Die Helden in Israels Norden

von Edgar Asher, June 17, 2010
Vor 90 Jahren wurde Josef Trumpeldor, einer der grossen Helden der israelischen Gegenwartsgeschichte, zusammen mit sieben anderen jungen Wächtern bei der Verteidigung der Festung von Tel Hai ermordet.

Tel Hai liegt nur fünf Kilometer von der israelisch-libanesischen Grenze entfernt in der als «Finger von Galiläa» bekannten Gegend. Heute ist die Festung völlig restauriert, und Besucher können mit Hilfe modernster audiovisueller Technologie die Jahre nacherleben, in denen Josef Trumpeldor von lokalen Anhängern der Beduinenemeinschaft ermordet wurde.

Die Geschichte von Tel Hai begann 1893, als Baron Edmond de Rothschild ein Stück Land erwarb – die Beduinen kennen es als Talha –, damit Mitglieder der Bauerngewerkschaft von Galiläa den Boden bearbeiten konnten. 1896 nahmen Landwirte des neu gegründeten, fünf Kilometer nördlicher gelegenen Dorfes Metulla ihre Tätigkeit auf. Das Leben war sehr hart. Abgesehen von gelegentlichen Attacken lokaler Beduinen mussten die Bauern am Ende des Tages nach getaner Arbeit einen langen Heimweg auf sich nehmen. 1907 entstand deshalb die Festung von Tel Hai als Zufluchtsort und Wohngelegenheit für die Bauern.

Auszeichnungen für Tapferkeit

Die Festung war als Wohnviertel geplant, in dem die Mitglieder der Gemeinschaft sich gegenseitig gegen die in jenen Zeiten dort üblichen Angriffe der Beduinen schützen konnten. Allerdings waren sie machtlos gegen die massive Attacke im Jahr 1920, als acht Mitglieder der Gemeinschaft ermordet wurden, unter ihnen der von allen verehrte Anführer Josef Trumpeldor. Bei seinem Tod war er erst 39 Jahre alt, und dennoch der älteste unter den Verteidigern von Tel Hai. Trumpeldor, der 1880 im russischen Pjatigorsk zur Welt kam, meldete sich 1902 freiwillig in die russische Armee. Im russisch-japanischen Krieg verlor er seinen linken Arm, bestand einige Monate später aber darauf, in die Armee zurückzukehren und seinen Dienst zu vollenden. Er geriet in japanische Gefangenschaft und begann, sich für jüdische Angelegenheiten zu interessieren, vor allem die jüdischen Pläne für Palästina.

Als die Japaner ihn schliesslich aus der Gefangenschaft entliessen, kehrte Trumpeldor nach St. Petersburg zurück, wo er vier Auszeichnungen für Tapferkeit erhielt. Das machte ihn zum am Höchsten ausgezeichneten jüdischen Soldaten in Russland. 1906 wurde er zum Offizier befördert.

Tod im Feuergefecht

Tel Hai, eine der vier ersten jüdischen Siedlungen in Galiläa, wurde von Landwirten gegründet. 1916, nach dem Abschluss des Sykes-Picot-Abkommen begannen Briten, Franzosen und Araber, um die Kontrolle der Region zu ringen. Die Araber attackierten die anderen drei Siedlungen und anschliessend Tel Hai am
1. März 1920. Am schicksalsschweren Tag, an dem die acht Verteidiger von Tel Hai getötet wurden, versammelten sich einige Hundert Schiiten aus dem Dorf Jabal Amil in Südlibanon am Eingang der Festung. Die Schiiten glaubten, einige französische Soldaten hätten bei den Juden Unterschlupf gefunden, und wollten die Räumlichkeiten durchsuchen. In der Regel versuchten die Juden, in dem Chaos Neutralität zu bewahren und nahmen gelegentlich sowohl Araber als auch Franzosen auf. An jenem Tag befanden sich keine Franzosen in der Festung, und um die Atmosphäre zu beruhigen, willigten die Juden in die Durchsuchung ein. Einer der Bauern feuerte aber einen Schuss in die Luft ab, was ein Signal für Verstärkung aus dem nahe gelegenen Kfar Giladi war. Zehn Männer, die zur Organisierung der Verteidigung bei den Landwirten postiert waren, kamen unter der Anleitung von Trumpeldor nach Tel Hai.

Was genau geschah, nachdem Trumpeldor das Kommando übernommen hatte, ist unklar. Ein Bericht spricht von «Missverständnissen auf beiden Seiten». Schliesslich entwickelte sich ein eigentliches Feuergefecht, in dem zunächst sieben der Verteidiger erschossen wurden. Trumpeldor wurde zuerst in die Hand und dann in den Magen getroffen. Gegen Abend traf ein Arzt ein, doch Trumpeldor starb bei der Evakuierung ins benachbarte Kfar Giladi.

Kampf um die Festung

Die auf einer hügeligen Erhebung errichtete Festung offeriert einen beeindruckenden Blick nach Süden. Als Baumaterial diente grauer Basaltstein; das Dach war mit roten Ziegeln gedeckt. Die Festung zeugt noch heute vom Mut der jungen Pioniere, die in der Gegend arbeiteten und einander gegen Angriffe schützten. Heute erstreckt sich die Stadt Kiryat Shmone, die nach den acht 1920 umgekommenen Verteidigern der Festung benannt worden ist, rund zwei Kilometer südlich der Festung.

Die Besichtigung von Tel Hai ist heute vor allem der Geschichte des Kampfes um die Festung gewidmet. Zudem wird in Bildern und einem Film gezeigt, wie isoliert die jungen Landwirte in jenen turbulenten Jahren vor der Gründung des Staates im fernen Norden Israels waren. Dank ihrer Beharrlichkeit wurden öde Hügel und Täler in produktives Agrarland verwandelt.