Die «Ghettosprache» kehrt zurück

Von Steffi Unsleber, September 2, 2011
Lange galt Jiddisch in Israel als «Ghettosprache» und wurde nur von orthodoxen Juden gesprochen. Doch in Tel Aviv erlebt die Sprache eine Renaissance. Ein Besuch in der Institution Living Jiddisch Museum and Library und bei der Theatergruppe Yiddishpiel.
JIDDISCH AUF DER BÜHNE Szene aus «The Lady of the Castle» mit Andrey Kashker, Miri Mayer, Anat Atzmon und Dori Engel (v.l.n.r.)

Der Tel Aviver Busbahnhof taucht Menschen aus der ganzen Welt in sein grelles Neonlicht. Filipinos, Inder und Äthiopier verstopfen die Gänge, die der graue Betonblock in alle Richtungen auswirft. Amnon Fisher passt hier nicht her. Aber er bahnt sich den Weg durch die verschiedenen Kulturen zurück zu seiner eigenen. Irgendwann verebbt der Lärm der unteren Stockwerke, Fisher biegt in einen ausgestorbenen Seitenarm ab. Künstler wohnen hier in ihren Studios, deren Ambiente einem Horrorfilm gleicht. Amnon steuert auf eine unscheinbare Tür zu und schliesst auf: Willkommen in der Welt von Living Jiddisch Museum and Library: 40 000 Bücher in jiddischer Sprache hat Mendy Kahan, der Gründer des Museums, seit 1993 gesammelt.
Jiddisch, das ist die Sprache der osteuropäischen Juden, die Sprache der Unterdrückten, als «Ghettosprache» verschrien im neu gegründeten Israel. Hebräisch sollte die Sprache der Israeli werden, eine Sprache für alle, nicht nur für Aschkenasim. Jiddische Zeitungen und Theaterstücke wurden in den ersten Jahrzehnten des jungen Staates verboten. Doch auch im Hebräischen haben sich die Wörter konserviert. Krächzen, schmusen, Schwanz und Schmock sind Beispiele der bunten Gassensprache.
«Auch wenn heute nicht so viele junge Menschen Jiddisch sprechen, ist es Teil ihrer Vergangenheit», meint der 42-jährige Amnon Fisher. Er selbst hat die Sprache von seinen Eltern gelernt, die dem Holocaust entkamen. «Jiddisch ist Teil unserer Kultur, unserer Geschichte. Der jüdische Humor half den Menschen damals zu überleben.» «Schwarz vor Ärger» ist so eine Redewendung, die ihm gefällt: «Man kann diese Ausdrücke nicht direkt übersetzen.» Eine «Noblesse» rauchend läuft er in das Innere des Museums, das den Charakter einer Lagerhalle hat. Vorsichtig blättert er eine Zeitung um, die aus dem Jahr 1900 stammt. «Aus New York. Hier, das ist ein Veranstaltungskalender.» Die Exponate hat Mendy Kahan über die Jahre zusammengetragen und oft vor dem Mülleimer gerettet. Sie stammen von Privatleuten oder aus Instituten. «Azoy hot geredet Zarathustra» von Friedrich Nietzsche findet sich in den Regalen, Mathebücher vom Anfang des vorigen Jahrhunderts und eine Enzyklopädie auf Jiddisch, an der auch Albert Einstein mitgearbeitet hat.

Jiddisch kehrt zurück

Lange Zeit haben nur orthodoxe Juden Jiddisch gesprochen – Hebräisch gilt bei ihnen als heilige Sprache, die im Alltag nichts zu suchen hat. Von ultraorthodoxen Vierteln wie Mea Shearim in Jerusalem ausgehend ist die Jiddischkeit ausgerechnet im kosmopolitischen Tel Aviv gelandet. Jiddisch gilt dort als cool. Die Sprachkurse an der Tel-Aviv-Universität und im jiddischen Kulturzentrum Beit Schalom Aleichem sind gut besucht, immer mehr junge Menschen interessieren sich für ihre Wurzeln. Jiddisch war kurz davor, auszusterben, jetzt kehrt es zurück.
Shmuel Atzmon war einer derjenigen, die dem Jiddisch wieder auf die Beine halfen. 1986 gründete er mit Shmuel Rudenski und Shmuel Segal ein jiddisches Theater-Trio mit dem Namen «Die drei Shmuliks». Sie wurden zu den Maifestspielen in Wiesbaden eingeladen. Shmuel Atzmon nutzte die Gunst der Stunde, trat vor die Versammlung und hielt eine Rede: «Da ich bei Ihnen auf der Bühne stehe, blutet mein Herz, weil so viele jüdische Schauspieler im Holocaust gestorben sind. Jiddisch ist fast ausgestorben. Aber wenn Jiddisch stirbt, stirbt auch die Erinnerung an den Holocaust. Deshalb bitte ich Sie: Helfen Sie mir, ein jiddisches Theater in Israel zu etablieren.» Und Deutschland half mit 100 000 Mark, die Gruppe Yiddishpiel wurde gegründet. «Piel» bedeutet auf Hebräisch «Elefant». «Jiddisch ist der Elefant, den niemand besiegen kann», meint Shmuel Atzmon.

Zweideutige Sprache

Der Saal im Tel Aviver Zoa-Theater ist gut gefüllt. Es sind vornehmlich ältere Menschen gekommen, um die Yiddishpiel-Aufführung «The Lady of the Castle» von Leah Goldberg zu sehen. Aber nicht nur: Der 34-jährige Dror Nobelmann gehört zur jungen Generation, die Jiddisch wiederentdeckt. Er hat die Sprache von seinem Grossvater gelernt und seine Kenntnisse an der Universität aufgefrischt. «Ich liebe den Humor; fast jedes Wort ist zweideutig», meint er.
Auch die 32-jährige Miri Mayer, Hauptdarstellerin in «The Lady of the Castle», hat einen Jiddisch-Kurs besucht: «Ich habe als Kellnerin gearbeitet und dringend einen Job als Schauspielerin gesucht. In welcher Sprache, war mir egal.» So kam sie zu Yiddishpiel. Sie und sieben andere junge Schauspieler wurden in Jiddisch unterrichtet, damit sie danach in dieser Sprache auf der Bühne stehen konnten. «Es gibt immer zwei Reaktionen darauf: Die einen, oft ältere Menschen, verbinden mit Jiddisch die Ultraorthodoxen und den Holocaust. Die jüngeren finden es interessant und cool.»
Nur wer seine Vergangenheit kennt, hat eine Gegenwart und eine Zukunft, meint Amnon Fisher. Und irgendwie passt Jiddisch, die Sprache des Stetl, eine bunte, trotzige, bissige Gassensprache, perfekt ins heutige Israel, wo die Bewohner wie Sabras, wie Kaktusfrüchte, sind: innen süss, aussen stachlig.