Die Juden von Havanna

von Benedikt Rüttimann, January 8, 2009
Fidel Castros Revolution hätte die kubanischen Juden vor 50 Jahren beinahe für immer von der Insel vertrieben. Heute prosperiert die Gemeinde wieder – und hat mehr Zulauf, als ihr lieb ist.
JUDEN IN HAVANNA Eine prosperierende Gemeinschaft

Warum lässt sich ein Kubaner beschneiden? Daniel Motola lacht. Dann sagt er: «Ich wollte ein richtiger Jude sein, und dazu gehört, dass ich beschnitten bin.» Der 29-Jährige Motola kam in Havanna zur Welt und glaubte bis vor Kurzem eigentlich an gar nichts. Jedenfalls hätte er nicht gedacht, dass er einmal einer Religionsgemeinschaft angehören würde. Seine Mutter, die im Gegensatz zu seinem Vater keine jüdischen Wurzeln hat, war nicht begeistert, als er sich der jüdischen Gemeinde anschloss. «Sie war dagegen, doch ich wusste, dass ich das Richtige tat», sagt Motola. Kurz nach seinem Studium erfuhr er zufällig, dass Beth Shalom, die grösste jüdische Gemeinde Kubas, einen Bibliothekar suchte. Motola meldete sich und war begeistert. Die Bibliothek umfasst über 10 000 Bücher. Bald wurde er Mitglied von Beth Shalom und übernahm die Leitung der Jugendorganisation Maccabi Cuba, die sich jeden Dienstagabend im Gemeindezentrum trifft. Er begann, Hebräisch zu lernen und liess sich zum Kantor ausbilden.
Im Januar 2007 wurde aus dem Sympathisanten Motola der Jude Motola. Zusammen mit 62 gleichgesinnten Kubanerinnen und Kubanern nahm er den jüdischen Glauben an. Er legte vor einem Rabbinergericht eine Prüfung ab. Und er wurde von einem Mohel beschnitten. «Es war ein wundervoller Augenblick», erinnert er sich. Einige hüpften freudig aus dem Operationssaal und riefen: «Ich bin ein Jude! Ich bin ein Jude!»

Prosperierendes Judentum

Obwohl das Leben auf Kuba auch 50 Jahre nach Fidel Castros Revolution nicht einfach ist, prosperiert die jüdische Gemeinschaft. Heute leben gut 1500 Juden auf Kuba. Es gibt fünf Synagogen. Die grösste steht in Havanna im Viertel Vedado. Es ist ein mächtiges Gebäude, das mit seinen Pastellfarben und seinen strengen geometrischen Formen auch in Tel Aviv stehen könnte. Als erstes fällt auf, dass nirgends ein Wachmann steht. Es gibt auch keine Videokameras. Hier kann jeder hereinspazieren.
Adela Dworin, die Präsidentin der jüdischen Gemeinschaft auf Kuba, empfängt Gäste in einem winzigen Büro ohne Fenster. Ihr Alter möchte sie nicht verraten, doch später wird sie erzählen, dass sie 1938 zur Welt kam. Stolz zählt sie auf, was ihre Gemeinde zu bieten hat: eine grosse und eine kleine Synagoge, eine Bibliothek, eine  Jugendorganisation, einen Frauenverein, eine Volkstanzgruppe, eine Sonntagsschule für Kinder zwischen vier und 18 Jahren, Computerkurse, Hebräischunterricht und eine eigene Apotheke. «Alles ist gratis», sagt Dworin, «auch die Medikamente.» Und nach dem Gottesdienst am Freitagabend und Samstagvormittag wird eine warme Mahlzeit aufgetischt. «Wir sind eine kleine, aber kämpferische Gemeinde», sagt Dworin. An hohen Feiertagen besuchen über 200 Frauen, Männer und Kinder die Synagoge.

Ein kleines Wunder

Es grenzt an ein Wunder, dass es überhaupt noch Juden auf Kuba gibt. Fast hätte sie Fidel Castro mit seiner Revolution vor genau 50 Jahren für immer vertrieben. Dabei begrüssten die meisten Juden den Machtwechsel. Doch die Begeisterung hielt nicht lange. Schon bald verstaatlichte das neue Regime sämtliche Unternehmen und schloss die Privatschulen. Die Massnahmen trafen besonders die Juden hart. Viele waren wohlhabend und wohnten in stattlichen Häusern. Sie besassen eigene Geschäfte und Fabriken und schickten ihre Kinder auf jüdische Schulen. Lebten vor der Revolution 15 000 Juden auf Kuba, waren Mitte der sechziger Jahre vielleicht noch 1500 übrig. Die meisten emigrierten in die USA. Zu den wenigen, die blieben, gehörten die Dworins. Adelas Vater war in den zwanziger Jahren mit der zweiten Welle jüdischer Immigranten aus Polen nach Kuba gekommen. Wie die meisten Neuankömmlinge begann auch Jossif Dworin als fliegender Händler. Später eröffnete er einen Hemdenladen in der Altstadt. Als die Revolution obsiegte, besass er eine Textilfabrik, die vom neuen Regime alsbald nationalisiert wurde. Für die jüdische Gemeinschaft begannen apokalyptische Zeiten. Die Rabbiner gingen. . Die Vorstandsmitglieder gingen. In Fidels Reich hatte Gott einen schweren Stand.
Ihre Wiedergeburt hat die kubanisch-jüdische Gemeinschaft den amerikanischen Juden zu verdanken – und Fidel Castro. Als die Sowjetunion zusammenbrach, die Kuba wirtschaftlich am Leben erhalten hatte, begann sich auch das Regime in Havanna zu bewegen. 1992 liess Castro die Religionsfreiheit wieder einführen. Die jüdische Gemeinschaft nutzte die neue Freiheit, um verschollene Mitglieder auf der ganzen Insel aufzuspüren. «Wir starteten ein Programm, um diese Leute wieder in die Synagoge zu locken», sagt Adela Dworin. Gleichzeitig begann das amerikanisch-jüdische Hilfswerk Jewish Joint Distribution Committee die kubanischen Juden zu unterstützen. Es schickte Geld und Vorbeter. «Wir mussten immer wieder Leute abweisen», sagt Dworin, «denn viele wussten nicht, dass man jüdische Wurzeln haben musste, um aufgenommen zu werden.» Seit 1995 erlaubt das Regime auch die Emigration nach Israel, obwohl die beiden Länder seit über 40 Jahren keine Beziehungen mehr pflegen. Wie viele kubanische Juden in den letzten 14 Jahren diese Chance ergriffen, weiss niemand genau. Es dürften aber sicher Hunderte gewesen sein.

Viele kleine Privilegien

Adela Dworin will bleiben. «Ich fühle mich als Jüdin, aber auch als Kubanerin», sagt sie. «Ich bin froh, dass meine Eltern in Kuba aufgenommen wurden. Ich habe viele Verwandte in den Konzentrationslagern verloren. Wären meine Eltern nicht nach Kuba ausgewandert, würde ich heute nicht mit Ihnen sprechen können.»
Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung geniesst die jüdische Gemeinschaft viele kleine Privilegien, die den schwierigen Alltag auf Kuba ein bisschen leichter machen. Am meisten Sorgen macht Dworin im Moment die Wirtschaft. Sie hofft, dass die globale Krise den zarten Wirtschaftsfrühling nicht zerstört, den Kuba in den letzten Jahren erlebt hat. «Wir haben endlich wieder einige junge Leute, die aktiv in der Gemeinde mitmachen. Doch viele von ihnen spielen mit dem Gedanken, das Land zu verlassen», sagt Dworin, «wenn die Lage auf Kuba sich weiter verbessert, dann werden sie wohl eher bleiben.»