Die «jungen Wilden» hoffen

Von Joël Wüthrich, June 8, 2011
Der Herbst wird heiss für die «Nivcheret». Am 2. September könnte die israelische Fussball-Nationalmannschaft mit einem Heimsieg über Griechenland das Tor zur erstmaligen EM-Qualifikation ganz weit aufstossen. Das wäre wie ein Fussballwunder, wenn man bedenkt, wie die Ausgangslage und Stimmung in dieser Mannschaft vor drei Monaten noch war.
AUF ERFOLGSKURS Der israelische Trainer Luis Fernandez instruiert seine Spieler

Nach drei Siegen in Folge ist es mal wieder so weit: Israels Fussballer haben einmal mehr die Möglichkeit, sich für ein grosses Turnier zu qualifizieren. Nach einigen knapp verpassten Qualifikationen in Folge sollen es also nun die «neuen jungen Wilden» richten. Die Ausgangslage kurz vor dem Endspurt der Qualifikationsphase ist ein Déjà-vu-Erlebnis. Aber diesmal hat es die «Nivcheret» erstmals seit der fast erfolgreichen EM-Qualifikationsphase 2000 in eigener Hand, die Entscheidung zu ihren Gunsten herbeizuführen und nicht von Resultaten anderer abhängig zu sein. Damals ist das spielerisch vielleicht beste Nationalteam Israels der jüngeren Geschichte mit Spielerpersönlichkeiten wie Eyal Berkovich, Haim Revivo, Tal Banin oder Arik Benado erst in der Barrage gegen Dänemark gescheitert. Heuer kann man erneut diese Barrage-Spiele erreichen und mit etwas Glück sogar den Direkteinzug in die Euro 2012 schaffen.

Es ist eine wundersame Wandlung, die dieses Team vollzogen hat. Vor drei Monaten war es eine Mannschaft voller Selbstzweifel, die man nach zwei vermeintlich entscheidenden Niederlagen mit unglücklichem Spielverlauf gegen die direkten Konkurrenten Kroatien und Griechenland antraf. Und auch die Chemie zwischen Team und Trainer schien zu leiden. Nationaltrainer Luis Fernandez, ein ehemaliger WM-Held Frankreichs, verdient im Jahr umgerechnet rund 600 000 Schweizer Franken, was ein stolzer Betrag ist für einen israelischen Nationalcoach. Der ehemalige Clubtrainer (erfolgreich unter anderem bei Paris St. Germain, in Bilbao, Sevilla und bei Beitar Jerusalem) stand unter scharfer Kritik und man sprach auch von Mobbing gegen den 51-Jährigen. 

Viel Aufregung um Luis Fernandez

Dazu kam noch eine Angelegenheit, welche die Arbeit in den letzten Monaten erschwerte: Der Fussball-Weltverband (FIFA) hatte Israels Verband bereits im Februar 2011 angehalten, Teamchef Luis Fernandez mit sofortiger Wirkung seines Amtes zu entbinden. Es geht um eine Nichtbeachtung eines Beschlusses von 2009 in einem Rechtsstreit mit einem seiner früheren Auftraggeber, dem katarischen Club Al Rayyan. Der Club wirft Fernandez Vertragsbruch vor und erwartet eine finanzielle Entschädigung vom Ex-Coach. Die FIFA forderte nun im Frühling vom israelischen Fussballverband IFA, dass Fernandez «alle Aktivitäten, die den Fussball betreffen, einstellen müsse». Präsident Avi Luzon und Fernandez’ Anwalt suchten eine Lösung für das Problem: Luis Fernandez regelte die Angelegenheiten, und die FIFA hob die Suspendierung auf. Der Betroffene sagte erleichtert: «Ich kann mich seit einigen Wochen wieder voll auf meinen Job konzentrieren und mit meiner Mannschaft sein. Das war sicher auch ein Faktor, dass intern bei uns alles nun wieder viel besser läuft.»

Mutprobe belohnt

Und so hat sich der Wind nicht nur sportlich gedreht: Luis Fernandez konnte seinen Job mit einem Sieg gegen Georgien retten, und nun hat man mit dem Auswärtssieg in Lettland die Basis gelegt, um in den anstehenden zwei Direktduellen gegen Griechenland und Kroatien im September (und in der letzten Qualifikationspartie in Malta) sogar als Gruppenerster den Direkteinzug ins Europameisterschaftsturnier 2012 zu schaffen.
Was ist aber passiert? Luis Fernandez gilt auf einmal als «Genie», und die Mannschaft strotzt nur so vor Selbstvertrauen. Einerseits behielt der Franzose trotz aller Kritik, die auf ihn Anfang des Jahres noch niederprasselte, die Ruhe und den Überblick, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dies war für die Teamchemie von grosser Bedeutung. Fernandez ging Risiken ein mit den Nominationen und Aufstellungen. Er hat auch ganz bewusst den Kader verjüngt und Spieler bevorzugt, die in sein Konzept passen. Nach wie vor sind die Leistungsträger Dudu Aouate, Tal Ben Haim (Verteidiger), Yossi Benayoun und Elianiv Barda gesetzt, aber um sie herum entsteht ein junges Team mit einigen Spielern mit Potenzial. Besonders im Mittelfeld kann Israels Nationalteam im inter¬nationalen Vergleich sehr gut mithalten. Luis Fernandez hat es geschafft, mit Almog Cohen als defensivem Mittelfeldspieler, Tamir Cohen und Yossi Benayoun als sehr offensive Männer hinter den Spitzen, die auch gerne auf die Flügel ausweichen, eine Achse zu etablieren, die funktioniert. Und es haben sich ganz junge Mittelfeld-Stars einen Platz erkämpft: Gil Vermouth beispielsweise oder Bebras Natcho oder ¬Lior Rafaelov. Israels Mittelfeld kann auch gegen starke Nationalmannschaften ein spielerisches Übergewicht erzeugen. Auch gewisse Wechsel im Kader haben sich als fruchtbar erwiesen: Die Einwechslungen und Nominierungen von Tal Ben Haim (Stürmer), Eyal Golasa oder Maor Bar ¬Buzaglo hatten jeweils positive Wirkung.

Ende gut, alles gut?

Der Neuaufbau der Nationalmannschaft, es ist eine der im Durchschnitt jüngsten der gesamten EM-Qualifikation, war eine Mutprobe für Luis Fernandez, der auf die wertvolle Unterstützung seines Assistenten Tal Banin zählen kann. Banin hat einen sehr guten Draht zu den Spielern, die zum ehemaligen Nationalteamkapitän aufschauen. Dies gilt besonders für die «jungen Wilden». Banin konnte auch vieles abfedern, was für Unruhe rund um die Mannschaft, den Chefcoach und die Angelegenheit mit der vorübergehenden Suspendierung Fernandez’ durch die FIFA sorgte. Vielleicht kann man im Herbst dieses Jahres nach den turbulenten Monaten nun endlich auch einmal sagen: «Ende gut, alles gut!»