Die Sassoons: Von Bagdad nach Shanghai
von Katja Behling
Der deutsche Geograf Ferdinand von Richthofen gab der Seiden-
strasse im Jahr 1877 ihren Namen. Gut 300 Jahre nach dem Zusammenbruch dieses Netzwerks von Landwegen und Seerouten setzte damals das wissenschaftliche Interesse an der Seidenstrasse ein. Doch jüdische Kaufleute spielten auch indieser Hochzeit des britischen Imperiums eine bedeutende Rolle im Fernhandel zwischen Orient und Okzident. Die Schiffe unter britischer Flagge liefen auch China an. Denn die Chinesen besassen Tee – ein Luxusgut, auf das die Engländer versessen waren und das sie mit kostbarem Silber aufwogen. Aber die Briten wollten nicht nur zahlen, sondern auch selbst verdienen. Zu diesem Zweck verfielen sie auf eine raffinierte imperialistische Strategie: Sie machten ihre asiatischen Kunden mit Opium, das sie aus Indien einführten, gefügiger. Drei Opiumkriege führten die Engländer, um China zu zwingen, ihnen den Rauschgifthandel sowie die Einrichtung vonGesandtschaften zu gestatten.
Sephardische Siedler
Im Zuge der Opiumkriege und intensivierter Handelsbeziehungen zwischen dem Reich der Mitte und dem British Empire sowie durch den Vertrag von Nanking zogen ab etwa 1840 vermehrt sephardische Juden nach China, insbesondere nach Shanghai, Hongkong und Singapur. Noch heute ist auf einem der ältesten Gebäude dort ein Davidsstern zu sehen. Häufig kamen diese Siedler aus von Briten regierten Regionen wie Bagdad oder Bombay. Viele dieser Einwanderer waren Geschäftsleute. Zu den bekanntesten Händlerfamilien gehören die Sassoons. Ursprünglich aus Bagdad stammend, floh die Familie vor Pogromen über Persien nach Indien. Dort machten sie bereits erfolgreich Geschäfte, bevor sie – als erste jüdische Familie – Niederlassungen in Hongkong und Shanghai errichtete. David Sassoon (1792–1864) hatte den Grundstein dafür gelegt, als er im Jahre 1832 mit seinen drei Söhnen in Bombay die Firma David Sassoon gründete. Sein Enkel Jacob Elias Sassoon (1844–1916), der später zum Sir geadelt wurde, war 1880 bis 1916 Chef der E.D. Sassoon & Co. Rasch stiegen die Sassoons zu einer sehr angesehenen und mächtigen Kaufmannsfamilie auf. Einer der Söhne Davids siedelte Ende des 19. Jahrhunderts nach Grossbritannien über. Nicht zuletzt die Heirat des Sassoon-Sohnes mit einer Baroness Rothschild festigte den geschäftlichen und gesellschaftlichen Einfluss der jüdischen Familie, deren Nachkommen heute sowohl in England und China wie auch weltweit erfolgreich sind.
Der Weg nach oben
Im Windschatten der Sassoons kamen weitere sephardische Händler wie die Hardoons und die Kadoories aus Nahost nach China, um dort ihr Glück zu machen. Rasch verstanden sie es, guten Geschäftssinn mit exzellenten Kontakten nach England und Kontinentaleuropa sowie die logistisch-geografisch hervorragende Lage Hongkongs und Shanghais zu verbinden und erfolgreiche Import- und Exportunternehmen zu gründen. Unglücklicherweise traten sie dabei, wie die Sassoons, auch als Opiumhändler in die Fussstapfen der Briten – und machten binnen kurzer Zeit ein Vermögen mit dem Drogenhandel. Ihr Kapital investierten sie in Immobilien, Fabriken, den Finanzmarkt sowie in städtische und öffentliche Initiativen. So stiegen sie allmählich zur erfolgreichsten Zuwanderergruppe in Shanghai und Hongkong auf. Ihr Einfluss erstreckte sich auf ganz China und Fernost.
Die in China erfolgreichen jüdischen Geschäftsleute engagierten sich häufig in bedeutender Weise für das Gemeinwesen und Karitatives, wie Pan Guang in seinem 2005 erschienenen Buch «The Jews in China» beschreibt. Sie liessen Synagogen
errichten, Schulen bauen und unterstützten russisch-jüdische Einwanderer sowie später auch jüdische Flüchtlinge aus Europa. So ermöglichte Sir Jacob E. Sassoon um 1900 den Bau der Ohel-Synagoge in Hongkong sowie eines Pendants in Shanghai. Auch engagierten sich die jüdischen Bürger für die zionistische Bewegung und – nicht zuletzt, um ihre eigenen Interessen besser zu vertreten – in der Landespolitik. Sie publizierten ab 1904 die Zeitung «Israels Messenger», die drei Jahrzehnte lang einflussreiche Plattform für jüdische Interessen war. Sie förderten chinesische Kunst und Kultur und spielten auch im gesellschaftlichen Leben eine entsprechend wichtige Rolle. So Sir Matthew Nathan (1862–1939), ein jüdischer Gouverneur Hongkongs: In herausragender Weise unterstützte er die Aktivitäten der jüdischen Gemeinde. Ihm zu Ehren wurde eine grosse Strasse in Hongkong-Nathan-Strasse genannt.
Monumente des Erfolgs
Dass die Sassoons eine der erfolgreichsten jüdischen Familien in der Region waren, zeigt sich bis heute im Stadtbild. Als architektonisches Flaggschiff der Familie ist das 1929 von Victor Sassoon errichtete Cathay Mansion anzusehen. Bedeutendster Ausdruck des immensen Erfolges und Reichtums der Familie war das prachtvolle Sassoon Gebäude am Hafen, in dem seit rund achtzig Jahren das Peace Hotel untergebracht ist, ein glamouröses Haus und pulsierender Treffpunkt, wo sich die Elite Shanghais zu extravaganten Festen traf. In den dreissiger Jahren gingen dort Diplomaten und Berühmtheiten aus aller Welt ein und aus. Im Jahre 2010 erstrahlt das legendäre Haus nach einer umfangreichen Renovierung wieder in altem Glanz.
In den goldenen zwanziger Jahren war Sir Victor Sassoon (1881–1961) Chef der Firma Sassoon & Co. Der Bau des Metropole-Hotels in jener Zeit war ebenfalls ein Investment der Sassoons, desgleichen die Broadway Mansions (heute Shanghai Mansions), ein luxuriöses Appartementhaus am Hafen. Doch auch andere jüdische Familien hinterliessen Spuren ihres Erfolges in Stadtbild und gesellschaftlichem Leben. So die Familie von Abraham Hillali oder Arthur und Theodore Sopher, die jüdischen Manager der gleichnamigen Firma. Die Sophers hatten britische Pässe und bauten sich ein für damalige Verhältnisse sehr luxuriöses Haus nach englischem Vorbild mit Pool, Springbrunnen und Tennisplätzen auf ausgedehnten Rasenflächen. Das 1921 errichtete Haus des wohlhabenden jüdischen Geschäftsmannes Ray Joseph wurde später ein feines Clubhaus. Silas Aaron Hardoon wiederum liess zu Ehren seiner Frau den berühmten Hardoon-Garten anlegen. Hardoon war der Immobilienkönig Shanghais und galt in den zwanziger Jahren als der reichste und wohl auch einflussreichste Jude in Fernost. Sir Elly Kadoori (1867–1944) fungierte bis 1928 als Präsident der Zionistischen Bewegung in Shanghai. Auch er schuf sich ein steinernes Denkmal, ein herrschaftliches Anwesen, das die Familie bis nach dem Krieg als Wohnsitz nutzte. Heute beherbergt das palastartige Haus den Shanghai Children’s Palace, eine Betreuungs- und Fördereinrichtung der Extraklasse.
Waren die Erfolge noch bis in die zwanziger Jahre für die führenden jüdischen Familien immens, wurde in den dreissiger Jahren alles anders. Infolge der japanischen Invasion 1937 und der Besetzung Shanghais und Hongkongs nach dem Angriff auf Pearl Harbour 1941 verloren die jüdischen Händler Besitz in den okkupierten Gebieten. Als der Bürgerkrieg zwischen den Kommunisten und den Nationalisten nach dem Zweiten Weltkrieg an Intensität zunahm und schliesslich mit der Gründung der Volksrepublik endete, verlagerten viele Juden ihre Geschäfte nach Hongkong. Seit der Öffnung Chinas und seinem rasanten Aufstieg als Wirtschaftsmacht in den letzten zehn, fünfzehn Jahren aber haben wieder viele jüdische Unternehmer erfolgreich im Reich der Mitte investiert.
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.