«Die palästinensische Seite in unsist eine Tatsache»

von Sharon Gal, October 9, 2008
Während die israelische Armee nach Ansicht von Beobachtern bei den Unruhen in den Gebieten das Geschehen insofern kontrolliert, als dass Eskalationen der Gegenseite mit eigenen Massnahmen gekontert werden können, ist man sich in Jerusalem darin einig, dass die Konfrontation mit den israelischen Arabern (18% der Gesamtbevölkerung) viel gefährlicher ist und mit zunehmender Dauer ausser Kontrolle geraten könnte. Noch nie seit 1948 haben beispielsweise arabische Bürger des jüdischen Staates mit scharfer Munition auf Polizisten geschossen. «Die arabische Bevölkerung ist nicht extremistisch geworden, sie hat nur zu viel gelitten», meint dazu der Knessetabgeordnete Abdulmalik Dahamshe.
Empörung auf dem Tempelberg: Abdulmalik Dahamshe (l.) und Achmed Tibi. - Foto Isranet

Das Interview mit dem Abgeordneten Abdulmalik Dahamshe von der Vereinigten Arabischen Liste hätte am Sonntag in seinem Heim in Kafr Kana in Galiläa stattfinden sollen. Als der vereinbarte Termin herannahte, hüllte jedoch eine dicke schwarze Wolke das Dorf ein. An der Kreuzung Beit Rimon unweit von Kafr Kana legten deutliche Spuren Zeugnis vom Geschehen ab: Eine abgebrannte Busstation, Verkehrsschilder lagen am Boden, in der Luft wehte eine palästinensische Flagge. Israelische Polizisten versuchten, aufgebrachte Dorfbewohner daran zu hindern, die Kreuzung erneut zu besetzen.
Dahamshe war nicht überrascht, als die Unruhen am Sonntag von den Gebieten auf die israelischen Araber übergriffen. Seiner Meinung nach hat Sharons Besuch auf dem Tempelberg die «grüne Linie» zwischen dem israelischen Kernland und den Gebieten weggewischt. «An diesem Krieg nehmen alle Moslems teil; bei der el Aqsa-Moschee gibt es keine grüne Linie, und das wird sich über den ganzen Staat Israel hinweg erstrecken.» Ähnliche Gefühle über den Tempelberg und die Ausbreitung der Gewalt gelangten kürzlich an einer Konferenz in der israelisch-arabischen Stadt Umm el-Fahm zum Ausdruck, die zum fünften aufeinander folgenden Male von der Islamischen Bewegung finanziert worden ist. «El Aqsa ist in Gefahr», lautete diesmal das Motto.

«Den Feinden der Menschheit»

Überall, wo es zwischen Galiläa und dem Negev zu medienmässig dicht verfolgten Konfrontationen zwischen demonstrierenden Arabern und der Polizei kommt, ist auch der für seine offene, direkte Ausdruckweise bekannte Dahamse dabei. Erst vor wenigen Wochen ordneten die zuständigen israelischen Stellen eine Untersuchung des Verdachtes der Hetze an, die Dahamshe mit seiner Bemerkung begangen haben könnte, als er nach Vandalenakten gegen eine Moschee drohte, den Polizisten Armen und Beine zu brechen, sollten sie die Renovationsarbeiten behindern. Vor den Ruinen des Gebäudes gelobte er, die Moschee auch dann wieder aufzubauen, wenn Blut fliessen sollte.
1997, ein Jahr nach seiner Wahl in die Knesset, erklärte Abdulmalik Dahamshe in Syrien, Palästina und Syrien seien «ein Heimland und teilen das gleiche Schicksal». Mit dem Schwert in der Hand würde das arabische Volk triumphieren und ins Heimland zurückkehren. Der Sieg werde mit «einem Jihad (heiliger Krieg) der arabischen Nation» errungen. Und 1999 sagte der Abgeordnete, man werde Jerusalem von den Zionisten, «den Feinden der Menschheit», befreien.
Dahamshe weist die oft vorgebrachte Anschuldigung zurück, die arabischen Knessetabgeordneten seien extremer und radikaler als ihr Fussvolk geworden, und auch die Schlussfolgerung, der arabische Sektor Israels sei in den letzten Jahren politisch radikalisiert worden, akzeptiert er nicht. Die gegenwärtigen Unruhen sind für ihn das Ergebnis von Vorgängen der Diskriminierung und Entfremdung. «Sogar Menschen», erklärt er, «die wir als Vertreter der Linken und als unsere Freunde betrachteten, sprachen sich gegen die Blockierung der Strassen im Norden aus, was die Ausflügler an Rosch Haschana daran hinderte, in ihre Heime im Süden zurückzukehren. Niemand jedoch sagte ein Wort weder über den Araber, der seit 25 Jahren das Ziel der Schlagstöcke der Polizei ist, noch über die Zerstörung von Häusern. Sie lachen uns offen ins Gesicht.» Dann fragte der Abgeordnete: «Sind wir keine Menschen? Haben wir in diesem Staate keine Rechte? Kann ich jetzt meine Wohnung in Kafr Kana verlassen, ohne fürchten zu müssen, von einem Polizisten in den Kopf geschossen zu werden?»
Dahamshe (55), der in Kafr Kana zur Welt kam, studierte Recht an der Hebräischen Universität. Zwei Wendepunkte prägten seine politisch-religiöse Entwicklung. 1971 wurde er unter dem Verdacht der Kontakte zur Fatah verhaftet und wegen der illegalen Hilfeleistung an drei Terroristen zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. 1978, nach sechs Jahren Haft, wurde er begnadigt. 1983 erhielt er seine akademischen Titel zurück und öffnete eine Anwaltspraxis in Nazareth. Damals hatte die Lektüre eines Buches ihn tief religiös gemacht. «Mir war klar geworden», sagte er, «dass der Körper eines Menschen nicht ein Zufallsprodukt des Schicksals sein kann, und ich habe eine Antwort auf meine Frage nach der Existenz Gottes bekommen.» Zu den prominentesten Klienten Dahamshes zählte Hamas-Gründer Scheich Achmed Yassin, dessen Bild im Wohnzimmer des Anwaltes hängt. «Er ist ein augezeichneter Mann», sagt Dahamshe über Yassin. «Ein hervorragender Führer, der den Frieden sucht.»
Die Frage, wie diese Beschreibung auf einen Mann passt, der Selbstmörder gegen Israelis geschickt hat, beantwortet Dahamshe wie folgt: «Er hat nie Selbstmörder ausgeschickt. Dies ist eine komplett separate Abteilung von Hamas. Yassin hat eine im Wesen politische Organisation gegründet. Hamas macht nichts im Zusammenhang mit Gewalt; diese Dinge werden von militärischen Organisationen durchgeführt. Ich bin stolz darauf, ihn vetreten zu haben. Ich habe die Qualen gesehen, die er durchgestanden, und wie der Shabak-Geheimdienst seinen Körper behandelt hat. Ich verstehe ihn und höre ihm zu. Er sagt: \"Wir sind nicht gegen den Frieden und haben keinen Streit mit den Juden als Juden.\" Dieser Mann war das Opfer von Gewalt und Misshandlung, und er spricht für ein ganzes Volk, ein unterdrücktes Volk, das seit 50 Jahren leidet.»
Kürzliche Demonstrationen innerhalb der «grünen Linie», die mit Unruhen in den Gebieten zusammenfielen, scheinen Dahamshes Dementi von Kontakten zwischen Hamas und der Islamischen Bewegung in Israel zu untergraben. Der Abgeordnete meint dazu: «Wir leben in einer schwierigen Wirklichkeit, welche die grüne Linie weggewischt hat. Wahrscheinlich sind wir tatsächlich ein Volk.» Für Dahamshe wurzeln die jüngsten Unruhen in der traditionellen Diskriminierung des arabischen Sektors durch Israel. «In diesem Sektor leben heute rund eine Million Menschen, die Ausbildung genossen haben. Sie wissen, dass sie Rechte haben, und dass Akte der Diskriminierung und der Bodenenteignung nicht rechtens sind. In der Praxis aber dreht die Realität ihre Rechte ins Gegenteil um. Wenn ich ein Bürger mit Rechten bin, warum denn kann ich kein Land besitzen? Warum muss die Armee Sachnin mit seinen 30 000 Einwohnern ersticken, während das jüdische Misgav sich frei über tausende von Dunam erstreckt? Die arabische Bevölkerung ist nicht extremistisch geworden, sie hat aber die Grenze der Schmerzen erreicht, die sie zu ertragen bereit ist.»

Keine künstlichen Proteste

Dahamshe fühlt sich nicht nur von Israels extremer Rechten entfremdet. Für ihn steht fest, dass auch in der Arbeitspartei und im Likud Abgeordnete die Araber Israels am liebsten jenseits der Landesgrenzen sehen würden. «Effektiv sieht Barak in uns Aussenseiter. Er wurde dank uns Premierminister, doch schaut er uns nicht in die Augen. Er betrachtet uns als Randgruppe, die er auf sicher in der Tasche hat und der von Zeit zu Zeit einen Schlag verabreichen kann.» In den jetzigen Demonstrationen der israelischen Araber gelangt für Dahamshe das lange Leiden zum Ausdruck. «Die Proteste sind nicht künstlich. In Haifa etwa, wo Juden und Araber immer nebeneinander gelebt haben, sind die Araber auf die Strasse gegangen. Ist das künstlich? Ist es Zufall, dass die Bewohner von Kafr Kana einen Protestmarsch organisiert haben? Das kommt vom Herzen und bringt die Gefühle zum Ausdruck, die sich wegen einer schwierigen, bitteren Wirklichkeit entwickeln konnten.» Als Ofakim unter Arbeitslosigkeit gelitten habe, fuhr Dahamshe fort, hätten sowohl Netanyahu als auch Barak den Ort besucht, um Jobs zu kreieren. «Niemand aber hat Kafr Manda besucht, den Spitzenreiter der Arbeitslosigkeit in Israel. Barak hat Angst, dass ihn jemand sonst bezichtigen würde, gemeinsame Sache mit den Arabern zu machen. Der Abgeordnete glaubt nicht, dass Barak wieder die Unterstützung des arabischen Sektors erhalten würde, sollten jetzt Wahlen abgehalten werden. Im Mai 1999 hätten die Araber zwischen «dem Schlechten und dem sehr Schlechten» entscheiden müssen. Jetzt stelle sich heraus, dass «der Schlechte auch sehr schlecht ist». Trotz allem lässt Abdulmalik Dahamshe zum Schluss etwas Optimismus durchblicken. «Stellt uns auf die Probe», sagt er. «Lasst uns etwas Luft einatmen...Wir leben in einer unerträglichen, drückenden Realität… Zugegeben, wir sind Palästinenser, und Ihr wollt diesen Teil aus unserem Volk heraus reissen. Sobald sie (die Israelis) aber Unterdrückung und Rassismus beenden, werden wir sehen, welche Art der Realität sich dann heranbildet. Heute lasst Ihr uns nicht einmal als Israelis leben. Die Gründerväter waren gescheiter als die heutigen Führer. Ben Gurion war sicher nicht dumm. Bat er uns, die ‘Hatikwah’ (Israels Hymne) zu singen? Wir sind arabische Palästinenser, das ist ein Teil unserer Identität. Statt uns zu helfen, macht der Staat Israel das Gegenteil. Und dann beklagt er sich über die für ihn verdächtige palästinensische Seite in uns.»

Haaretz