Die grosse Verschwörung

September 6, 2010

Dass die Welt nur eine Bühne ist, auf der Marionetten am Draht unsichtbarer Mächte agieren, scheint eine unverwüstliche Idee zu sein. Die vorliegende Ausgabe betrachtet die erstaunliche Attraktion von Verschwörungstheorien von verschiedenen Standpunkten aus. So erinnert Monica Strauss eingangs an die Beliebtheit konspirativer Zirkel in der Hochliteratur des späten 19. Jahrhunderts: Dafür stellt neben «The Secret Agent» von Joseph Conrad der Roman «The Princess Casamassima» von Henry James von 1885/86 ein immer noch lesenswertes Beispiel dar. Es ist daher vermutlich mehr als ein Zufall, dass in der gleichen Zeit die «Protokolle der Weisen von Zion» entstanden. Sie beinhalten die bis heute bekannteste Verschwörungstheorie, der erstaunlicherweise noch immer unzählige Menschen Glauben schenken. Dies gilt nicht zuletzt für die muslimische Welt, mit der sich Mohamed Abdel Salam auseinandersetzt, der Leiter des Programms für Sicherheit und Abrüstung am Al-Ahram-Zentrum für politische und strategische Studien in Kairo.

Deshalb gehen etliche unserer Autoren auf die «Protokolle» ein. Der Harvard-Politologe Stephen Walt erwähnt sie, während er die Instrumentalisierung von Verschwörungstheorien etwa in der Debatte um den Einfluss der «Neocons» auf die amerikanische Politik auslotet. Walter Laqueur berichtet dagegen von seinen eigenen Recherchen über die Entstehungsgeschichte der von Dostojewski ebenso wie von obskureren Literaten inspirierten «Protokolle», die im Dunstkreis des zaristischen Geheimdienstes fabriziert worden sind. Aber bis heute bleiben zahlreiche Fragen über die Autorenschaft der «Protokolle» offen, so Laqueur, der die Mahnung seines Kollegen Norman Cohn wiedergibt, eine «zu intensive Beschäftigung mit diesem Gegenstand sei nicht ratsam – von Wahnsinnigen für Verrückte geschrieben, seien die ‹Protokolle› möglicherweise ansteckend».

Zu diesem Phänomen erklärt Gerd Koenen: «Viele von denen, die sich allzu sehr in die Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte der ‹Protokolle› vertieft haben, sind am Ende beim Bild einer antisemitischen Weltverschwörung angekommen, die der Fabel der ‹Protokolle› und ihrer angeblichen ‹Entdeckung› spiegelbildlich ähnlich sieht […]. In dieser immer ausgefeilteren Gegenerzählung kommen die apokryphen, gefälschten ‹Protokolle› gleichsam wie ein Virus in die Welt und lösen eine geistige und politische Pandemie aus.» Koenen ist durch seine Bücher über den Kommunismus hervorgetreten und geht in seinem Beitrag auch auf die Rolle von Verschwörungstheorien in der Sowjetherrschaft ein. Dabei kam Leo Trotzki als angeblichem Drahtzieher antibolschewistischer Konspirationen eine zentrale Rolle zu.

Das Stichwort Trotzki führt zu einem Beitrag, der den Rahmen dieser Ausgabe überschreitet: Der aufbau-Redakteur Andreas Mink unterhielt sich zum 70. Todestag des grossen Revolutionärs am 21. August mit Sukey Howard über das stark von Trotzki beeinflusste Milieu der New York Intellectuals, dem ihre Eltern angehörten. Dass in Amerika heute tatsächlich Verschwörungen mit globalen Konsequenzen gesponnen werden, behaupten nicht nur Bewunderer der Illuminaten, die über die rätselhaften Symbole auf der Ein-Dollar-Note grübeln, die auf unserer Titelseite zu sehen sind: Auch der Finanzjournalist Friedrich Jarno ­wurde am New Yorker UN-Hauptquartier in eine Konspiration eingeweiht, deren Spur zu den Freimaurern und Illuminaten der Aufklärungszeit zurückführt.