Die Grande Dame des Pferdesports
Ihren grössten sportlichen Erfolg feierte die Rennstallbesitzerin Karin von Ullmann 2007 beim Derbysieg ihres Top-Galoppers Adlerflug in Hamburg. Seit 1908 hatten 16 Pferde aus dem Stall ihres Gutes das Blaue Band gewonnen. Mit diesem Erfolg stehen die Pferde aus dem Hause Schlenderhan unangefochten an der Spitze. Jahrzehntelang, bis in die zweite Hälfte der siebziger Jahre hinein, beherrschten Jockeys und Pferde aus dem 1869 gegründeten Gestüt Schlenderhan den Galopprennsport in Deutschland. Während viele der grossen staatlichen und privaten Zuchten im Laufe der knapp zweihundertjährigen Geschichte des deutschen Vollblutrennsports an Bedeutung eingebüsst haben oder mittlerweile gar nicht mehr existieren, hält sich das seit rund 130 Jahren bestehende Gestüt bis heute ganz vorn. Und das trotz zweier Weltkriege, begleitet von Diskriminierungen und Inflationen.
Karin von Ullmann, die das Gestüt 1988 nach dem Tod ihrer Mutter Gabriele von Oppenheim übernommen hatte, habe «nicht gern über die Drangsale der NS-Zeit» gesprochen, schreibt Michael Stürmer, der in den achtziger Jahren die Geschichte der Oppenheim-Bank recherchiert und ein Buch darüber verfasst hat, in seinem Nachruf auf die jüdische Bankierstochter. Am wenigsten, so Stürmer in der Tageszeitung «Die Welt», habe die Baronin «auf jenen Teufelspakt zurückkommen» wollen, der 1941 auf dem Gestüt Schlenderhan in Bergheim an der Erft, rund 20 Kilometer westlich von Köln, seinen Anfang nahm: Karin von Ullmann, als Tochter des Bankiers Waldemar von Oppenheim und dessen Frau Gabriele, geborene Goldschmidt, 1922 in Köln zur Welt gekommen, erinnerte sich zeitlebens an jenen Sommertag, an dem ein Offizier der SS vor dem Gutshaus vorfuhr. Das Anwesen beherbergte das grösste und erfolgreichste Privatgestüt in Deutschland. Bereits seit Generationen – einst übernommen vom Urgrossvater Eduard von Oppenheim – gehörte es den Freiherren von Oppenheim, Karin von Ullmanns Herkunftsfamilie. Seit 1870 lebte die Bankiersfamilie in diesem Schloss bei Köln. Der SS-Mann kam nun im Auftrag von Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Polizeichef, um den Besitz in Augenschein zu nehmen.
Im Visier der Nationalsozialisten
Die Situation war für die Familie damals in mehrfacher Hinsicht prekär: Ab 1933 war die Oppenheim-Bank zunehmend in Bedrängnis geraten und hatte 1938 ihren jüdischen Namen ändern müssen. Nun hiess das alteingesessene Geldinstitut Pferdmenges & Co, nach dem Kölner Bankier Robert Pferdmenges, der seit 1931 Partner war. Dem Mut dieses Teilhabers verdanken die Oppenheims den Fortbestand ihres traditionsreichen Hauses.
Doch auch die erfolgreichen Aktivitäten der Oppenheims auf dem Gebiet des Pferdessports erregten das Missfallen der neuen Machthaber: Dass auf den Turnieren der Vorkriegszeit Wehrmachtsreiter spotteten, die Pferde der Oppenheims seien «den arischen Pferden der SS-Reiterstaffel davongaloppiert», konnte die SS nicht hinnehmen, schreibt Michael Stürmer. Heinrich Himmler wollte das Gestüt, den Namen und die Pferde. Der renommierte Rennstall sollte, wenn der «Endsieg» einmal erkämpft war, internationale Reiterfolge für die Nationalsozialisten erringen.
Die Oppenheims aber dachten nicht daran, sich von ihrem Besitz zu trennen. Gleichwohl folgte – anders als seinerzeit Usus – keine sofortige Beschlagnahmung, sondern ein zähes Verhandeln mit den jüdischen Eignern. Aus der Reiterszene ereilte die Oppenheims der dringende Rat, dem wachsenden Druck nachzugeben und nicht durch Widerstand das Leben aufs Spiel zu setzen. So endeten die Verhandlungen im November 1942 mit einer Art Schutzbrief der Reichskanzlei für Baron Waldemar von Oppenheim. «In Würdigung des von Ihnen beim Verkauf des von Gut, Gestüt und Rennstall Schlenderhan an den Tag gelegten Entgegenkommens hat der Führer angeordnet, dass Ihnen und Ihren Angehörigen aus Ihrer nicht rein arischen Herkunft keine Nachteile erwachsen sollen», hiess es in dem Schreiben. Am 1. Januar 1943 trat die Übereignung der Pferde in Kraft. Als Entschädigung konnte Friedrich Karl von Oppenheim das Schlossgut Ast in Oberbayern kaufen.
«First Lady der Finanzwelt»
Im Juli 1947 nahm das Bankhaus den angestammten Namen Sal. Oppenheim jr. & Cie wieder an, 1952 starb der Senior Waldemar von Oppenheim. Tochter Karin wurde mit rund 30 Prozent die grösste Anteilseignerin des Bankhauses Sal. Oppenheim jr. & Cie. Als Unternehmerin und Teilhaberin der grössten unabhängigen Privatbank in Europa galt die mit Georg Baron von Ullmann verheiratete Erbin jahrzehntelang als «First Lady der internationalen Finanzwelt». 2008 präsentierte Sal. Oppenheim das bislang beste Ergebnis seiner Unternehmensgeschichte. Im Geschäftsjahr 2007 verdiente der Konzern 333 Millionen Euro vor Steuern. Die Geschicke des seit 1789 bestehenden Traditionsunternehmens liegen weiterhin in den Händen der Familie. Seit 2005 steht Karin von Ullmanns Sohn Baron Georg von Ullmann an der Spitze des Aufsichtsrats der Privatbank. Er führt auch das Gestüt weiter – und sicher auch zu neuen Erfolgen. Das Ende nächster Woche beginnende alljährliche Deutsche Derby auf der Hamburger Galopprennbahn aber steht in diesem Jahr auch im Zeichen des Abschiedes von der verstorbenen jüdischen Baronin, der Grande Dame des deutschen Pferdesports.