Die Klage hat nie das letzte Wort

Rabbiner Dr. Roland Gradwohl, October 9, 2008
«Schabbat Nachamu», Sabbat des Trostes, heisst der Schabbat dieser Woche. Er ist benannt nach dem Anfang des Prophetenabschnitts, der am Schabbat Morgen nach der Vorlesung aus der Thora als Haftara vorgetragen wird. In Jesaia, Kap. 40 heisst es: «Nachamu, nachamu, Ami» - «Tröstet, tröstet mein Volk, spricht Euer Gott. Sprecht zum Herzen Jerusalems und ruft ihm zu: Erfüllt ist seine Dienstzeit, gesühnt seine Schuld, empfangen hat es vielfach aus der Hand des Ewigen um aller seiner Sünden willen.»
Trost für die Zeit nach der Trauer: «Wenn ich Jerusalem nicht zum Gipfel meiner Freude mache.» Foto Archiv JR

Die geschichtliche Situation, in der das prophetische Trostwort dieses Schabbats gesprochen wird, ist deutlich. Israel ist im Exil und fiebert der Rückkehr in die Heimat entgegen. Es hat sich gegen Gott schwer versündigt, durch seine Untreue, durch den Abfall in die Götzenverehrung. Doch nun ist die Schuld gesühnt, und der Heimkehr steht nichts mehr entgegen.
Dass Jesaia, Kap. 40, gerade am kommenden Schabbat gelesen wird, ist kein Zufall. Die jüdische Gemeinschaft begeht am heutigen Donnerstag den Fasttag des 9. Aw. Sie gedenkt der Zerstörung Jerusalems und seines Tempels zur Zeit der Babylonier und der Römer, und der langen Leidensgeschichte, die mit der zweiten Zerstörung ihren Anfang nahm. Doch die Klage hat im Judentum nie das letzte Wort. Und so folgt auf den 9. Aw der «Schabbat des Trostes», Schabbat Nachamu. Die Geschichte hat den prophetischen Zuspruch bekräftigt. Auf das Exil folgte die Heimkehr. Und nicht nur in biblischer Zeit, sondern auch in unserer Gegenwart. Das 20. Jahrhundert, das die grösste Judenverfolgung aller Zeiten erleben musste, sah auch die Wiedergeburt eines souveränen jüdischen Staates und die Rückkehr der Zerstreuten von den vier Enden der Erde.Wie war es möglich, dass ein kleines Volk, in alle Welt vertrieben, den Weg zurückzufinden vermochte? Das ist ein einzigartiges Phänomen in der Weltgeschichte. Grosse und mächtige Nationen sind verschwunden; geblieben sind von ihnen bestenfalls archäologische Funde, Dokumente und steinerne Zeugen. Die Juden haben alle Schrecken überlebt, auch wenn sie, wie keine andere Volksgemeinschaft, gejagt und geschunden worden sind. Der Schlüssel, der das Geheimnis jüdischen Überlebens entschlüsselt, findet sich im Glauben. Ein Volk, welches die bittere Tatsache, dass es entwurzelt ist, nicht als endgültig akzeptiert und durch alle Jahrhunderte hindurch die Sehnsucht bewahrt, wieder heimkehren zu können, ein solches Volk besitzt die seelische Kraft, seine Sehnsucht zu erfüllen. Aus dem «nächstes Jahr in Jerusalem», das die Juden sich zuzurufen pflegten, wurde schliesslich ein «dieses Jahr in Jerusalem».
Die beiden Psalmen 137 und 126 verdeutlichen die Sehnsucht und die Erfüllung. Psalm 137 beginnt mit den Worten: «An den Bächen Babels sassen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. An die Weiden hängten wir unsere Leiern.» Die Verbannten, die von Jerusalem aus im Jahre 586 v. Chr. nach Babylon deportiert wurden, besitzen nicht die geringste Lust, zu singen und auf ihrer Leier zu spielen. Als die Feinde sie zum Singen aufforderten, sagten sie: «Wie können wir das Lied des Ewigen singen auf der Erde der Fremde?» Und dann machten sie einen Schwur, vielleicht sollte man besser von einer Selbstverwünschung sprechen, der 2500 Jahre lang von Juden wiederholt worden ist: «Vergesse ich Dich, Jerusalem, so mögest Du (Ewiger), meine rechte Hand vergessen. Es klebe mir die Zunge am Gaumen, wenn ich nicht mehr an dich denke, wenn ich Jerusalem nicht zum Gipfel meiner Freude mache.» Manche übersetzen den Vers etwas anders. «Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine rechte Hand.» Die rechte Hand ist jedenfalls in der Regel die starke Hand, und sie wird, so sagt der Schwörende, schwach und vergessen oder schwach und dürr. Wer Jerusalem vergisst, hat keinen Anspruch auf Stärke und mit der Stärke auf Hilfe. So bekennen die Juden, die nach Babylon vertrieben worden sind, so bekennt jeder Einzelne von ihnen, nachdem der Schwur oder die Selbstverwünschung in der Einzahl abgefasst ist. «Vergesse ich dich, Jerusalem, so mögest Du meine recht Hand vergessen.»
Auch der zweite Psalm (126) wurde vor dem Hintergrund des Exils in Babylonien verfasst. Doch steht nun nicht mehr die Trauer um den Verlust Jerusalems im Vordergrund, sondern die Überzeugung, dass die Vertriebenen früher oder später zurückkommen. Der Psalm beginnt mit dem Ausblick auf die Freude und den Jubel, die die Trauer ablösen. «Wenn der Ewige die Zerstreuten Zions zurückbringt, sind wir wie Träumende. Dann ist unser Mund voll des Lachens, und unsere Zunge des Jubels.» Die Zunge klebt also nicht am Gaumen, unfähig, Worte zu formen. Die Zunge ist vielmehr voll des Jubelrufs, weil, das muss man sich dazudenken, Jerusalem nicht vergessen worden ist. Darum gilt dann auch die Zuversicht am Ende des Gedichts: «Jene, die mit Tränen aussäen, werden mit Jubel ernten. Wer geht und weint, wenn er den Samen ausstreut, wird mit Jubel kommen, wenn er die Garben trägt.»
Beide Psalmen sind in der jüdischen Liturgie bis heute wichtig. Es ist Brauch, Psalm 137 vor dem Tischgebet an Wochentagen zu sprechen, Psalm 126 aber, der von der freudigen Wiederkehr redet, vor dem Tischgebet am Schabbat und an den Feiertagen zu singen. So wird er auch an diesem Schabbat, dem «Schabbat des Trostes», in den jüdischen Familien erklingen und die Hoffnung bestärken, dass das Leid für Israel und alle Völker ein Ende findet, und Menschen nur noch fröhlich sind, wenn sie die Garben, die Ernte ihrer Arbeit, nach Hause tragen - in Sicherheit und Frieden.