Die ganze Wahrheit

von David Landau, October 9, 2008

Die Stunde der Wahrheit wird sich wahrscheinlich, ähnlich dem ganzen Friedensprozess seit Oslo, über Wochen oder sogar Monate hinweg erstrecken. Die Sorgen btr. Ehud Baraks politischer Stärke nagen an den Chancen eines erfolgreichen Gipfeltreffens mit Arafat und Clinton.Ein Mittel, das dem Premierminister zur Verfügung steht, um während der sich hinziehenden Stunde der Wahrheit zuhause seine Position zu festigen, ist: Die Wahrheit zu sagen. Schliesslich ist der Begriff der Stunde der Wahrheit nicht einfach eine Metapher für die Zeit der Entscheidung. Er hat vielmehr auch eine wörtliche Bedeutung: Die Stunde der Wahrheit ist der Moment, in dem endlich einmal die ganze Wahrheit laut herausgesagt wird. Nach drei Jahrzehnten der Lügen, der leeren Rhetorik, des sich Windens und des zynischen Schürens von Illusionen ist es nicht leicht, mit einem Male die Wahrheit zu sagen. Der elementare Instinkt bewegt jeden israelischen Politiker dazu, Ausflüchte zu machen, oder zumindest zweideutig zu sprechen, wenn es um die Gebiete und Jerusalem geht.
Man muss Barak zugute halten, dass er begonnen hat, die Mythen zu zerschlagen. Eine Serie kontrollierter Indiskretionen aus seinem Büro führt die Öffentlichkeit mutig weg von Träumen und Illusionen und hin in Richtung auf einen palästinensischen Staat - keine Bantustan-ähnliche Enklaven, sondern einen souveränen Staat mit territorialem Zusammenhang. Nicht 60, 70 oder 80 Prozent der Gebiete, sondern über 90 Prozent, wobei über die letzten Prozente noch erbittert gestritten werden wird. Vielleicht wird sogar Gebiet ausgetauscht werden. Nicht ein «auf alle Ewigkeiten vereintes Jerusalem», sondern eine israelische Hauptstadt, in deren Herzen die Moschee mit der palästinensischen Flagge sein wird, und daneben, in Sichtweite, eine andere Kapitale, jene Palästinas. Keine Siedlungen auf jedem Hügel, sondern annektierte Siedlungsblöcke, relativ bescheiden in ihrer Grösse, und die bewusste Aufgabe all jener Dutzenden von Knochen, die im Laufe der Jahre so vorsätzlich den palästinensischen Hals hinab geschoben worden sind, im Bestreben, einen praktikabeln Kompromiss auf immer zu verhindern.
Diese willkommene Enthüllung der Fakten aber wird leider nicht, wie es sich für eine Stunde der Wahrheit geziemen würde, begleitet von ähnlich offenen und mutigen Verlautbarungen über die Gründe, die hinter der revolutionären Politik stehen, die der Premierminister verfolgt. Bei der des «Wie viel» traumatisiert Barak seine Träumer tatsächlich. Gehts aber um das «Warum», zieht er noch immer die ermüdende, chauvinistische Rhetorik der Vergangenheit vor. Die historische Errungenschaft des Abkommens liege, wie er ausführte, darin, dass 80% der Siedler unter israelischer Souveränität verweilen, und dass die meisten von ihnen den Kompromiss unterstützen werden. Das ist zweifelsohne ein Erfolg. Eine andere, sicher nicht weniger historische Errungenschaft aber wird die Schaffung einer Ära der gegenseitigen Anerkennung, der Versöhnung und des Friedens zwischen den beiden Völkern sein. Auch dies sind historische Erfolge. Und sie sind auch Ideale. Es sind von moralischer Bedeutung durchtränkte Werte. Es sind hehre Ziele, die überzeugen und inspirieren können. Talentierte Werbetexter können sich ihrer gut bedienen, eigentlich ebenso gut wie des inspirierenden aber irreführenden Slogans «Brüder werden nicht im Stiche gelassen». Sie müssen nicht im Stiche gelassen werden. Sie können ganz einfach zusammenpacken und nach Hause kommen. Zu seinem eigenen Nachteil hat Barak das hohe moralische Niveau verlassen. Er ignoriert den Krieg der Worte, die allerletzte Front, welche die Siedler für die kommenden Wochen vorbereiten in ihren Bemühungen, die Regierung zu delegitimieren und den Gipfel noch vor seinem Zustandekommen zum Scheitern zu bringen. Barak gestattet seinen nationalistischen Gegnern, den ideologischen Kampf anzuführen, während er hinterher folgt und die bereits ausgeleierten Reden hält. «Niemand wird mir Patriotismus beibringen», meinte er unlängst. «Sie haben Hebron aufgegeben, nicht ich.»
Dieses Debattierniveau ist eine Beleidigung für seine Zuhörer. Barak vermutet offenbar, dass er die idealistische, moralische und zu guter Letzt pragmatische und logische Rhetorik des alten Friedenslagers in Israel nicht übernehmen soll. Man hat sich über sie lustig gemacht und sie verfolgt, doch waren sie schliesslich die wahren Propheten. Anscheinend glaubt Barak, ihr moralisch-praktisches hohes Niveau werde im Publikum nicht gut ankommen. In den Tagen der grossen Lüge mag diese Skeptik vielleicht am Platze gewesen sein. Der Friede und seine Gefolgschaft genossen in Israel schliesslich ständig einen schlechten Ruf. Damals dominierten Zweideutigkeit und Bockmist.
Jetzt aber, da die Stunde der Wahrheit ins Haus steht, ist kein Raum für Halbwahrheiten. Gleich einem Zeugen vor dem Gericht muss ein Anführer, der den Pfad zur Wahrheit unter die Füsse genommen hat, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit erzählen. Er muss davon überzeugt sein, dass sein Publikum trotz des echten Schocks, den viele beim rauen Erwachen zur Wirklichkeit verspürt hatten, weise genug sein wird, um zwischen Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden.

Haaretz

Der Autor ist Chefredaktor der englischsprachigen Ausgabe der Zeitung «Haaretz»