Die Matzot im Brotkörbchen
Als ich in meinen Basler Jugendjahren im lokalen koscheren Restaurant essen ging, gab es ein Detail, das mir stets ein bisschen ein Dorn im Auge war und welches das köstliche Mahl beinahe etwas in den Schatten stellte: Im Brotkörbchen gab es nebst feiner Baguettescheiben immer eine Handvoll Matzot. Diese Tatsache irritierte mich. Ich hatte zwar nichts persönlich gegen ungesäuerte Brote, aber irgendwie störte mich der Anblick dieser Matzot an «normalen» Kalendertagen. Matzot gehörten zum Pessachfest, und dann hatten sie für mich in der Tat einen schon fast sakralen Status. Aber Matzot an einem gewöhnlichen Wochen- und Nichtpessachtag? Dies löste in mir beinahe ein Gefühl der Entweihung und Profanierung aus.
Waren meine damaligen Gefühle gerechtfertigt? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, wollen wir die Rolle gesäuerter und ungesäuerter Brote im Tempeldienst prüfen, und zwar bewusst an jenen Kalendertagen, an welchen nicht Pessach war. Hierbei lässt sich eine interessante Feststellung machen: Unter den verschiedenen Opfergaben im Tempel, die meist aus Tieropfern bestanden, gab es auch eine vegetarische Darbringung: «korban mincha». Dieses sogenannte Speiseopfer bestand aus einer Mischung aus Weizen- oder Gerstenmehl, Öl und Weihrauch und wurde teilweise auf dem Altar verbrannt und Gott geweiht. Im Zusammenhang mit unserer Fragestellung aber ist ein Thora-Gebot bezüglich des Speiseopfers besonders erwähnenswert: «Alle Speiseopfer, die ihr Gott darbringt, sollen nicht aus Gesäuertem bereitet werden, denn weder Sauerteig noch Honig dürft ihr Gott als Feueropfer darbringen» (3. B. M. 2:11). Mit anderen Worten: Alle Opfer im Tempel, die auf Mehlgebäck basierten, waren allesamt ungesäuert, das heisst «matze-artig». Diese Tatsache ist bemerkenswert, hält man doch Matzot intuitiv wohl lediglich für pessachbezogenes Gebäck, das sonst keine Bedeutung hat. Hier wird jedoch ersichtlich, dass dies in der jüdischen Tempelpraxis überhaupt nicht der Fall war – ganz im Gegenteil.
Jede Regel hat aber bekanntlich ihre Ausnahme, und dies trifft hier auch zu: In zwei Fällen nämlich soll bewusst «chamez», Gesäuertes, dargebracht werden: Bei den beiden Broten («schtei halechem»), die zum Wochenfest Schawuot von der neuen Weizenernte dargebracht wurden, heisst es (3. B. M. 23:17): «Gesäuert sollen sie gebacken werden, Erstlingsgaben dem Ewigen»; bei einem Dankopfer («korban toda»), das man darbrachte, wenn einem ein Wunder widerfahren oder nachdem man einer Lebensgefahr entgangen war. Dieses Tieropfer brachte man zusammen mit rund 40 Broten, von welchen 30 ungesäuert und zehn gesäuert waren, wie es heisst: «Mit Gebäck von gesäuertem Brote soll er sein Opfer darbringen bei einem Dankopfer-Mahl» (3. B. M. 7:13).
Unbeschwert und unkompliziert
Bevor wir diese beiden Ausnahmefälle analysieren, wollen wir die Frage stellen, wieso denn in der Regel keine gesäuerten Brote, sondern Matza-Gebäck im Tempeldienst dargebracht wurde. Der anonyme Verfasser des «Sefer hachinuch», eines einzigartigen Monumentalwerks aus dem 13. Jahrhundert, welches sämtliche Ge- und Verbote der Thora aufzulisten, zu ergründen und vor allem zu begründen versucht, sieht die Wurzel des allgemeinen Chamez-Verbots im Tempel wie so oft auf didaktischer Ebene: «Ich kann sagen, dass der ganze Opferdienst bezweckt, die Gedanken des Darbringenden zu erwecken (…). Darum, indem das Gesäuerte – das durch lange Hinhaltung entsteht – von seinem Opfer ferngehalten wird, wird er sich durch die Vorstellung die Eigenschaften der Flinkheit, Leichtigkeit und Schnelligkeit in der Tätigkeit für Gott, gelobt sei Er, erwerben. Wie unsere Gelehrten sagten: ‹Sei leicht wie ein Adler, schnell wie ein Reh und stark wie ein Löwe, um den Willen deines Vaters im Himmels zu erfüllen›» («Sefer hachinuch», Mizwa 117).
Die Matza versinnbildlicht also dieses «Flinke, Leichte und Schnelle», etwas Unbeschwertes und Unkompliziertes – Eigenschaften, die einen Menschen gerade im Gottesdienst begleiten sollen. Der Glaube an Gott soll nicht von erdrückender Schwere sein, die den Gläubigen vor Ehrfurcht erstarren lässt – symbolisiert durch das «lange Hinhalten» des Sauerteigs. Vielmehr soll der Mensch durch seinen Glauben zu Tatendrang in der Welt seines Schöpfers animiert werden. Es versteht sich von selbst, dass diese Interpretation, welche die Matza mit der «Schnelle» identifiziert, mit der historischen Erklärung zur Matza einhergeht, wie wir sie in der Pessach-Haggada lesen: «Diese Matza, die wir essen – was bedeutet sie? Weil der Teig unserer Väter nicht Zeit hatte zu säuern, bis der König aller Könige, der Heilige gelobt sei Er, ihnen erschien und sie erlöste, wie es heisst: Sie buken aus dem Teig, den sie aus Ägypten genommen hatten, ungesäuerte Brote. Es war noch nicht gesäuert, denn sie wurden aus Ägypten hinausgetrieben und konnten nicht warten. Auch Proviant konnten sie nicht vorbereiten.»
«Sefer hachinuch» sieht jedoch einen weiteren Grund, weshalb Gesäuertes im Tempeldienst prinzipiell keinen Platz hatte: «Weil nämlich der Sauerteig sich erhöht (…) – um anzudeuten, dass ‹ein stolzes Herz ein Gräuel ist dem Ewigen›» (Sprüche 16:5). Hier kommt die besonders in chassidischen Schriften weit verbreitete Erklärung zum Ausdruck, wonach die Matza, das «Brot der Armut» (Haggada), Bescheidenheit und Demut symbolisiert, gesäuertes Brot aber Überheblichkeit und ein «aufgeblasenes» Ego. Matza und Chamez sind ja eigentlich von derselben Beschaffenheit, mit dem einzigen Unterschied, dass der Backprozess einer Matza maximal 18 Minuten betragen darf, herkömmlicher Sauerteig aber geruhsam aufgehen kann. Es geht also nicht um einen wesentlichen Unterschied, sondern um die Frage des Umfangs, der Grenzen. Bei der Matza bleibt die Selbsteinschätzung des Menschen «am Boden», beim Brot wird sie überschwänglich und mündet in Arroganz. Zu Zeiten des Tempels konnten die Opfergaben einleuchtenderweise nur von Matza-Gebäck kommen. Nur mit der nötigen Portion Demut und der Anerkennung der eigenen Nichtigkeit konnte der Mensch sich anmassen, in Gottes Nähe zu treten. Chamez hatte im Tempel keinen Platz. Es versteht sich von selbst, dass diese Richtlinien auch für die Begegnung mit Gott nach der Zerstörung des jüdischen Tempels an Bedeutung nichts eingebüsst haben.
Ein gewisses Mass an Selbstschätzung
Im Lichte dieser Ausführungen lassen sich nun auch die beiden erwähnten Ausnahmefälle verstehen. An Schawuot brachte man bewusst Chamez-Gebäck im Tempel dar. Zwar soll der Mensch stets die Güte Gottes vor Augen haben, die er «an seinen Geschöpfen tut, indem Er ihnen Jahr für Jahr die Ernte zum Überleben erneuert» («Sefer hachinuch», Mizwa 302). Andererseits ist es nichts als natürlich, dass der Mensch auch eine gewisse Portion an Stolz verspürt, nachdem er fleissig auf dem Feld geschuftet hat und nun seinen Ertrag geniessen kann. Ganz gemäss den Worten des Psalmisten: «Wenn du deiner Hände Arbeit geniessest, wohl dir, es soll dir gut gehen» (Psalmen 128:2). Es ist unmöglich, den Boden zu bebauen oder etwas in der Welt aufzubauen, wenn man sich lediglich und ausschliesslich als kleines Würmchen wahrnimmt. Ein gewisses Mass an Selbstschätzung, wenn auch nicht -überschätzung, darf und soll durchaus in der menschlichen Psyche vorhanden sein.
Beim zweiten Spezialfall, dem Dankopfer, sieht die Situation etwas komplexer aus. Hier sollen interessanterweise 30 der 40 vorgesehenen Brote ungesäuert sein, entsprechend den allgemeinen Opferregelungen. Wenn nämlich Gott einen Menschen von einer lebensgefährdenden Krankheit heilt oder aus einer sonstigen Lebensgefahr rettet, so ist von Seiten des Menschen zuerst einmal tief greifende Demut gefragt ob des ihm widerfahrenen Glücks. Auf der anderen Seite bestimmt die Thora, dass der ein Dankopfer Darbringende auch zehn Chamez-Brote einbeziehen soll. Die hier inneliegende Botschaft ist wichtig und mutig zugleich. Der Glückliche darf sich nämlich durchaus sagen: «Wenn mich Gott aus dieser Not befreit hat, bedeutet das, dass er mich besonders gern hat, dass er an mich glaubt und dass ich in dieser Welt noch eine Aufgabe zu erfüllen habe.» Dieses legitime Selbstvertrauen soll im Dankopfer zum Ausdruck kommen. Man vergesse nicht, dass diese Opferkategorie nicht als Sühne für eine betätigte Sünde erfolgt – was gemäss den Opfergesetzen eine ungesäuerte, «demütige» Matza-Gabe mit sich bringen würde –, sondern eben Ausdruck einer «aufrechten» und in die Zukunft gerichteten Dankbarkeit sein soll. Wenigstens ein Viertel der Gesamtzahl der Dankbrote soll in diese Richtung weisen.
Die Symbolik der Matza
Folgender Schluss lässt sich derweil ziehen: Im biblischen Judentum waren – zumindest im Rahmen des religiösen Dienstes – Matzot die Norm, gesäuerte Brote bildeten die Ausnahme. Seit der Zerstörung des Tempels scheinen sich die Gewichtsverhältnisse langsam aber sicher verschoben zu haben. Die Matza wurde mehr und mehr in die Pessach-Ecke gezwängt, derweil gesäuertes Gebäck einen unaufhaltbaren Triumphzug in Angriff nahm. Ironischerweise ist ausgerechnet die Pessach-Haggada selbst ein Zeugnis für eine Epoche, in welcher das «Wettrennen» noch relativ ausgeglichen war, heisst es doch im bekannten und von Kindern vorgetragenen Lied «Ma nischtana»: «Warum ist diese Nacht anders als alle übrigen Nächte? In jeder anderen Nacht essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes, diese Nacht nur Ungesäuertes.»
Es geht hier nicht nur ums Kulinarische, sondern vor allem um das Symbolische, welches durch das physische Gebäck versinnbildlicht werden soll. Wie wir oben aufgezeigt haben, hat in gewissen Situationen auch eine gesunde Portion «chamez» eine Berechtigung. An Pessach aber, dem Fest, an welchem die Basis des jüdisches Volkes gelegt wird, sollen wir wieder in jene Zeit zurückversetzt werden, zu welcher die Matza und all das, was sie versinnbildlicht, als Norm galt. Wir sollen diese «ungesäuerten Werte» wie Bescheidenheit, Demut, aber auch Unkompliziertheit und ungebremste Handlungsfreude verinnerlichen und in das restliche Jahr hineinzutragen versuchen. Die Frage ist also nicht, wann wir Matzot essen. Die Frage ist, wann wir Brot essen! Vielleicht werden wir nun jene Restaurateure und Hausfrauen, die im Laufe des Jahres Matzot im Brotkörbchen auftischen, in einem positiveren Licht sehen, und vielleicht werden wir sogar beim nächsten Mal nicht nach den Baguettes, sondern nach den Matzot greifen.