«Die Hügel da drüben können nichts dafür»
Die heute in ihrem achten Lebensjahrzehnt stehenden holländischen Juden waren die Kinder des Zweiten Weltkrieges. Viele von ihnen überlebten, weil sie von ihren Eltern getrennt wurden und Zuflucht bei Nichtjuden fanden. Wenn sie Glück hatten, wurden Familien nach Kriegsende wieder vereint. Aber die Erfahrung, die jedes einzelne Familienmitglied durchlaufen hatte – die Eltern in den Lagern, die Kinder im Leben mit Fremden – hat ihre Beziehungen zueinander und zur Welt um sie herum für immer verändert. Judith Herzberg ist eines dieser Kinder. 1934 geboren, wurde sie mit Literaturpreisen für ihre fast 20 Gedichtbände und ihre Stücke für die Bühne, das Kino und das Fernsehen überhäuft. Ihr Vater Abel Herzberg gründete 1940 als überzeugter Zionist bei Wieringen an der holländischen Nordküste ein Ausbildungslager für deutsch-jüdische Teenager, damit sie sich dort nützliche Handwerksberufe für ihre Auswanderung nach Palästina aneignen konnten. Nachdem die Nazis das Lager 1942 geschlossen hatten, wurden die jungen Leute nach Mauthausen gesandt. Die Eltern Herzbergs endeten in Bergen-Belsen. Judith und ihre beiden Geschwister wurden voneinander getrennt und in der holländischen Provinz versteckt.
Judith war zehn Jahre alt, als sie wieder mit ihren Eltern vereinigt wurde. Ihr Bruder und ihre Schwester wanderten kurz darauf nach Palästina aus, aber Judith ging zusammen mit anderen traumatisierten Kindern zurück auf ihre Schule in Amsterdam. Da waren diejenigen, die den «Hungerwinter» des letzten Kriegsjahres kaum überlebt hatten. Andere mussten unbeschreibliche Grausamkeiten miterleben, als ihre Eltern von den japanischen Invasionstruppen in Indonesien aufgegriffen worden waren. Und dann waren da Kinder wie Judith – von Familie zu Familie geschoben, gezwungen, neue Identitäten anzunehmen und nie sicher, was der nächste Moment bringen würde.
Gestreifte Erinnerungen
Schon kurz nach seiner Rückkehr nach Holland veröffentlichte Abel Herzberg Auszüge aus seinem Lager-Tagebuch. Fortan wurde sein Leben von öffentlichen Debatten und Kontroversen über die Kriegsjahre in Anspruch genommen. Als Judith 1961 in der Zeitung «Vrij Nederland» ihre ersten Gedichte publizieren konnte, hielt sie dagegen Distanz zu
ihren Erfahrungen. Wie so viele Mitglieder ihrer Generation war sie eine Minimalistin. Sie misstraute grossen Emotionen und ging nur wie im Vorübergehen auf die Vergangenheit ein. In ihrer ersten Gedichtsammlung «Zeepost» (1964) bedurfte «Park» nur zweier kurzer Strophen, um die Zerbrechlichkeit der Nachkriegswelt dem Horror des früheren Lebens gegenüberzustellen, der dicht unter der Oberfläche dessen lag, was sie als einen «anderen Park» bezeichnete. In ihrem ersten Gedichtband geht sie nur an wenigen Stellen offensichtlich auf ihre Erfahrungen ein. So erinnert sie sich einmal an das Wiedersehen mit ihrer Mutter bei Kriegsende und daran, wie ihr klar wurde, dass die von beiden durchlaufenen Veränderungen die von beiden erhoffte «Wiedervereinigung» unmöglich machen würde.
Ihre zweite, 1971 publizierte Sammlung «Strijklicht» (Schlaglicht) greift fester auf die Welt zu. In «Turnschuhe» macht ein neues Paar Laufschuhe ein «zweites Leben» denkbar. «Bär im Bett», eines ihrer amüsantesten Werke, ist ein perfekter Kommentar zu der männlichen und der weiblichen Haltung zur Liebe. Selbst nachdem das Untier verschwunden ist und sich die Dichterin fragt: «Wie konnte es so weit kommen nur des Schlafens willen und nie der Begegnung», fühlt sie sich verpflichtet, dafür zu sorgen, dass der Bär nicht in Gefahr kommt. In «Reiseschmerz» will die Dichterin ein Alter Ego von den Freuden des Reisens und der Landschaften überzeugen, ohne dass ihr die schmerzhafte Vergangenheit in die Quere kommt. Herzberg schreibt: «Lass’ es nicht wieder geschehen: den Morast, die Schreie. Die Hügel da drüben können nichts dafür.» Die zahlreichen, zarten Naturgedichte der folgenden Jahre – über Vögel, Fliegen, Blumen – zeigen, dass sie zunehmend fähig wurde, sich über ihre Vergangenheit hinwegzusetzen.
Widmung an Charlotte Salomon
Nachdem sie 1997 mit dem P.C.-Hooft-Preis die renommierteste literarische Auszeichnung Hollands erhalten hatte (ihr Vater hatte den Preis 1972 gewonnen), sprach Herzberg in einem Interview über das «Privileg», am Leben zu sein, da der Tod ihr als Kind so nahe gekommen sei. Auf die Frage, wozu sie dieses Gefühl der Privilegiertheit bewegt habe, verwies sie auf ihre Widmung an das Werk von Charlotte Salomon, das sie 1981 entdeckt hatte. Salomon war 1917 in eine liberale jüdische Familie in Berlin geboren worden und hatte als junge Frau die heutige Universität der Künste besucht. 1939 sandten ihr Vater und ihre Stiefmutter die 22-Jährige nach Südfrankreich, wo ihre Grosseltern halbwegs sicher lebten. Nachdem sich ihre Grossmutter kurz nach ihrer Ankunft das Leben nahm, offenbarte Charlottes Grossvater ihr, die Neigung zum Suizid läge in der Familie: Obwohl die junge Frau stets von einem natürlichen Tod ausgegangen war, hatte sich auch ihre Mutter das Leben genommen, als Charlotte noch ein kleines Mädchen war. Dieser Schock und die zunehmende Gefahr, in der sich Juden in Frankreich befanden, liessen Charlotte nach einer sinnvollen Aufgabe suchen. Ehe sie 1943 in Auschwitz ermordet wurde, malte Charlotte in den letzten beiden Jahren ihres Lebens einen Zyklus von über 1300 Gouachen, den sie «Leben oder Theater? Ein lyrisches Drama» nannte. Eine Mischung aus Fantasie und Wirklichkeit, beschreiben die Bilder doch den Einfluss ihrer Eltern, Lehrer und Liebhaber seit ihren Kindertagen auf sie. Charlotte hatte die Gemälde einem Freund anvertraut. Nach dem Krieg fand der Zyklus den Weg in das Museum der jüdischen Geschichte in Amsterdam. Als dort 250 der Arbeiten gezeigt wurden, war Herzberg von der Lebensbejahung betroffen, die aus ihnen sprach: «Das Werk hat mich vom ersten Tag an nicht mehr losgelassen.» Nachdem sie Kontakt zu den überlebenden Angehörigen Charlottes und ihren Freunden geknüpft hatte, schrieb Herzberg das Drehbuch für den Film «Charlotte» (Regie: Franz Weisz), publizierte ein Tagebuch über ihre Arbeit an dem Film und trug das Vorwort zum Catalog raisonné Salomons bei.Salomons unverblümte Offenlegung ihrer Hoffnungen und Ängste mögen Herzberg zu ihrem Stück «Leedvermaak» (Leas Hochzeit) inspiriert haben, dass sie kurz nach ihrer Erforschung von Charlottes Leben abschloss. Es ist ihr bekanntestes Stück und sie hat sich nie offener mit ihren eigenen Erlebnissen im Krieg und deren Nachwirkungen auseinandergesetzt. Dem Drama fehlen eine Handlung und eine Auflösung. In 83 zugespitzten und ständig variierenden Begegnungen legt es rohe Emotionen frei. Schauplatz ist eine Hochzeit. Unter den Charakteren befinden sich Braut und Bräutigam, die beide zum zweiten Mal heiraten, daneben ihre früheren Partner, ihre Eltern, eine «Kriegsmutter» und Freunde des Paares. Immer noch im Bann der Kriegserfahrungen, trägt jedes Mitglied der Hochzeitsgesellschaft einen Groll im Herzen, der aus dieser Vergangenheit rührt. Die Braut, ehemals ein verstecktes Kind, wirft ihrem Vater vor, sie im Stich gelassen zu haben. Sie erklärt: «Wenn ich ein Kind hätte, würde ich es mitnehmen. Das Sterben ist kein Unglück – Alleingelassen zu werden, das ist das Unglück.» Die Frau, die der Braut als «Kriegsmutter» Unterschlupf gewährt hatte, macht ihrem Ressentiment den wirklichen Eltern gegenüber Luft, die ihr das Mädchen wieder weggenommen hatten. Der Vater des Bräutigams ist zum zweiten Mal verheiratet und seine Gattin fragt sich, ob ihr Mann sie ebenso liebt wie die Frau und den Sohn, die er im Krieg verloren hat. Und die Brautmutter ist drauf und dran, ihren Mann zu verlassen und in eine Nervenheilanstalt zu fliehen, weil sie die Alpträume aus ihrer Haft in einem Konzentrationslager nicht mehr erträgt. Ihr Mann wiederum hält ihr vor, dass sie mit anderen spricht, statt mit ihm, «sogenannten Therapisten, die selbst überhaupt nichts durchgemacht haben». Im September 2007 hat die niederländische Dokumentarfilmerin Saskia van Schaik, eine alte Familienfreundin Herzbergs, versucht, ein filmisches Porträt der Dichterin zu schaffen. Aber wie Saskia selbst in dem Film gesteht, ist ihr Judith entwichen. Herzberg bestand auf einer strikten Trennung zwischen ihrem Privatleben und ihrem Werk. Sie wollte Bildklischees (schwimmende Enten, ein farbenfroher Teller mit Tomaten) und jeden Anstoss zu Rührung oder Sentimentalität vermeiden sowie keinesfalls Neugierde durch die Zurschaustellung persönlicher Gegenstände erwecken. Herzberg wollte daher keine privaten Fotografien filmen lassen und erklärte Saskia: «Ich will nicht, dass die Zuschauer mich sehen – sie sollen sehen, was ich sehe.» Dies ist Herzberg gelungen. Schliesslich bildet diese Kontrolle über Zeigen und Verbergen den Schlüssel zu ihrer Dichtung. Dies hat ihr erlaubt, ihre eigene Geschichte zu transzendieren und die beschädigte Welt willkommen zu heissen. ●
Von Monica Strauss