«Die Platte geb‘ ich nicht her!»

May 11, 2010
Die «schnurrige» Begegnung Theodor Herzls mit Wilhelm II. in Palästina.
28. Oktober 1898 Wilhelm II. in Mikwe Israel auf einem Schimmel sitzend. Von Herzl sind am rechten Bildrand nur sein linker Schuh und sein Tropenhelm zu erkennen

von L. Joseph Heid

Bislang waren es für ihn «halkyonische Tage» gewesen, schwärmte er. Auch wenn er es auf die sonnigen Tage seiner Meerfahrt kreuz und quer durchs Mittelmeer zwischen Alexandrien, Smyrna, Piräus und schliesslich Jaffa bezog: seine Palästinareise, mit der er im Herbst 1898 dem deutschen Kaiser auf der Spur blieb, ihm nachfolgte oder auch vorauseilte, diese Palästinareise war, gemessen an der selbstgesteckten politischen Zielsetzung seiner Mission, alles andere als Tage glücklicher Ruhe. Gewiss waren es die erwartungsvolle Stimmung und die Aussicht auf eine zugesagte Audienz im Jerusalemer Zeltlager des deutschen Kaisers, die Theodor Herzl, der vor 150 Jahren am 2. Mai 1860 in Budapest geboren wurde, zu seinem stimmungsvollen Tagebucheintrag veranlassten.

Wenige Tage zuvor, am 18. Oktober 1898, war Herzl, der unbestrittene Repräsentant der noch jungen zionistischen Bewegung, erstmals von Wilhelm II. empfangen worden, und zwar während des Kaisers Zwischenstation bei der Hohen Pforte in Konstantinopel auf dem Weg nach Palästina. Des Hohenzollern Absicht war es, beim osmanischen Sultan und im Heiligen Land, bei deutschen Missionaren und Siedlern Flagge zu zeigen. Deutschland setzte um die Jahrhundertwende auf eine aktivere Orientpolitik mit dem Ziel, seine politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen im Nahen Osten zu fördern, kurz, es ging um das Anmelden deutscher Interessen im östlichen Mittelmeergebiet..

Der deutsche Kaiser als Schutzherr

Alle Überlegungen, die Wilhelms politische Orient-Phantasien beflügelten, kamen Herzls zionistischen Absichten entgegen. Die orientalischen Reisepläne des Kaisers wollten es, dass Herzl erstmals Gelegenheit erhielt, dem deutschen Monarchen und auserkorenen Schutzherrn eines geplanten Judenstaats in Palästina seine zionistischen Ideen darzulegen. Das in Konstantinopel vorgesehene Gespräch war auf Vermittlung von Wilhelms Onkel, Grossherzog Friedrich I. von Baden, zustande gekommen, der Herzl gewogen war und es verstanden hatte, bei seinem kaiserlichen Neffen ein gewisses Interesse für den Zionismus zu wecken.

Herzl versprach sich vom deutschen Kaiser die Rolle eines Protektors für den zu gründenden Judenstaat und hoffte, dass dieser die «Judenfrage» – die Gewährung einer «Chartered Company» und deutschen Schutz – gegenüber seinem türkischen Gastgeber zur Sprache bringe. «Er wird mich verstehen», war Herzl überzeugt, denn «aus Träumereien ist auch das Deutsche Reich entstanden.»

Nach einer Unterredung mit Philipp Fürst Eulenburg, Berater des Kaiser, schwärmte Herzl: «Unter dem Protektorate dieses starken, grossen, sittlichen, prachtvoll verwalteten, stramm organisierten Deutschland zu stehen, kann nur die heilsamsten Wirkungen für den deutschen Volkscharakter haben […]. Merkwürdige Schicksalswege: Durch den Zionismus wird es den Juden wieder möglich werden, dieses Deutschland zu lieben, an dem ja trotz allem unser Herz hing!» Bis zum Herbst 1898 hatte Herzl keine grossen politischen Erfolge vorzuweisen. Gewiss war der erste Zionistenkongress in Basel im Jahr zuvor ein grosser, ja überwältigender Erfolg gewesen, indes waren die diplomatischen Bemühungen um Unterstützung des Judenstaatprojekts bei den führenden Mächten allesamt gescheitert. Wilhelm II. fühlte sich angesichts der jüdischen Avancen zunächst geschmeichelt und angetan: «Es wäre für Deutschland eine ungeheure Errungenschaft, wenn die Welt der Hebräer mit Dank zu mir aufblickt!» Gleich zweimal schnitt er gegenüber dem Sultan das Thema an, doch Abdul Hamid wich aus und wechselte das Thema.

In den Erinnerungen des späteren Reichskanzlers Bernhard von Bülows der von Wilhelms engsten Beratern am wenigsten einen Hehl aus seinen antisemitischen Gefühlen machte, ist zu lesen, dass Wilhelm II. anfänglich Feuer und Flamme für die zionistische Idee gewesen sei, auch wenn es spöttisch hiess, dass Deutschland nicht bereit sei, wegen der Zionisten einen Krieg (gegen England) zu führen. Als ihm aber der damalige türkische Botschafter in Berlin, der den Kaiser auf dessen Orientreise begleitete, klargemacht hatte, dass der Sultan vom Zionismus und einem unabhängigen jüdischen Staat nichts wissen wolle, habe er die zionistische Sache fallen lassen. Von nun an wollte auch der Kaiser nichts mehr von der leidigen Judenangelegenheit wissen.

Am Hofe des türkischen Sultans gab sich Wilhelm noch vordergründig interessiert, zeigte sich über den Zionismus gut unterrichtet. Beim Abschied stellte der Kaiser jovial in Aussicht, die fünfköpfige zionistische Delegation in einigen Tagen in Jerusalem zu empfangen. Das war reine Höflichkeit.

Schicksalsschwere Begegnung

Der 28. Oktober 1898 war selbst für palästinensische Verhältnisse ungewöhnlich heiss: Das Thermometer zeigte schon am Vormittag 31 Grad im Schatten und 41 in der Sonne. Obwohl er sich schon eine Zeit lang unwohl fühlte, fiebrig war und mit einem Malariaanfall zu kämpfen hatte, fuhr Herzl zeitig nach Mikwe Israel hinaus, um dort eine jüdische Schule zu besuchen. Herzl wusste, dass auch der Kaiser an diesem Tage hier Station machen würde. Vor der Schule waren die Zöglinge zur Begrüssung des Kaisers versammelt. Um neun Uhr nahte der kaiserliche Zug. Grimmige türkische Reiter sprengten mit verhängten Zügeln und drohenden Gewehren heran, dann des Kaisers Vorreiter, säbelschwingende preussische Dragoner, wehende Fahnen mit dem türkischen Halbmond und dem preussischen Adler, schliesslich inmitten einer grauen Gruppe von Damen der Kaiser selbst: Wilhelm auf einem Schimmel. Er trug eine goldene Pickelhaube und einen weissen Seidenburnus. Herzl, etwas abseits stehend, gab dem Schülerchor das Zeichen zum Absingen der Kaiserhymne, stellte sich dann an einen der Pflüge und zog den Tropenhelm.

Schon von fern erkannte ihn der Kaiser. Es gab ihm einen kleinen Ruck, wie Herzl aufmerksam bemerkte, und der Kaiser lenkte sein Pferd zu ihm herüber. Im Durcheinander fiel einer der kaiserlichen Kämmerer vom Pferd. Herzl trat zwei Schritte vor, Wilhelm beugte sich huldvoll auf den Hals seines Schimmels nieder und reichte Herzl die Hand herunter. Der Kaiser lachte und blinzelte sein Gegenüber mit «Herrenaugen» an. Doch der Hohenzoller wollte nur vom Wetter sprechen. Auf Herzls Höflichkeitsfrage, wie dem Kaiser seine Reise bislang bekommen sei, meinte dieser: «Sehr heiss! Aber das Land hat Zukunft.» Vorläufig sei es noch krank, erwiderte Herzl unsicher. Doch der Kaiser ungerührt weiter: «Wasser braucht es! Viel Wasser», und Herzl blieb die Entgegnung: «Ja, Majestät, Canalisierung in grossem Massstab!» Wenige weitere belanglose Worte wurden gewechselt, dann reichte der Kaiser Herzl die Hand und trabte davon. Herzl sah noch, wie der Kaiser sich unter den Kindertönen des «Heil Dir im Siegerkranz» stolzer im Sattel reckte und seiner Hymne salutierte.

Eine verpatzte Fotografie

David Wolffsohn, der «Brave», Herzls engster Vertrauter und sein späterer Nachfolger im Amt des Zionistenpräsidenten, hatte zwei Momentaufnahmen der Szene gemacht. Jedenfalls glaubte er es. Dabei zeigte er mehr Geistesgegenwart als Glück. Wolffsohn klopfte stolz auf seine Kodak und meinte: «Die Platte geb‘ ich nicht um zehntausend Mark her!» Aber als die Zionistengruppe nach Jaffa zum Fotografen kam und die Platte entwickeln liess, zeigte sich, dass auf der ersten Aufnahme nur ein Schattenriss des Kaisers und Herzls linker Fuss sowie sein angeschnittener Tropenhelm zu sehen waren. Die zweite Platte war ganz verdorben. Wolffsohn hatte vor Aufregung die historischen Aufnahmen vermasselt. Herzl war ausser sich und fand nur schwer seine Contenance wieder.

Herzl im Gespräch mit Wilhelm II. – und Herzls zionistischer Begleiter Wolffsohn hatte den Einfall, diese überraschende und ganz und gar nicht geplante zufällige Begegnung in einem fotografischen Schnappschuss zu bannen. Der Zionistenführer im vertrauten Gespräch mit dem deutschen Kaiser inmitten einer stattlich-pittoresken Reiterkulisse. Angesichts der «welthistorischen» Bedeutung, die Herzl seinen Gesprächen mit dem deutschen Monarchen beimass, wäre es unverzeihlich, zumindest aber leichtfertig gewesen, sich diese dokumentarische Chance entgehen zu lassen. Herzl, eitel durch und durch – sich des agitatorischen Werts der Aufnahme bewusst – wäre nicht er selbst gewesen, hätte er nicht eine praktikable Lösung zur Behebung des geschehenen Missgeschicks gefunden. Noch an Ort und Stelle liess er sich – diesmal in der gewünschten Positur – ein zweites Mal von Wolffsohn ablichten und das Foto zum Kaiserbild montieren – eine Fälschung zu einer tatsächlich stattgefundenen Begegnung!

Nach Köln, ins zionistische Büro zurückgekehrt, gaben Herzl und Wolffsohn die Fotomontage in Auftrag. Im Jahre 1898 gab es – selbstredend – keine technisch raffinierten Möglichkeiten, die uns heute im Zeitalter von Computern und Scannern zur Verfügung stehen. Damals war die Bewerkstelligung einer Fotomontage reine Handarbeit: Der Fotograf schnitt Wilhelm einfach aus und montierte ihn auf das Pferd eines seiner Adjutanten – und so erklärt sich die recht unscharf konturierte Physiognomie. Der Kaiser, der vorher auf einem Schimmel gesessen hatte, sitzt nach der Montage mit einem Mal auf einem Rappen, beim genauen Hinsehen zusätzlich erkennbar an der Fahnenkulisse im Hintergrund. Dieses Detail – und natürlich Herzls Idee, eine Fotomontage fertigen zu lassen – ist insofern nicht unbedeutend, dass Spötter und Neider, an denen es Herzl nicht mangelte, die Behauptung in die Welt setzen konnten, dieser habe seine Palästinareise gar nicht unternommen, geschweige denn sei er mit dem Kaiser zusammengetroffen. Bei all dem bleibt die Frage, wieso kein kaiserliches Büro die Veröffentlichung eines Bildes verhindert hat, auf dem der deutsche Monarch gegen seinen kaiserlichen Willen als Objekt für eine fotografische Fälschung herhalten musste.

Ein kaiserlicher Meinungswandel

Als die zionistische Delegation einige Tage später doch noch in das kaiserliche Zeltlager vorgelassen wurde, war die Distanziertheit kaum noch zu übersehen: Herzl hatte seine Ansprache an den Kaiser vorher einreichen müssen und zensuriert zurückerhalten. Mehrere mit Bleistift durchgestrichene Stellen hatte Herzl «auszumerzen». Die arroganten Hofbeamten hatten festgelegt, was an das Ohr des Kaisers gelangen durfte. Herzl bekam das Gefühl, dass die kaiserliche Umgebung offenbar darüber wütend war, dass Wilhelm sich mit einem Juden einlasse. Die sichtbare Herablassung, mit der er von den höfischen Chargen abgefertigt wurde, war Herzl nicht entgangen, umso mehr verwundert es, dass er nicht bei den geforderten Korrekturen stutzig wurde: Tatsächlich waren genau die Stellen, die bestimmter vom Ziel der zionistischen Bewegung, von der Not des jüdischen Volkes sprachen und schliesslich die Bitte um den Schutz des deutschen Kaisers für die geplante «Jüdische Landgesellschaft für Syrien und Palästina», gestrichen. Und damit war die Herzlsche Ansprache an den deutschen Kaiser unbestimmt, wenn nicht beliebig geworden.

Am Nachmittag des 2. November 1898, dem Tag, an dem 19 Jahre später die Balfour-Deklaration abgegeben wurde, wurden die zionistischen Repräsentanten vom Kaiser empfangen. Wilhelm II., in der wenig bekannten grauen Kolonialuniform, einen Schleierhelm auf dem Kopf, braunen Handschuhen, die Reitpeitsche in der Rechten, im totalen Kontrast dazu Herzl und seine Begleiter: Frack, den Zylinder in der Hand. Herzl hatte zum erstenmal seinen «schäbigen» Medschjde-Orden angelegt. Herzl trug, sichtlich nervös, seine zusammengestrichene Rede vor, in der er darlegte, dass Palästina nach jüdischen Menschen «schreie», die bereit seien, das Land ihrer Väter zu kolonisieren und zu kultivieren. Der Kaiser bedankte sich förmlich, liess sich jedoch keine politisch relevante Aussage entlocken und hielt Herzl mit dem Hinweis hin, dass die Sache noch eines eingehenden Studiums bedürfe. Welch eine Enttäuschung, ein politischer Misserfolg! Um so bemerkenswerter, dass Herzl noch unter dem Eindruck der kaiserlichen Audienz überschwänglich in sein Tagebuch notierte: «Dieser kurze Empfang wird in der Geschichte der Juden für immerwährende Zeiten aufbewahrt werden und es ist nicht unmöglich, dass er auch geschichtliche Folgen haben wird.» Damit hatte Herzl sich wieder einmal geirrt.

Welthistorische Begegnung waren alle drei Treffen zwischen Herzl und Wilhelm gewiss nicht, sie waren eine Episode in der politischen Geschichte des Zionismus. Schon bald bewertete Herzl den kurzen Jerusalemer Empfang als «schnurrig» und ihm war klar, dass die zionistischen Aktien gegenüber der Konstantinopeler Audienz einige Tage zuvor weniger gut standen und hielt desillusioniert in seinen Notizen fest: «Er ‹Wilhelm› hat nicht Ja noch Nein gesagt. Offenbar hat da viel inzwischen gespielt.» Wilhelm II. vergass fortan die zionistischen Pläne. ●

L. Joseph Heid ist Publizist und lebt in Düsseldorf.