Ihr jüdischer Grossvater war ein erfolgreicher Verleger, ihr adliger Grossvater war Aussenminister der ersten sozialdemokratischen Regierung, was ihm den Vorwurf des «Klassenverräters» einhandelte. Für ihre Erinnerungen hat Palmstierna-Weiss in den letzten Monaten viel geforscht. Sie ist nach Israel geflogen, um nach Wurzeln ihrer Familie zu suchen und auch um die fünf Jahre während des Krieges in Rotterdam besser zu verstehen, wo sie als Tochter einer jüdischen Ärztin in Angst und Schrecken lebte - trotz des «arischen» Stiefvaters. Als sie auf Peter Weiss traf, hatte sie sich schon ausführlich mit dem Kommunismus beschäftigt, die soziale Frage studiert und ihren eigenen Lebensunterhalt mit Illustrationen verdient, während er in seiner inneren Welt lebte, der Psychoanalyse vertraute und «keine Zeitung las». Drei Jahre später waren sie, getrennt von früheren Ehepartnern, ein Paar, und ein gemeinsamer Arbeits- und Diskussionsweg begann, der erst 1982 mit dem frühen Tod von Peter Weiss abriss. Politik und Selbsterfahrung, psychologisches Wissen und politisches Engagement sollten - nicht ohne Friktionen - zu einem Gesamtwerk zusammenfinden.

Stockholm ist der Mittelpunkt dieser produktiven Lebensgemeinschaft. Nicht nur, weil sie hier in der Altstadt ihre Ateliers nebeneinander hatten, nicht nur, weil sich hier Peter Weiss nach seiner Phase als Maler 1952 dem Svensk Experimentfilmstudio anschloss und sich intensiv mit dem Avantgardefilm beschäftigte, sondern auch weil «dreimal die Woche Freunde zum Diskutieren an den Küchentisch kamen», beschreibt Gunilla Palmstierna-Weiss das Umfeld. Gemeinsam machten sie lange Spaziergänge durch die Stadt, und in der «Ästhetik des Widerstandes» taucht die Stadt im dritten Band als Exilort auf, auch mit ihren Beklemmungen, dem Gefühl des Eingesperrtseins und der Isolation. Erfahrungen, die Peter Weiss in den frühen Jahren in seinem Wohnatelier in der Fleminggatan 37 machte und die in sein Hauptwerk einflossen. Peter Weiss, der ein ausgezeichnetes Schwedisch sprechen und schreiben konnte, veröffentliche Belletristik, ein Sachbuch über den Avantgardefilm und später viele Artikel in schwedischen Zeitungen. Seine Theaterstücke wurden in Stockholm gespielt, wenn auch einige nach einem Umweg über Deutschland. Von aussen betrachtet war der Emigrant angekommen, aber noch 1978 schrieb er in sein Notizbuch: «Vielleicht sind dies alles nur Versuche, die Emigration zu überwinden, verspätet oder zu spät.» Immer wieder gab es Pläne in Paris oder, von deutschen Freunden wie dem DDR-Filmregisseur Konrad Wolff angeregt, in Berlin zu leben. Aber die linken Intellektuellen in Ost und West verfolgten mit diesen Abwerbaktionen auch ihre - und da ist sich Gunilla Palmstierna-Weiss sicher - eigenen Ziele.

Die Frage nach dem subjektiven Erleben

Auch deswegen werden die Kapitel der Erinnerungen über ihre gemeinsamen Treffen mit der Schriftstellergruppe 47 zu den heikleren gehören. Es sind die Fragen nach dem eigenen subjektiven Erleben und nach der Distanz: Ist die schonungslose Offenheit angebracht oder bereitet diese allen Beteiligten nur Schmerzen? Peter Weiss fühlte sich auf jeden Fall verletzt und ausgeschlossen, als in einer hitzigen Nachtdiskussion der Gruppe 47 in Princeton der Satz fiel: «Du bist davongelaufen!» Dass sein lebensrettendes Exil ihm als Feigheit vorgeworfen wurde, verstärkte sein ambivalentes Verhältnis zu Deutschland - auch wenn er in den späteren Jahren wieder auf Deutsch schrieb. Morgens schreiben, nachmittags Lektüre: Gunilla Palmstierna-Weiss lächelt, wenn sie von dieser deutschen Disziplin spricht. Vielleicht wird sie aber als schwedische Feministin ein paar Worte zum Frauenbild der Gruppe 47 sagen, das mit der schwedischen - ebenfalls erkämpften - Realität der Gleichberechtigung wenig zu tun hatte.

Theaterarbeit

Aber das galt nicht nur für die Gruppe 47. Als sie 1964 in Westberlin für die Aufführung des Theaterstückes «Marat/Sade» Bühnenbild und Kostüme entwarf, billigte ihr das Programmheft nur die Kostüme zu. «Das traute man einer Frau noch zu, nähen konnte sie ja.» Dabei war «Marat/Sade» ein wirkliches Gemeinschaftsprodukt. Monatelang recherchierte Palmstierna-Weiss in der Pariser Bibliothèque nationale de France, nachdem Peter Weiss, inspiriert von der Büchersammlung ihres Grossvaters zur Französischen Revolution, für dieses Thema Feuer gefangen hatte. «Marat/Sade» wurde ein grosser Erfolg für Peter Weiss und für Gunilla Palmstierna-Weiss in Berlin, in London und in New York. Der Regisseur Peter Brook drehte in London eine Verfilmung seiner eigenen Inszenierung.

Den Tony Award für die Inszenierung in New York konnten sie nicht persönlich in Empfang nehmen, weil sie schon wieder für die Stockholmer Aufführung probten. Aber «Marat/Sade» brachte für Peter Weiss nicht nur den Durchbruch als Theaterautor, wie Gunilla Palmstierna-Weiss im Ausstellungskatalog zu ihrem eigenen Werk von 1997 beschreibt: «Von ‹Marat/Sade› wird behauptet, es sei der Auftakt zur Studentenrevolte in Westdeutschland gewesen, die in Berlin begann. Sicher eine Übertreibung. Vielmehr griff das Stück Gedanken und Ideen auf, die dem Zeitgeist entsprachen, aber bisher nicht so klar formuliert worden waren.

Marat/Sade› wurde ein Stück für die junge Generation, es löste Theaterdebatten und politische Diskussionen aus.» Diskussionen gab es auch um eine andere Zusammenarbeit: das Drama «Die Ermittlung». Ein Stück über die Hölle auf Erden, für das die beiden Künstler Auschwitz besuchten, ausgerechnet an dem Tag, an dem die Angeklagten des Frankfurter Prozesses zum Lokaltermin einbestellt worden waren. «Die Ermittlung» machte eine erstaunliche Tournee. Uraufgeführt in der Freien Volksbühne in Westberlin, dem Theater Erwin Piscators, wurde es parallel noch in 14 west- und ostdeutschen Theatern aufgeführt. Der Kalte Krieg machte eine kurze Pause. Aber trotz des Erfolges: Das Ehepaar Weiss kehrte wieder nach Stockholm zurück. «Peter brauchte Berlin, aber er brauchte auch die langweilige schwedische Demokratie», beschreibt Palmstierna-Weiss diese Ambivalenz. Und wie sich nach seinem ersten Herzinfarkt 1970 herausstellte, brauchte er auch die Stadt Stockholm. In ein von Gunilla frisch renoviertes Landhaus konnte er nicht einziehen. Er brauchte die Stadt mit ihren umtriebigen Vierteln, Läden und Kneipen, den kleinen Bühnen und Kinos, der Vielfalt und Geschichte, den Arbeitern, Seeleuten und Künstlern. Als 1952 die sozialdemokratische Städteplanung anfing, das Innenstadtrevier Klara abzureissen, protestierte Peter Weiss heftig. Bis in die siebziger Jahre verschwanden 40 Häuserviertel, wurden 350 Gebäude abgerissen und eine zwar sanierungsbedürftige, aber lebendige und abwechslungsreiche Innenstadt mit 300 Jahren Geschichte ging unter. «Unsere Stadt der Herrschenden.

Architektur kalt, tot, aus Beton, Glas, Metall, ohne Spur von Schönheit. Architektur der Epoche der Funktionäre und Technokraten», schrieb Peter Weiss 1977 in seinem Notizbuch. Wenn man heute Gunilla Palmstierna-Weiss in Södermalm besucht, kommt man noch an einer der heftigsten Wunden dieser Sanierung vorbei: Sergels Torg. Oben braust der Verkehr, für die Fussgänger sind die dunklen Betontunnel vorgesehen.

1972 kam die gemeinsame Tochter Nadja zur Welt, und weil die Familie einen festen Standort wollte, blieb man in Stockholm. Gunilla Palmstierna-Weiss intensivierte ihre Arbeit mit Ingmar Bergmann und entwarf Bühnenbilder u.?a. für «Was ihr wollt» und Strindbergs «Totentanz» und «Fräulein Julie». Immer wieder ist sie gefragt worden, wie frau mit so einem Ego zusammenarbeiten konnte. «Ich bin in einem Haushalt von Psychoanalytikern aufgewachsen. Das schult», sagt sie ruhig an diesem grauen Nachmittag. Vielleicht hat sie die kreativen Männer in ihrem Umfeld auch nicht zu sehr bewundert - das schafft Respekt.

Nach langen inhaltlichen Diskussionen inszenierten Peter Weiss und Gunilla Palmstierna-Weiss 1982 zusammen das Stück «Der neue Prozess». Es wurde der Abschluss ihres gemeinsamen Lebenswerkes. Am 10. Mai 1982 starb Peter Weiss in Stockholm. Er setzte Gunilla als die Verwalterin seines Nachlasses ein. Und so ordnete sie seine Papiere, gab Teile davon heraus und war weiter in der Welt unterwegs, um Bühnenbilder zu entwerfen. Aber jetzt nach einer Lungenoperation will sie vor allem die Memoiren schreiben. Deswegen macht sie sich auf in das, wie sie sagt, «Fegefeuer der Erinnerungen». Es ist ein eindrückliches Bild für ein Künstlerinnenleben. Draussen regnet es immer noch.