Die grandiosen Entwicklungspläne
Die jüngste Eskalation im Süden Israels rückt einmal mehr einen oft übersehenen Aspekt dieses Teils des Staates in den Blickpunkt: den wirtschaftlich unterentwickelten Charakter des Negev sowie die allzu sehr vom Tourismus abhängige Region der Stadt Eilat am Roten Meer.
In diesem Zusammenhang ist es vielleicht gut, sich die Versprechungen, Pläne und Projekte in Erinnerung zu rufen, die israelische Politiker bis hinauf zu Regierungschef Netan-yahu immer wieder und gerne in Zusammenhang mit dem Negev, der Arava und der Stadt Eilat unters Volk bringen. An der Mitte März in Eilat abgehaltenen dritten Negev-Konferenz etwa gelobte Netanyahu, zwei neue Städte in der Arava zu bauen und eine Bahnlinie nach Eilat zu legen im Bestreben, «Asien und Europa miteinander zu verbinden».
Netanyahu nannte die vier wichtigsten Schritte, die der Staat zur Förderung des Negev unternehmen will: Ein entlang der Grenze zu Ägypten entstehender Zaun soll die Welle der illegalen Immigration nach Israel stoppen, IDF-Ausbildungsbasen sollen in den Süden verlegt werden, eine Express-Eisenbahnlinie soll entstehen und schliesslich sollen die auch im Süden bestehenden bürokratischen Hürden reduziert werden.
«Unser Problem besteht darin», so der Premierminister, «dass nur zehn Prozent der israelischen Bevölkerung auf über 60 Prozent der Bodenreserve des Landes leben». Neben Galiläa im Norden hätte auch der Negev im Süden Israels nicht die erforderlichen Entwicklungsimpulse erhalten. Die steigenden Immobilienpreise sollten laut Netanyahu die Leute dazu veranlassen, sich in Galiläa oder im Negev niederzulassen, doch das scheint bisher nicht im erhofften Ausmass Tatsache geworden zu sein.
Probleme mit illegaler Immigration
Wegen der illegalen Einwanderung im Süden des Landes würde sich das Bevölkerungsbild, wie der Regierungschef weiter ausführte, zusehends verändern. Im Vordergrund steht wohl die Befürchtung, dass die Immigranten wegen ihrer bescheidenen Lohnforderungen den Israeli Arbeitsplätze wegnehmen. Jedes Land habe das Recht, wie Netanyahu unterstrich, «seine Grenzen zu verteidigen». Effektiv geht es dem offiziellen Israel aber darum, dass die illegalen Einwanderer den Status des Staates Israel als «jüdischen und demokratischen Staat» bedrohen.
Die wirksamste Art, der Wirtschaft des Negev unter die Arme zu greifen, besteht, so Netanyahu, darin, den Bürgern den Zugang zur Region zu erleichtern. «Zu diesem Zweck benötigen wir Strassen und Züge. Wir haben das schon mit Beersheva getan, und die Veränderung hat sich eingestellt. Nun habe ich beschlossen, das Projekt der das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindenden Eisenbahn zu fördern.» Die Befürchtungen beziehungsweise Hoffnungen, Israel wolle den Suezkanal ersetzen, wischte Netanyahu vom Tisch, doch räumte er ein: «Ich habe festgestellt, dass auch die Ägypter an einer Bahnlinie bauen, und warum sollen wir nicht tun, was sie tun?» Den israelischen Entscheidungsträgern stehen zwei zentrale Ziele vor Augen: Die Märkte Asiens mit jenen Europas zu verbinden und gleichzeitig die Mineralien des Toten Meeres den Europäern weiter zugänglich zu machen.
Für Netanyahu gilt für den Süden seines Landes offenbar der Grundsatz, dass nur der Himmel die Grenze für Ideen, Pläne und Träume ist, will er doch im Rahmen seiner Entwicklungsprojekte zwei Städte in der Arava errichten. «Heute verstärkt sich mit der immer besseren Verfügbarkeit der Klimaanlage der Trend, in der Wüste zu bauen», sagte er und nannte zwei amerikanische Beispiele für den Erfolg von Wüstenstädten: Las Vegas und Phoenix.
Grossartige Visionen
Mit Staatspräsident Shimon Peres hat Netanyahu einen ebenso beliebten wie versierten Verbündeten, was die Erschliessung des Negev betrifft. «Man lachte mich aus, als ich von einem neuen Nahen Osten sprach», meinte Peres an der Konferenz. «Wenn ich mich irrte, dann höchstens in Bezug auf den Zeitrahmen.» Peres wies auf das Geschehen in Israels Nachbarstaaten hin und betonte, Ghadhafi könne versuchen, zu überleben, doch habe er keine Zukunft. In zehn Jahren würde die Welt sowieso ganz anders aussehen. So seien die Tage des Friedens nicht mehr so weit entfernt, und auch Jordanien und Saudi-Arabien würden «wirtschaftliche Anreize im Negev finden», ganz zu schweigen vom Aufschwung des Tourismus. Die Visionen des israelischen Präsidenten gehen noch weiter. «Der Negev kann zu einem Zentrum für Sonnenenergie und Entsalzungsanlagen werden. Auf diese Weise könnten der ganze Negev und der Sinai mit Landwirtschaft gefüllt werden.»
Zweifelsohne hat eine israelische Regierung nach der anderen den Negev vernachlässigt, und es ist höchste Zeit, Bereichen wie Erziehung, Absorption von Immigranten, Gesundheit, Wohlfahrt und Infrastruktur eine höhere Priorität einzuräumen als der Verteidigung. In diesem Zusammenhang hört man immer wieder die Idee, unweit von Beersheva einen neuen internationalen Flughafen (Nevatim) zu bauen und die Eisenbahn bis dorthin auszudehnen. Gemäss Berechnungen der Armee schliesslich würde die Verlegung von IDF-Basen in den Süden des Landes das Bruttoinlandprodukt des Negev um sechs Milliarden Schekel erhöhen, und bis ins Jahr 2017 würden sich laut israelischen Pressemeldungen 25 000 Soldaten mehr in der Region befinden. Gleichzeitig würde der militärische Umzug in den Süden so viel Boden im Zentrum des Landes freistellen, das 20 000 neue Wohneinheiten errichtet werden könnten.
Die staatlich geförderten Projekte für den Negev hören sich grandios an. Es wird wohl aber noch Jahre dauern, bis der Beobachter sagen kann, ob die Projekte mehr waren als nur politisch motivierte Träumereien.