Die Geschichte der Helfenden dokumentieren

Nicole Dreyfus, October 23, 2008
Für sein Projekt «Mutige Menschen» sucht Urs Urech Menschen, die sich im Kanton Aargau während des Zweiten Weltkriegs jüdischer Flüchtlinge angenommen haben. Damit möchte er einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte leisten.

Es sind der Bauer und der Pfarrer von nebenan, die Urs Urech interessieren. «Archive, die für uns Geschichte konservieren, haben wir genügend. Darum ist es an der Zeit, Einzelschicksale zu dokumentieren», sagt Urech über sein Projekt, das er diesen Januar gestartet hat. Dieses hat zum Ziel, Zeitzeugengeschichten von Flüchtlingshelferinnen und -helfern während des Zweiten Weltkriegs im Kanton Aargau zu sammeln, «um einerseits die aktive Vergangenheitsbewältigung und andererseits die Zivilcourage von heute zu fördern», erklärt Urech. Das gesammelte Material möchte er für pädagogische Zwecke aufarbeiten und der Schule sowie der Jugendarbeit zugänglich machen. Urech kann nach kaum zehn Monaten bereits auf einen grossen Fundus von Begleitmaterial zurückgreifen: Fotos, Briefe und in kurzen Filmausschnitten aufgezeichnete Gespräche bezeugen das Engagement von Leuten, die heimlich jüdische Flüchtlinge beherbergten. In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz wird das Quellenmaterial in Kürze auf der Internetplattform für politische Bildung aufgeschaltet werden. Urechs Wunsch ist es, dass diese Art von Geschichtsschreibung wesentlicher Bestandteil des Schulunterrichts werde. «Denn nur mit dem Bewusstsein, was früher geschah, können auch heutige Konflikte aus dem Weg geräumt werden», sagt der soziokulturelle Animator und ehemalige Lehrer.

Eigentlich schon zu spät

Mit einem Aufruf in der «Mittellandzeitung» begann Urechs Suche nach «mutigen Menschen» und ihren couragierten Taten. Gemeldet haben sich bisher insgesamt acht Personen. Meistens sind es die Kinder oder Enkel der Flüchtlingshelfer, die auf das Inserat reagierten. «Eigentlich bin ich schon zu spät», stellt Urech fest, denn die Menschen, um die es tatsächlich gehe, seien vielfach bereits gestorben. «So kontaktierte mich der Enkel eines Pfarrers in Veltheim, der während all der Kriegsjahre einen jüdischen Flüchtling aus Dortmund bei sich aufnahm. Die Pfarrerstochter, die von Urech interviewt wurde, erinnert sich an den Gast aus Deutschland, «wie wenn es gestern gewesen wäre». Auf sie habe der Mann schon alt gewirkt, dies habe aber mit der Tatsache zu tun gehabt, dass sie noch ein kleines Mädchen war und er schon graue Haare gehabt hätte, erinnert sie sich. Seine Familie habe er in Auschwitz verloren und er konnte sich als einziger durch die Flucht in die Schweiz retten. Sie mochte ihn sehr und er war immer für ein Gespräch zu haben, wenn die Eltern arbeiteten. Von der heute 67-Jährigen vernahm Urech auch, dass das ganze Dorf über seinen Aufenthalt Bescheid wusste, aber nichts darüber sagte. «Man hat damals sowieso nicht über ein solches Thema gesprochen, natürlich aus Angst, selbst an den Pranger zu kommen», sagt Urech. Die Interviewpartner wollen keine Helden sein, erzählen aber gern – «kein Wunder nach all den Jahren des Schweigens», so Urech. Nur einmal habe er einen anonymen Anruf erhalten: Es wurden Juden versteckt, aber das dürfe niemand wissen, hiess es auf der anderen Seite der Leitung. Dann wurde der Hörer aufgelegt. Diesem Fall ging Urech nicht mehr nach.   

Persönlich bei der Fremdenpolizei

Aber die Geschichte von Reto Veraguth lässt den Zuhörer Urech nicht kalt. Ve¬raguth erzählt, wie sich ein älteres Ehepaar, das mit osteuropäischem Akzent Deutsch sprach, bei ihnen in der Mansarde einquartierte. Die Mutter von Reto, «eine Frau, die stets wusste, was sie wollte», wie sich ihr Sohn erinnert, brachte ihnen, ohne grosses Aufsehen zu erregen, Essen nach Hause. Ein Verwandter arbeitete bei der Migros und so fiel es nicht auf, wenn die Mutter am Abend Einkaufstaschen nach Hause trug. Manchmal habe das Paar, von dem Reto Ve¬raguth annahm, dass es aus Österreich geflohen war, auch bei ihnen am Tisch gesessen. Dem Vater habe dies nichts ausgemacht, aber manchmal «blieb für das Familienleben wenig Zeit übrig», erinnert sich ¬Veraguth. Was ihn zeitlebens am meisten beeindruckte, war, wie er mit seiner Mutter nach Aarau ins Büro von Heinrich Rothmund, dem Chef der Fremdenpolizei, ging. «Sie liess sich nicht von irgendeinem Beamten in die Schranken weisen, sondern wollte mit Rothmund persönlich reden, um die Ausschaffung ihrer Gäste zu verhindern», was ihr schlussendlich auch gelang. Nach dem Krieg sei der Kontakt zu den Flüchtlingen, die in ihrem Haus wohnten, allerdings abgebrochen. Veraguth vermutet daher nur, dass das Paar in die USA emigrieren konnte.

Immer noch ein emotionales Thema

Schon lange bevor Urs Urech das Projekt ins Leben rief, befasste sich der 38-Jährige mit Themen um den Zweiten Weltkrieg. Er setzt sich seit zehn Jahren für das Na¬tional Coalition Building Institute (NCBI) ein und besuchte mit Holocaust-Überlebenden Schulklassen. Das veranlasste ihn aufzuzeigen, wie im Kanton Aargau mit der Flüchtlingsproblematik umgegangen wurde. Finanziell getragen wird das Projekt «Mutige Menschen» von einer privaten Stiftung. «Öffentliche Gelder sind schwer zu erhalten, denn meistens heisst es von staatlicher Seite, die Aufarbeitung der Geschichte sei bereits abgeschlossen», sagt Urech. Deshalb sehe man keinen Bedarf, weitere Projekte zu unterstützen. Urech findet problematisch, dass das Thema Zweiter Weltkrieg im nicht jüdischen Umfeld vielfach Abscheu hervorruft – «und trotzdem sind die Menschen emotional damit verbunden». Jeder habe aus seiner eigenen Familiengeschichte etwas zu erzählen, findet Urech. Aus diesem Grund sollen jene Erinnerungen dazu beitragen, Zivilcourage zu fördern und Rassismus und Antisemitismus zu verringern.

Weitere Informationen unter www.politischebildung.ch.