Die Rettung der jiddischen Literatur

October 12, 2009
Aus einem privaten Projekt ist mittlerweile das weltweit wichtigste Zentrum für jiddische 
Literatur geworden.

von Julian Voloj

Denkt man an jiddische Literaturzentren, dann denkt man wahrscheinlich an Wilna, Warschau oder auch Czernowitz, aber Amherst im US-Bundesstaat Massachusetts wird man kaum auf seiner Liste haben. Doch die verschlafene Universitätsstadt, mit dem Auto etwa zwei Stunden von Boston entfernt, ist heute wahrscheinlich das wichtigste Zentrum jiddischer Literatur. 1997 wurde dort auf dem Campus des Hampshire College das National Yiddish Book Center errichtet.

Faszination Jiddisch

Das National Yiddish Book Center hat es sich zur Aufgabe gemacht, jiddische Literatur zu retten und ein reichhaltiges jiddisches Kulturprogramm anzubieten. Das Zentrum hat heute 20 Angestellte, ein Jahresbudget von 2,5 Millionen US-Dollar und ist mit etwa 30 000 Mitgliedern eine der grössten und am schnellsten wachsenden jüdischen Kulturorganisationen in den USA. Gegründet wurde das National Yiddish Book Center bereits 1980 vom damals 25-jährigen Aaron Lansky, der heute noch Vorsitzender der Organisation ist. Lanskys Faszination für das Jiddische begann sieben Jahre zuvor in Amherst, wo er 1973 an einem Kurs über den Holocaust am Hampshire College teilnahm. Der Kurs weckte Lanskys Interesse an der Kultur, die von den Nazis nahezu vernichtet worden war. – Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab es weltweit schätzungsweise elf Millionen Jiddischsprachige, was etwa 75 Prozent der jüdischen Bevölkerung entsprach. Mehr als die Hälfte von ihnen wurden während des Holocaust ermordet.
Als Lansky 1977 an der McGill University in Montreal, Kanada, ein Graduiertenprogramm zu osteuropäisch-jüdischen Studien begann, beschloss er, gemeinsam mit ein paar Kommilitonen privat Jiddisch zu lernen. Da Buchhandlungen keine jiddischen Bücher führten, war Lanskys kleiner privater Sprachkurs permanent auf der Suche nach Literatur, die man gemeinsam lesen konnte. Lanskys Interesse am Jiddischen kam zu einem kritischen Zeitpunkt: Ende der siebziger Jahre starben viele der Muttersprachler und ihre Hinterlassenschaften, oftmals wertvolle Bibliotheken jiddischer Literatur, landeten auf dem Müll, da ihre Kinder und Enkelkinder Jiddisch nicht verstanden und keinen Bedarf für die alten Bücher hatten. Lansky erkannte, dass «Tausende von Büchern, die den Terror von Hitler und Stalin überlebt hatten, nun aus Desinteresse vernichtet wurden.» Er entschloss sich, dem entgegenzuwirken und zusammen mit Freunden diese Bücher zu retten. Die meisten Experten gingen davon aus, dass noch etwa 70 000 jiddische Bücher existierten. Lansky schätzte, dass er etwa zwei Jahre brauchen würde, um diese Bücher zu retten, und unterbrach, wie er damals glaubte, für lediglich zwei Jahre sein Studium und gründete 1980 den National Yiddish Book Exchange, den Vorläufer des heutigen Zentrums. Sowohl die Experten als auch Lansky irrten sich. In nur sechs Monaten hatten Lansky und seine Freunde bereits mehr als 70 000 Bücher gesammelt, doch es gab noch weitaus mehr Bücher, als alle gedacht hatten. Bis heute wurden 1,5 Millionen Bücher gerettet, und das Sammeln geht weiter.

Spektakuläre Rettungen

Jede einzelne Rettung war eine Geschichte für sich, und Lansky hat diese Geschichten in seinem Buch «Outwitting History» festgehalten, das 2004 erschien und im darauf folgenden Jahr mit dem Massachusetts Book Award ausgezeichnet wurde. Es gab einige spektakuläre Aktionen, etwa als Lansky kurz vor Mitternacht einen Anruf bekam und zwei Stunden später schon im Zug nach New York sass, wo er dann mit Freunden bei Eisregen 8000 Bücher aus einer Müllkippe holte, oder die Bibliothek von 15 000 Büchern, die zufällig von ein paar Teenagern im Keller eines abgerissenen Hauses in der Bronx gefunden wurde, oder die 85 000 Notenblätter mit jiddischer Musik, die in der Garage eines orthodoxen Juden in Borough Park gelagert waren. Die meisten Buchsammlungen waren jedoch ganz normale Zusammentreffen. Lansky besuchte mit Helfern alte Menschen in ihren Wohnungen, um Bücher abzuholen, die alten Besitzer erzählten von den Büchern, von ihrem Leben und luden zum Essen ein. Die Abgabe der Bücher war immer auch die Übergabe eines kulturellen Erbes.

Jahre vor Google

Viele sehen den Erfolg des Zentrums als den grössten kulturellen Rettungserfolg in der jüdischen Geschichte. Als Lansky 1980 mit seiner Arbeit anfing, gab es in Nordamerika lediglich sechs Bibliotheken, die jiddische Werke führten. Das National Yiddish Book Center hat bis dato 455 Bibliotheken mit jiddischen Büchern ausgestattet, und nicht nur bedeutende amerikanische Bibliotheken wie die von Harvard und Yale, sondern auch weltweit in Ländern wie Japan und China finden sich Bücher, die aus dem National Yiddish Book Center stammen. Die Arbeit des Zentrums geht weiter. Über 200 Volontäre sammeln heute weltweit nicht mehr gebrauchte jiddische Bücher, darunter auch in Brasilien und Argentinien, und pro Woche kommen durchschnittlich etwa 500 Bücher ins Zentrum. «Es geht jedoch nicht allein darum, die Bücher zu retten, sondern auch die Literatur wieder zugänglich zu machen», unterstreicht Lansky. Man hat daher angefangen, englische Übersetzungen jiddischer Literatur zu erstellen. «99 Prozent der jiddischen Literatur ist noch nicht ins Englische übersetzt worden», erklärt Lansky. Man hat also noch viel zu tun. Vor Kurzem hat der Ausbau des Zentrums begonnen, der etwa sechs Millionen Dollar kosten wird und pünktlich zum 30. Jubiläum des Zentrums fertiggestellt sein soll. Jiddisch ist eben eine Investition in die Zukunft.  


Julian Voloj ist Journalist und lebt in New York.