«Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt»
Jüdische Rundschau: Johannes Mario Simmel, an was arbeiten Sie gerade?
Johannes Mario Simmel: Ich habe in meinem Leben viele politische Essays geschrieben, Reden gehalten und sogar von Kanzeln gepredigt. Wenn ich sehe, was gerade in Deutschland und in anderen Ländern geschieht, habe ich oft das Gefühl, ich hätte hier in den Wind gesprochen und in Wasser geschrieben. Der Verlag C.H. Beck hat mich gefragt, ob ich eine Auswahl dieser Texte bei ihm nicht in Buchform erscheinen lassen möchte. Ich habe zugesagt, das Buch erscheint Anfang des nächsten Jahres.
Jüdische Rundschau: Wenn Sie mit Ihrer politischen Arbeit wirklich in den Wind geschrieben haben sollten, glauben Sie denn, es sei sinnvoll, die Texte zu drucken?
Johannes Mario Simmel: Ich denke doch. Man darf niemals aufgeben, selbst wenn man wie ich erleben muss, dass die Nazipest in eines Menschen Zeit zum zweiten Mal hochkommt. Es könnte doch sein, dass meine politischen Mahnungen, ja mein Flehen um Widerstand von vielen Menschen ernstgenommen wird. Ich hörte, dass auf Willy Brandts Grabstein die Worte stehen «Man hat sich bemüht.» Das könnte auch der Titel dieses Buches sein.
Jüdische Rundschau: Wo sehen Sie die Gründe für die aktuellen Ereignisse in Deutschland?
Johannes Mario Simmel: Ich sage das voll Zorn, Scham, aber auch voll Überzeugung: der Nationalsozialismus des Dritten Reiches war die grösste und stärkste Volksbewegung, die es jemals gab. Sie hat den Idealen einer Mehrheit von Deutschen und Österreichern entsprochen, diese grauenvolle Stammtischmentalität, die nun auferstehen will - es ist unfassbar! - nach einem Krieg mit einem industriemässigen Massenmord an 6 Millionen Juden, mit mehr als 60 Millionen weiteren Toten und mit einem Europa, das in Trümmern lag. 1945 habe ich wirklich gehofft, nein geglaubt, dass wir etwas gelernt haben aus dieser entsetzlichen Katastrophe, heute kann ich nur Mahatma Gandhi zitieren: «Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.» Faschismus ist im Übrigen ansteckend - es gibt ihn in Schweden, in Frankreich, in der Türkei und anderswo, am stärksten in Deutschland und Österreich. Und im Gegensatz etwa zu Frankreich, gibt es in Deutschland und Österreich keine Massenproteste. Als in Paris ein jüdischer Friedhof geschändet wurde, gingen eine Million Menschen auf die Strasse. Natürlich sind auch in Deutschland viele so verzweifelt wie ich. Wieder und wieder erhalte ich Briefe von Einzelpersonen oder Personengruppen, die gegen die neuen Nazis kämpfen und um meine Unterstützung bitten. Der Kampf gegen den Faschismus kann jedoch kein Kampf von Gruppen sein, die Regierung müsste ihn führen. Die Regierung hat ihn ja auch mit grösster Härte z.B. gegen die RAF geführt. Die Mitglieder der Regierung haben zudem geschworen, Schaden vom deutschen Volke zu wenden. Und was tut diese Regierung nun? Nichts oder erbärmlich wenig.
Jüdische Rundschau: Aber es gibt doch klare Unterschiede zu früher. Haben die Ereignisse in Deutschland nicht eher damit zu tun, dass Ostdeutschland einige Jahre verspätet nun die gleiche Phase durchmacht wie Westdeutschland in den 60er und späteren Jahren? Zumal es ja, wie Sie selber sagen, eine Gegenbewegung in der Bevölkerung gibt. Macht Sie das nicht ein wenig optimistischer?
Johannes Mario Simmel: Ich habe jeden Optimismus verloren. Früher war ich ein fröhlicher Pessimist, jetzt können Sie das fröhlich streichen. Österreich ist antisemitisch seit Lueger, und vor ihm war die katholische Kirche für den Judenhass verantwortlich. Um mit Brecht zu sprechen: «Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.» So fruchtbar allerdings, wie nicht einmal Brecht es sich vorstellen konnte. Die Betonköpfe in der DDR legten Wert darauf, dass - im Gegensatz zur BRD - Faschismus, sofern er sich zeigte, auf das schwerste bestraft wurde. Jetzt ist der Deckel von diesem grauenvollen Kessel der Unmenschlichkeit genommen. Jetzt wetteifern Ost und West bei Anschlägen auf Synagogen, beim Morden von Ausländern, beim Abbrennen von Asylbewerberheimen. Es soll - verflucht noch mal - mir bloss keiner sagen, das hinge mit Arbeitslosigkeit zusammen. Wenn das so wäre - wie müsste es dann z.B. in Lissabon zugehen?
Jüdische Rundschau: Wenn Sie heute mit jungen Deutschen sprechen, spüren Sie da nicht Hoffnung?
Johannes Mario Simmel: Die Deutschen wollten nach 1945 keine Demokratie. Die Amerikaner haben sie ihnen aufgezwungen. Bis zu Richard von Weizsäckers Rede im Jahre 1985 - 1985! - hat niemand gesagt: «Gottseidank haben wir diesen Krieg verloren, in dem wir so grauenvolle Verbrechen begangen haben.» Nach dem Krieg haben die ersten zwei Generationen in den Schulen nichts über diese ungeheuren Verbrechen erfahren. Später hat sich das geändert. Meine einzige Hoffnung ist also die heute junge Generation.
Jüdische Rundschau: Sie haben nach dem Krieg in Deutschland gelebt, sind dann durch die ganze Welt gereist, wohnten in Paris, Monte Carlound jetzt in der Schweiz. Was ist für Sie Heimat?
Johannes Mario Simmel: Ich habe mich mein Leben lang als Kosmopolit gefühlt, ich war sehr lange Korrespondent z.B. in Frankreich und in den USA. Ich weigere mich das Wort «Vaterland» zu akzeptieren, weil es derart blutbesudelt ist. Auch eine sogenannte Heimat hatte ich nie. Mir gefällt das Englische «at home», und «at home» fühle ich mich in der Schweiz, in der ich seit 17 Jahren lebe. Dies ist ein gutes Land, insbesondere für Schriftsteller. Denken Sie daran, wie viele und aus wie vielen Nationen hier schon gearbeitet und sich wohlgefühlt haben. Die Schweiz zeigt uns, wie drei oder mehr Kulturen zusammenleben können. Das Land ist klein und hat dementsprechend auch nur kleinere politische Skandale. Mir wurde vom ersten Tag an ganz ausserordentliche Freundlichkeit entgegengebracht und dies auf sehr taktvolle Art und Weise. Wenn ich aus dem Ausland zurückkehre, habe ich immer das Gefühl, ich könne freier atmen.
Jüdische Rundschau: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten nie einen richtigen Roman geschrieben. Heisst das, Sie haben 50 Jahre an Ihrer eigenen Biographie geschrieben?
Johannes Mario Simmel: Um Himmels Willen nein! Tucholsky hat gesagt «Wer eine Biogrpahie schreibt, hat etwas zu verbergen.» Ich habe nichts zu verbergen.
Jüdische Rundschau: Aber Ihre Romane handeln von Ereignissen, Problemen und Katastrophen, die Sie selbst miterlebt oder gesehen haben.Man liest falsch, wenn man glaubt, dass der Mann, der da agiert, ich bin. Ich habe deshalb gesagt, es sind keine richtigen Romane, weil sie dem entsprechen, was Norman Mailer «Faction» genannt hat, also einer Mischung aus Fakten und Fiktion. Ich habe bislang nie eine reine Romanhandlung geschrieben. Jetzt werde ich es zum ersten Mal in einer reinen Liebesgeschichte tun.Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Thema haben?
Johannes Mario Simmel: Ich brauche ungefähr 3 Jahre für ein Buch, davon ein Jahr für Recherchen. Wenn das Buch dann erscheint, ist sein Thema fast immer brandaktuell wie z.B. bei meinem neusten Buch über Computerviren. Woher das kommt weiss ich nicht, niemand weiss es. Vielleicht kommt es daher, dass ich so viele Jahre lang Reporter gewesen bin und einen sechsten Sinn habe für Dinge, die da kommen werden.
Jüdische Rundschau: Dass Sie jetzt eine Liebesgeschichte schreiben möchten, hat gewiss auch damit zu tun, dass die Liebe zu Ihrer verstorbenen Frau Lulu eine der stärksten Erfahrungen in Ihrem Leben war.
Johannes Mario Simmel: Lulu ist gestorben, aber sie ist nicht tot. Kein Toter ist tot, solange einer an ihn denkt, einer ihn liebt. Mehr denn je denke ich darüber nach, was diese wunderbare Lulu für mich bedeutet. Es war und ist eine perfekte himmlische und irdische Liebe, es gibt eine Übereinstimmung in allen Punkten.
Jüdische Rundschau: Hat ihr Prosa-Vorhaben vielleicht auch damit zu tun, dass Sie beweisen möchten, nicht nur Chronist, sondern auch Literat zu sein, der aber fast journalistisch geschrieben hat, weil ihn die Ereignisse so sehr bedrängten?
Johannes Mario Simmel: Da haben Sie gewiss recht. Als Reporter hat man mich in viele Kriege geschickt, ich habe so viel Leid, Unrecht, so masslos viel Elend und Gemeinheit miterlebt, dass ich meinte, über all das schreiben zu müssen. Als sich dann herausstellte, dass das, was ich schrieb, derart viele Menschen interessierte, wurde diese Art der «Berichterstattung» ein absoluter Zwang. Jetzt bin ich in einer wunderbaren Situation. Durch eine Reihe von Ereignissen befinde ich mich im Zustand totaler materieller Freiheit. Wenn überhaupt eines meiner Bücher autobiographisch sein soll, so ist es jenes, das noch nicht geschrieben wurde. Ich habe seit 1945 Tagebuch geführt - es wird nicht schwer sein, eine Handlung rund um diese makellose Liebe zu erfinden.
Jüdische Rundschau: Sie schreiben heute noch Tagebuch?
Johannes Mario Simmel: Ja. Die Einträge sind sehr detailliert, betreffen viele Personen und sind ebenso intim wie politisch. Darum habe ich in meinem Testament verfügt, dass die Tagebücher sofort nach meinem Tod versiegelt und an mein Archiv in der Universität von Boston geschickt werden. Sie dürfen 70 Jahre lang nicht geöffnet werden, denn viele dieser Personen haben Verwandte.
Jüdische Rundschau: Ihr Vater war Jude. Was hat das Judentum für Sie für eine Bedeutung?
Johannes Mario Simmel: Ich war ein sogenannter «Mischling ersten Grades.» Von meiner Familie überlebten die Nazizeit nur meine Mutter, meine viel jüngere Schwester und ich. Meinem Vater gelang 1938 im letzten Moment die Flucht nach England. Er starb dort am 4. Januar 1945. Alle Angehörigen seiner Familie wurden ermordet. Aber, und darauf lege ich besonderen Wert: Auch wenn meiner Familie überhaupt nichts widerfahren wäre, würde ich genauso gegen Nazis kämpfen, weil sie in der mir bekannten Geschichte die grössten Verbrecher waren, die die grössten Verbrechen begingen. Ich weiss, dass sich «Mischlinge» für die eine oder andere Seite entscheiden - ich habe mich von Anbeginn für die jüdische Seite entschieden, und ich fühlte, unter Hitler musste ein «jüdischer Mischling» ein richtiger Jude sein, alles andere erschien mir unmöglich.
Jüdische Rundschau: Waren Sie in Israel?
Johannes Mario Simmel: Natürlich. Aus beruflichen und privaten Gründen. Das steigert sich nun im Alter. Jetzt, wo ich mehr Zeit habe und mich immer stärker für meine Wurzeln interessiere, sind diese Besuche natürlich viel emotionaler.
Jüdische Rundschau: Nach einem bewegten Leben haben Sie nun sogar Zeit über die Liebe zu schreiben. Wovor haben Sie Angst?
Johannes Mario Simmel: Bestimmt keine vor dem Tod. Er gehört zum Leben und beginnt mit unserem ersten Atemzug. Ich habe Angst vor der Wiederkehr dieses ungeheuerlichen Verbrecherregimes, und das scheint vorprogrammiert zu sein. Vielleicht ist es so etwas wie die «Lust am Untergang», die dem Faschismus wieder eine so grosse Chance gibt. Obwohl ich nicht mehr lange unter einem solchen Regime leben müsste, habe ich ungeheure Angst, gemischt mit unsagbarer Wut, dass all das nun wiederkehren könnte.
Jüdische Rundschau: Sie haben immer heikle Themen in Ihren Büchern aufgegriffen. Hatten Sie niemals Angst?
Johannes Mario Simmel: Ich lebte immer wieder mit Polizeischutz. Ich bekomme dauernd Drohungen und haarsträubende Briefe. Das ist nur natürlich, bei dem, was ich gegen Nazis sage und schreibe.
Jüdische Rundschau: Als Schriftsteller ist Ihr Werkzeug die Sprache. Es sind ja immer auch Worte, die Menschen verführen wie z.B. 1933. Wenn in der Sprache eine derartige Kraft liegt, warum bewirken Ihre Worte und die anderer Schriftsteller oder Intellektueller so wenig?
Johannes Mario Simmel: Mich trösten Freunde und sagen, ich hätte viel erreicht. Ich habe beschämend wenig erreicht. Die so genannte schweigende Mehrheit hat immer den Mund gehalten. Selbst die wunderbaren Aufklärer haben keine Kriege und Greuel verhindern können. Erich Maria Remarque, den ich sehr gut kannte, schrieb das Antikriegsbuch «Im Westen nichts Neues». Es hatte eine Auflage von vielen Millionen. Aber Remarque gab sich keinen Illusionen hin, etwas erreicht zu haben - er resignierte. Obwohl Bücher gelesen werden und sogar Zustimmung finden, bewirken sie nichts wirklich Wichtiges. Vielleicht haben Karl Marx und die Herren, die die Bibel geschrieben haben, etwas bewirkt - etwas Gutes?
Jüdische Rundschau: Unterschätzen Sie nicht die Wirkung von Literatur? Im Kleinen bewegt sie das Denken der Leute doch.
Johannes Mario Simmel: Ich habe mich mein Leben lang bemüht, Menschen dazu zu bringen, endlich aufzuhören, alles zu glauben und anzufangen, selber zu denken. In diesem Zusammenhang hatte ich viele Gespräche, in denen man mir immer wieder sagte: «Die Menschen werden deinetwegen nicht auf die Barrikaden gehen, aber sie haben vieles von dem, das du geschrieben hast, verinnerlicht.»
Jüdische Rundschau: Nachdem Sie Arthur Cohns Film «One Day in September» gesehen haben, sagten Sie: «Nach diesem Film bin ich ein anderer Mensch als zuvor.» Dies ist doch ein Beispiel dafür, wie es funktionieren kann.
Johannes Mario Simmel: Bücher verhindern nichts Gewaltiges, sie können jedoch positiv auf den Leser wirken, da haben sie vollkommen recht.
Jüdische Rundschau: «One Day in September» ist ein journalistisch recherchierter Dokumentarfilm, wie Ihre Bücher es auch sind.
Johannes Mario Simmel: Arthur Cohn bemüht sich stets, nicht dem üblichen Hollywoodmuster zu folgen. Bei seinen Filmen kann man die Wirkung messen, z.B. daran, dass das Publikum nach einem Arthur-Cohn-Film sekundenlang still, betroffen, aber auch beglückt, voll neuer Hoffnung und neuen Träumen, sitzen bleibt, bevor der Beifall aufbrandet. Bei Büchern ist das Abschätzen der Wirkung ungleich schwerer.
Jüdische Rundschau: Es wäre naheliegend, eines Ihrer Bücher von Arthur Cohn verfilmen zu lassen.
Johannes Mario Simmel: Er entwickelt seine eigenen Stoffe. Ansonsten habe ich die Erfahrung gemacht, wenn man mit einem Menschen eng befreundet ist und diese wunderbare Freundschaft erhalten will, dann sollte man für ihn keine Filme schreiben. Nicht weil es zwangsläufig zu Auseinandersetzungen kommt, sondern weil man sich belastet fühlt. Ähnlich empfinde ich bei der Schauspielerin Iris Berben, mit der ich seit vielen Jahren befreundet bin – instinktiv arbeiten wir nicht zusammen.
Jüdische Rundschau: Wie haben Sie die Schweiz während der Holocaust-Debatte erlebt?
Johannes Mario Simmel: Als diese begann, war ich zusammen mit jüdischen Freunden ausser mir vor Zorn über Bronfmans Verallgemeinerungen. Es war das erste Mal in meinen langen Schweizer Jahren, dass ich antisemitische Schmierereien an Wänden gesehen habe - Bronfman hat viele «Stammtische» aktiviert. Über die Schuld der Banken und die schlimme «Das Boot ist voll»-Einstellung vieler Schweizer Politiker im Krieg, müssen wir nicht debattieren. Aber alle Menschen, die damals Schuld auf sich luden, sind längst tot, es gibt keine Sippenhaft und Erklärungen wie «Alle Schweizer sind Nazis» waren absolut ungeheuerlich und haben grossen Schaden angerichtet.
Jüdische Rundschau: Sie wurden oft in einem Atemzug mit Konsalik genannt. Ärgerte Sie das?
Johannes Mario Simmel: Es empörte mich! Konsalik war ein eindeutig nationalistischer und damit gefährlicher Schriftsteller, der den Krieg und den Mut der deutschen Soldaten verherrlichte und die Russen als Teufel darstellte. Auf die Idee, unsere Namen zu «koppeln», kam seinerzeit von einem Verlagsagenten. Viele Zeitungen übernahmen dies gedankenlos. Der Vergleich mit Konsalik war absurd und ich habe ihn seit der Zeit nicht mehr gehört. Übrigens war es eine zeitlang Mode, mich einen «Trivialschriftsteller» zu nennen. Und nun erklärt die deutsche Kritik mich seit vielen Jahren zum «Gewissen der Nation» und zu einem Aufklärer vom Range Zolas,