Die Krise als Chance?

Editorial von Valerie Doepgen, October 9, 2008

Folgen. Die globale Finanzkrise ist immens, und stündlich gelangen neue, beunruhigende Zahlen und  Nachrichten an die Öffentlichkeit. Der Internationale Währungsfonds rechnet nach neusten Aussagen mit weltweit 1,4 Billionen Dollar Verlusten wegen der Finanzkrise – ein für den Laien vor allem unvorstellbarer Betrag. Massive Finanzspritzen seitens der Regierungen scheinen bislang kaum Wirkung zu zeigen, selbst die Aussicht auf eine Senkung der Zinsen hat nicht die erwünschte Reaktion an den amerikanischen Börsen. Es hat den Anschein, als würden die Bemühungen, den massiven Kurseinbrüchen entgegenwirken zu können, ins Leere laufen. Die einzelnen Länder agieren notfallmässig: So gab Spanien 30 Milliarden Euro frei, Island ist nahezu bankrott und sieht in Russland einen neuen Partner. In Grossbritannien wird panikartig an einem Rettungssystem gebastelt, um das Finanzsystem wieder zum Laufen zu bringen. Und nachdem die australische Notenbank den Leitzins in der Nacht zum Dienstag so stark gesenkt hat wie seit 16 Jahren nicht mehr, wächst der Druck auch auf die europäischen Zentralbanken. Die EU hat sich indes für alle systemrelevanten Banken verbürgt und angekündigt, die Bankenaufsicht zu verstärken. Seit Mitte dieser Woche ist nun auch für die grössten Optimisten offenkundig, dass die Börsenkrise auch die reale Wirtschaft frontal trifft. In den USA erwägt General Motors ein Headquarter zu schliessen, in Deutschland fahren Mercedes, BMW und Opel bereits jetzt ihre Produktion zurück, Ford hat die ersten Mitarbeitenden entlassen. Weitere Hiobsbotschaften werden folgen.


Fragen. Die schlechten Nachrichten kommen aus den verschiedensten Ländern aus aller Welt und niemand weiss, welche Auswirkungen diese globale Krise langfristig haben wird. Schlimmer noch: Kaum jemand scheint zu begreifen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Sind allein die Banker schuld, oder wären die Regierungen und die Banken nicht schon viel früher verpflichtet gewesen, genauer hinzuschauen? Wer verantwortet die Krise und wer muss die Verantwortung letztendlich tragen? Der renommiere New Yorker Banker Joseph Perella nennt die Krise den «11. September für die amerikanische Finanzindustrie». Er prognostiziert, dass nichts mehr so sein wird wie vorher und warnt vor einer weiteren Abwärtsspirale – was auch immer das bedeutet. Die Tatsache, das Geschehen in erster Linie hilflos und abwartend beobachten zu müssen, ist zutiefst verunsichernd.


Chancen. Die Menschen sind gefordert, da ihnen tagtäglich ihre Grenzen aufgezeigt werden: Sowohl wenn es darum geht, die Krise und deren Ausmasse vollumfänglich zu begreifen, als auch hinsichtlich ihrer Möglichkeit, zu reagieren. Dennoch: Die Geschichte hat gezeigt, dass wirtschaftliche Krisen die Politik und die Gesellschaft nachhaltig verändern können – und dies kann im konkreten Fall langfristig gesehen auch positive Konsequenzen haben. Dort, wo zu lange weggeschaut wurde, muss nun reagiert und offensichtlichen Missständen entgegengewirkt werden. Die Notsituation fordert nicht nur die Verantwortlichen heraus und verlangt ein Umdenken. Vielfach wird von einer Rückbesinnung auf eine Wertegesellschaft gesprochen, die den Menschen wieder mehr im Blick hat und sich vom reinen Profitdenken verabschiedet. Und so besteht die Hoffnung, dass aus dieser Krise heraus der Weg für eine weniger abgehobene Finanzpolitik bereitet werden kann, die wieder mehr Bodenhaftung aufweist und auf einem solideren Fundament steht.