Die Gewalt nimmt zu
Unlängst fand man in einer brennenden Kehrichttonne in Ramat Gan die Leiche einer unbekannten Frau, und an einer anderen Stelle des Landes wurden Teile eines ebenfalls weiblichen Körpers entdeckt. Die Polizei, welche die Details dieser und anderer Fälle im Interesse der Untersuchungen einem Publikationsverbot unterworfen hat, sucht nach eventuellen Zusammenhängen. Am Freitagabend prügelten betrunkene Jugendliche aus dem arabischen Dorf Jaljuliya – sie waren in Begleitung zweier jüdischer Mädchen – am Meeresufer von Tel Aviv einen Mann zu Tode, dessen einziges Vergehen darin bestanden hatte, seine Frau und seine Töchter, mit denen er auf einer Strandbank gesessen hatte, vor den Anpöbelungen des Mobs schützen zu wollen. In einem Jerusalemer Wohnviertel sodann erstach ein Mieter die Wohnungsbesitzerin, die den Täter ersucht hatte, die Liegenschaft zu räumen, weil er seit Monaten mit der Zahlung des Mietzinses im Rückstand war. Weiter im Text (auszugsweise): Im arabischen Dorf Kafr Bara raubte ein Mann die Kasse des lokalen Postbüros aus, wobei er mit einer Pistole in die Luft schoss; in Jerusalem wurde ein Mann zu einer Haftstrafe von 39 Monaten verurteilt, weil er vor einem Jahr die Türhüter eines Clubs, die ihm keinen Einlass gewähren wollten, mit dem Messer angegriffen hatte, und in Haifa ging ein Serien-Vergewaltiger der Polizei ins Netz. In Rehovot erlitt ein Jugendlicher mittelschwere Verletzungen bei einer Messerstecherei vor einem Nachtclub, und in Tel Aviv wurde ein Mann verhaftet, der seinen Bruder im Streit mit dem Messer verletzte.
Gesellschaftliche Verrohung
Die traurige Liste könnte über mehrere Spalten hinweg fortgesetzt werden, doch der Trend zur schleichenden gesellschaftlichen Verrohung in Israel wird auch anhand der genannten Beispiele schon zur Genüge klar. Statistiker weisen einerseits mit Recht darauf hin, dass die absoluten Zahlen der Mordfälle in den letzten Jahren leicht rückgängig waren. So wurden seit Anfang dieses Jahres bis zum 15. August in Israel 72 Menschen ermordet, verglichen mit 73 in der entsprechenden Zeitspanne von 2008. Im Jahr 2007 registrierte man für die Berichtsperiode 79, und 2006 gar 92 Mordopfer. Eine ähnliche Tendenz lässt sich für die Ganzjahresvergleiche feststellen. 2008 total 122 Mordfälle, 2006 deren 147, 2005 wurden insgesamt 162, und im Jahr 2004 168 Morde registriert.
Gestützt auf dieses Zahlenmaterial meinte Polizeioberinspektor David Cohen, im Vergleich zu anderen Staaten sei Israels Mordrate «stabil und relativ niedrig.» Man könne weder von einem Phänomen noch einem Trend sprechen, sondern nur von «separaten Zwischenfällen mit unterschiedlichen Hintergründen». Dennoch müsse die jüngste Konzentration von miteinander nicht in Verbindung stehenden Ereignissen als «ernsthaft» eingestuft werden.
Steigender Alkoholkonsum
Die Relativierung des Polizeichefs sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass bezüglich der inneren Qualität der israelischen Gesellschaft kaum Grund zur Erleichterung besteht. Im Gegenteil: Laut ebenfalls von der Polizei veröffentlichten Angaben hat der Konsum von Alkohol im Lande (vor allem Schnaps und Wodka) im ersten Halbjahr 2009 gegenüber den ersten sechs Monaten des Vorjahres um 15 Prozent zugenommen. Ordnungshüter, die im Felde Dienst leisten, vertreten dazu eine unmissverständliche Meinung: «Der Anstieg des Gewaltniveaus korreliert direkt mit der Quantität des konsumierten Alkohols», meint einer von ihnen gegenüber der Zeitung «Yediot Achronot». Auf der anderen Seite lautet die offizielle Position der israelischen Polizei immer noch, dass es keine offiziellen Fakten gebe, wonach Alkohol die Kriminalität beflügle. Die Ereignisse der letzten Monate sprechen aber eine eindeutige Sprache. Der Lastwagenfahrer etwa, der am 20. Februar einen Polizeioffizier auf offener Strasse überfuhr und tödlich verletzte, hatte vor dem Unfall fünf Gläser Wodka getrunken. Auch der Chauffeur, der am 9. Mai zwei Soldaten auf der Ayalon-Strasse tötete, stand unter Alkoholeinfluss. Am 11. Juli versuchten alkoholisierte Jugendliche in der Gegend von Beth Schemesch ein gefährliches Überholmanöver und stiessen dabei mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen. Trauriges Fazit: Sechs Tote, unter ihnen vier Angehörige einer unschuldigen Familie. Auch die Rowdies, die am 14. August am Strand von Tel Aviv einen Familienvater zu Tode prügelten, waren, wie bereits erwähnt, betrunken. Ein Abebben dieses gefährlichen Trends ist nicht in Sicht, werden nach Angaben der Polizei doch jedes Jahr rund 10 000 neue Dossiers im Zusammenhang mit Alkoholexzessen eröffnet, und wer eines solchen Verbrechens überführt wird, muss mit mehrjährigem Fahrausweisentzug rechnen. Offenbar ist vor allem für Jugendliche aber die Versuchung des «edlen Tropfens» so stark, dass auch das Risiko einer vom Gericht erzwungenen zeitweisen Entfernung von der Strasse in Kauf genommen wird. Zudem gelingt in Israel vor allem kommerziell motivierten Kreisen immer noch, das trügerische Image vom «Kavaliersdelikt» aufrechtzuerhalten.
«Strategische Bedrohung»
«Genug ist genug», meinte Knessetsprecher Reuven Rivlin angesichts der Tatsache, dass allein in den letzten zwei Wochen acht Morde zu beklagen waren – im Verlauf eines Monats waren es gar deren 13. Die Gewalt in Israel habe sich zu einer «strategischen Bedrohung» entwickelt. Yitzchak Aharonovitch, Minister für innere Sicherheit, stritt nicht ab, dass die Situation ernst ist, rief aber dazu auf, auch in Bezug auf die Kriminalität in Israel alles in den «richtigen Proportionen» zu sehen.
Während die Politiker sich also in semantischen Haarspaltereien ergehen, dürfte die Gewalt in ihren verschiedensten Erscheinungsformen die innere Festigkeit der israelischen Gesellschaft weiter untergraben. Wer versucht, der Polizei die Alleinschuld für diese Entwicklung in die Schuhe zu schieben, urteilt kurzsichtig. Erstens ist das israelische Polizeikorps personell chronisch unterdotiert, und das nicht sonderlich attraktive Lohngefüge ist auch nicht dazu angetan, zusätzliches fähiges Personal anzuziehen. Zweitens aber dürfte die nachfolgende Liste der direkten und indirekten Gründe für die um sich greifende Gewalt in Israel verdeutlichen, wie kompliziert und komplex die Lage ist: Das Verhältnis zwischen jüdischen und arabischen Staatsbürgern verschlechtert sich zusehends; die Wirtschaftskrise soll zwar am Abklingen sein, doch immer noch zieht sie mehr und mehr Familien in den Sog von Armut, Bedrücktheit und Unsicherheit – alles mögliche Motive für den Griff zur Flasche oder zum Messer; das Bildungswesen, das im Kampf gegen Gewalt in der Familie, unter Jugendlichen und auf dem Arbeitsplatz eine führende Rolle spielen sollte, hinkt im internationalen Vergleich bedenklich hinterher. Wie wacklig heute einst als unerschütterlich betrachtete moralische Werte geworden sind, beleuchtet auch der Fall von dem in finanzielle Not geratenen IDF-Soldaten, der, anstatt das Büro von Generalstabschef Gabi Ashkenazi zu bewachen, für ein paar tausend Schekel die Informationen zu dessen Kreditkarte an arabische Kriminelle verkauft hat.