Die Gesellschaft stärken
Für Claudia Kaufmann ist der Fischhof-Preis eine hohe Ehre, «vor allem, weil ich nicht das Gefühl habe, ich müsste ausgezeichnet werden». Die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus und die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz beurteilten die heutige Ombudsfrau der Stadt Zürich, ehemalige Gleichstellungsbeauftragte und Generalsekretärin im Innenministerium von Ruth Dreifuss, glücklicherweise richtig. Weder als Mitarbeiterin einer Verwaltung noch jetzt in der unabhängigen Position als Ombudsfrau hatte Claudia Kaufmann je den Eindruck, es brauche Mut, um gegen die Diskriminierungen anderer zu kämpfen: «Ich empfand es eher als Chance, meine Werte zu vertreten. Vielleicht zeichnet es mich aus, dass ich mich in und mit den Verwaltungsstrukturen nie eingeengt fühlte, sondern stets versuchte, rechtlich vorgegebene Systeme zu verändern, in kleinen Schritten, dafür mit verbindlicher und nachhaltiger Wirkung. Diesen Spielraum versuchte ich auszuloten und den Atem einer Langstreckenläuferin zu entwickeln, um konsequent dranzubleiben.» Eine besondere Freude bereitet es der Preisträgerin, dass sie gemeinsam mit Dick Marty geehrt wird.
Eine angenehme Überraschung
Der Fischhof-Preis sei eine angenehme Überraschung, sagt der an Preise gewöhnte Dick Marty. Er zeige ihm, dass seine Arbeit und seine Sorge um den Schutz von Minderheiten verstanden worden seien. «Rassismus und Antisemitismus sind Symptome einer schwachen Gesellschaft», betont er. «Es wäre die Aufgabe aller Bürger, nicht nur der Politiker, sie zu bekämpfen und damit die Gesellschaft zu stärken.»
Der prominente Jurist aus Lugano, erst Staatsanwalt, dann Regierungsrat und seit 16 Jahren Standesvertreter im Tessin, hat seine letzten Sessionen in Bern und in Strassburg absolviert, mit etwas Melancholie, wie er zugibt, aber letztlich im Wissen, dass das Ende einer Amtszeit auch
eine Frage der Jahreszahl sei (er wird im Januar 67). Er werde nicht unterbeschäftigt sein, versichert er glaubhaft, obwohl er noch nicht alle Entscheide von Engagements getroffen hat. Er präsidiert die interjurassische Kommission und ist Vizepräsident der Weltorganisation gegen die Folter. Der Rückzug des markanten FDP-Politikers aus der aktiven Politik wird von vielen bedauert. Im Europarat mag es allerdings einige geben, die aufatmeten, denn Dick Marty führte schwierige Untersuchungen mit Umsicht und Konsequenz durch. Er lieferte unverblümte Berichte ab, wonach europäische Staaten der CIA den Betrieb geheimer Gefängnisse für Terrorverdächtige in ihren Grenzen gestattet hätten und die Führung der Kosovo-Befreiungsarmee UCK in den Handel mit Organen gefangener Serben verwickelt gewesen sei.
Trotz wütender Dementis bestätigten sich später Martys Befunde. Die Untersuchungen seien mühsam gewesen, sagt er heute. Er habe gewusst, dass seine Entdeckungen für gewisse Leute unangenehm sein würden. Aber er sei der Versuchung nicht erlegen, nichts zu sagen: «Es war meine Aufgabe, deutlich zu werden. Die späteren Bestätigungen sind eine Entschädigung, denn ich fühlte mich allein in einer Wüste, die ich durchqueren musste, ohne zu wissen, ob am anderen Ende eine Oase wartet.» Aber der Europarat habe ihm mehrheitlich vertraut. Heute wollten allerdings die meisten Politiker sofortigen Applaus: «Deshalb haben es die populistischen Bewegungen so leicht. Aber was die Leute hören wollen, ist nicht immer gleichbedeutend mit der Wahrheit.»
Im Interesse des Landes
Diese Veränderung stellte Dick Marty auch im Ständerat fest: «Ich will nicht sagen, dass die Kollegen der letzten Jahre nicht hervorragend gewesen seien, aber das Niveau war Ende der neunziger Jahre deutlich höher. Es bereitet mir Sorgen, dass Intellektuelle und Leute, die etwas bewegen könnten, heute nicht mehr bereit sind, sich in der aktiven Politik zu engagieren, weil diese härter und menschenorientierter geworden ist.» Aber er hat gute Erinnerungen an seine Arbeit im Ständerat: «Es war etwas Besonderes, in der Kommission für die Revision der Bundesverfassung zu arbeiten. Und ausserdem gelang es mir, über Nacht eine Formel zu finden, um die Fristenlösung zu retten.» Das war in Lugano, als die Session im Tessin stattfand, die Verwirklichung einer Idee von Marty, die seither im Parlament Tradition ist.
Der Vollblutpolitiker hat im Gegensatz zu Claudia Kaufmann, die dies längst getan hat, noch nicht gewählt: «Wir hatten dieser Tage eine Diskussion in der Familie, und wir werden am Wochenende wohl alle unterschiedlich wählen.» Die Wahlen könnten im Parlament andere Akzente setzen, denkt er, und er sieht mit Sorge, dass die Parteien, die früher die Politik sehr rational anpackten, heute grosse Schwierigkeiten hätten: «In ganz Europa, auch bei uns, sind Emotionen wichtiger geworden als Rationalität.» Für die Erneuerung des Bundsrats empfiehlt Dick Marty, die Besten zu wählen und nicht auf Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf zu verzichten: «Als Präsident der Wirtschaftskommission habe ich ganz nahe erlebt, dass sie keine Parteipolitik betreibt, sondern im Interesse des Landes arbeitet.»
Weniger Solidarität
Die Beziehung zu Europa sei im Wahlkampf total vergessen worden: «Der EU-Beitritt könnte so rasch und unerwartet kommen wie das Ende des Bankgeheimnisses», sagt Marty lakonisch. Die Kündigung der bilateralen Verträge wäre «Selbstmord», weil dieser Weg sehr steinig geworden sei; die Schweiz sollte sich am kleinen EU-Staat Luxemburg orientieren, kaum grösser als das Tessin, mit grossem Finanzplatz und mehr Grenzgängern, dem es in der EU sehr gut gehe. Es bestehe die Gefahr, dass die kleine Schweiz mit ihrer starken Währung allein immer mehr zum Spekulationsobjekt werde. Am meisten Sorgen bereitet dem abtretenden Politiker der Zusammenhalt der Schweiz, der nicht automatisch für die Ewigkeit gelte, wenn man ihn nicht pflege: «Die Solidarität nimmt auch hier ab, es gibt mehr Egoismus.»