Die Hipster-Synagoge

Von Julian Voloj, September 16, 2011
Im New Yorker Stadtteil Soho steht eine neue Synagoge, die mehr an einen Szeneclub als an ein Betlokal erinnert. Junge, reiche New Yorker Juden haben die Soho Synagogue für sich entdeckt.
SYNAGOGE IM TYPISCHEN «DOWNTOWN LOOK» Betsaal der Soho Synagogue

Wenn eine neue Synagoge in New York eingeweiht wird, ist das normalerweise keine Zeitungsmeldung wert. Im Grossraum New York lebt schätzungsweise eine Million Juden und es gibt in der Stadt Tausende von Synagogen.
Doch die Eröffnung der Soho Synagogue Mitte Juni hat breites Medieninteresse erzeugt. Das «New York Magazine» widmete der Synagoge Anfang Juli ein Fotoessay und ernannte sie zum «Space of the Week» («Raum der Woche»), die «New York Post» bezeichnete das Bethaus als einen der «heissesten neuen Orte in Soho». Man muss allerdings weder Hollywoodstar noch Supermodel sein, um reinzukommen, sondern lediglich jüdisch.
Die Worte «cool» und «koscher» werden normalerweise nicht in einem Satz verwendet, doch im Fall der Synagoge von Soho hört man diese Kombination häufig.
Soho ist eine Kurzform für «south of Houston Street» und bezeichnet eine Gegend im Süden Manhattans mit ungefähr 500 zumeist in der Gusseisenbauweise errichteten Lager- und Fabrikgebäude, die heute unter Denkmalschutz stehen und zu Lofts umfunktioniert wurden.

Beten im Design

In Soho leben heute vor allem wohlbetuchte junge Leute. Der Durchschnittspreis für eine Ein-Zimmer-Wohnung liegt bei
2500 Dollar Miete im Monat. Es ist eine der begehrtesten New Yorker Gegenden, doch «bis zur Eröffnung der Soho Synagogue gab es hier kein jüdisches Gotteshaus», erklärt Dovi Scheiner. Die Idee, dies zu ändern, hatte der heute 34-jährige Rabbiner bereits 2005. «Die Synagoge sollte in die Gegend passen und einen echten ‹downtown look› haben.»
Nachdem sich jüdische Soho-Bewohner an verschiedenen Orten, darunter in Lofts, unregelmässig getroffen hatten, konnte letztes Jahr ein permanenter Ort für die Gemeinde gefunden werden: ein ehemaliger Gucci-Laden auf der Crosby Street. Nach einem Jahr Renovierungsarbeiten hatte Rabbi Scheiner auch den authentischen «downtown look», den er sich gewünscht hatte, kreiert von Designer Dror Benshetrit.
Entstanden ist eine Boutique-Synagoge, die mehr an eine Lounge als an ein traditionelles jüdisches Gotteshaus erinnert. Die Glasvitrine reiht sich problemlos in die Reihe der Schaufenster auf der Crosby Street ein. In weissen Buchstaben steht das Wort «Synagogue» über dem Eingang. Im Inneren dieses ungewöhnlichen Gotteshauses dominieren Beton, offene Ziegelwände, Glas und Eisen. Eine urbane, industrielle Atmosphäre, die durch die offenen Rohre und dunklen Farben verstärkt wird. Die alte, nun abgestellte Rolltreppe führt zum Betsaal, der sich im Keller des ehemaligen Ladens befindet. Statt Bänke hat der gebürtige Israeli Ben­shetrit Sofas in den Betsaal gestellt. An der Wand hängt ein kreisförmiger Thoraschrein, der von Modemacher Yigal Azrouel entworfen wurde, Bensherits Onkel. «Viele, die zu uns kommen, hatten in ihrer Jugend alles andere als inspirierende Erfahrungen mit dem Judentum», erklärt Scheiner. «Synagogenbesuche waren daher nicht in ihrem Navigationssystem einprogrammiert.» Die Soho Synagogue soll gerade diese jungen Leute dazu bewegen, wieder einen Zugang zum Judentum zu finden. «Ästhetik ist daher ein wichtiger Aspekt des Projekts. Die Synagoge soll die Leute ansprechen und einladend wirken.»
Etwa eine Million Dollar hat das Projekt gekostet, verrät Scheiner. Die Gemeinde kassiert keine Mitgliederbeiträge, sondern finanziert sich lediglich aus Spenden. «Ich glaube, das ist das wichtigste an dem Projekt. All diejenigen, die die Soho Synagoge unterstützen, sind jung, säkular und nicht Teil des organisierten jüdischen Lebens. Das Projekt war nicht die Idee eines reichen Philanthropen, der sich überlegt hat, man müsse eine Synagoge bauen, um junge Leute zum Judentum zurückzuführen, sondern junge Leute, alle zwischen 20 und 40 Jahren alt, kreierten ihren eigenen Ort. Viele schrieben den grössten Check ihres Lebens, andere bekamen das Geld von ihren Eltern. Aber alles in allem war es ein Projekt, das von unten nach oben ausgerichtet war, nicht andersherum.»

Gemeinschaft von Gleichgesinnten

Am Eingang der Synagoge finden sich bunt bemalte Ziegelsteine mit den Namen derjenigen, die Geld für den Bau gespendet haben. Darunter auch der 36-jährige Jason Hirsch, dessen Grosseltern zu den Gründern der elitären Fifth Avenue Synagogue gehören.
Die Idee der Soho Synagogue erinnert ein wenig an die Hampton Synagogue, die 1990 von Rabbiner Marc Schneier gegründet wurde. Schneier errichtete eine Synagoge im Naherholungsgebiet der Stars und Sternchen, und obwohl die Synagoge, genau wie die Soho Synagogue, orthodox ist, sind nur wenige der Gemeindemitglieder, darunter viele Prominente wie etwa Steven Spielberg, religiös. Dovi Scheiners Zielgruppe sind die Kinder und Enkelkinder von New Yorks jüdischer Elite. Ein paar tausend Leute sind mittlerweile im Verteiler der Soho Synagogue. Zu einer Cocktailparty für jüdische Singles kamen fast 2000 Leute, an einem normalen Freitagabend kommen ein paar hundert Leute zum Gottesdienst, nicht nur aus Soho. Viele kommen, da sie neugierig sind, New Yorks angeblich coolste Synagoge von innen zu sehen, und die meisten kommen wieder, weil sie hier eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten finden. Ästhetik ist eben doch nicht alles.