Die ganz alltägliche Diskriminierung

October 9, 2008

Dass Meinungsumfragen die Realität nur bedingt abbilden, weiss man nicht erst seit heute. Fragen kann man so oder so stellen. Entsprechend werden die Antworten ausfallen, entsprechend die Interpretationen und Analysen, die sich aus diesen Antworten ergeben. Ohne hermeneutischen Kontext sind nackte Zahlen, wie sie eine Umfrage bietet, mit Vorsicht zu geniessen.
Dies gilt für Umfrageergebnisse ganz allgemein; es gilt besonders aber dann, wenn es bei der Erhebung um so subjektive Dinge geht wie Einstellungen und Ansichten: Zum Beispiel um Antisemitismus. Was verstehen die Befrager unter Antisemitismus? Wie definieren sie ihn? Solange ich das nicht weiss, weiss ich nicht, wie antisemitisch die Bevölkerung ist, die es zu untersuchen galt. Die Autoren der jüngsten Antisemitismus-Umfrage in der Schweiz wollten unter anderem wissen, ob man Juden als Nachbarn akzeptiere und ob man glaube, dass die Juden das Andenken an die Shoah zu ihrem Vorteil nutzten. Lautete im einen Fall die Antwort nein, im anderen ja, schloss man daraus auf eine antisemitische Grundhaltung der Befragten. Zu recht, wie ich meine. Dahinter steht die Abneigung, dahinter verbergen sich uralte Vorurteile wie dasjenige von jüdischem Machstreben und jüdischer Geldgier. Und wenn die gleichen Leute dann auch noch der Meinung sind, die Juden seien schuld am Tode Jesu, dann steckt man schon tief drin in jenem antijüdischen Komplex, wie ihn die christlichen Kirchen über Jahrhunderte hinweg gepflegt haben.
Doch was ist mit jenen, die solch plumpe Ansichten nicht teilen? Sind sie von vorneherein frei zu sprechen von judenfeindlichen Anfechtungen und antisemitischen Regungen? Ich meine: nein. Antisemitismus beginnt nicht erst dort, wo ich meine Wohnung nicht an Juden vermiete, und auch nicht erst dort, wo hinter der berechtigten Forderung nach Entschädigung für erlittenes Unrecht jüdischer Eigennutz vermutet wird. Wo in diesem Zusammenhang von Erpressung die Rede ist, da beginnt der Antisemitismus nicht; da ist er längst manifest.
Diesem manifesten Antisemitismus aber geht ein latenter Antisemitismus voraus. Ihn gälte es zu orten; denn er enthält den Keim zu einer Krankheit, die jederzeit ausbrechen kann. Mit herkömmlichen Umfragen ist dieser, sagen wir mal, Disposition jedoch kaum oder gar nicht beizukommen. Dazu ist sie viel zu subtil und den meisten ihrer Träger auch viel zu wenig bewusst. Diesem latenten Keim des Antisemitismus auf die Spur zu kommen, stellt für Nicht-Juden eine lebenslange Aufgabe dar. Besonders angenehm ist sie nicht. Denn es gilt, sich einzugestehen, dass er Teil unserer christlich-abendländischen Tradition ist und dass ein jeder und eine jede von uns ihn unter Umständen selber in sich trägt. Er kann sich überall und jederzeit äussern. Zum Beispiel dort, wo bei der Nennung eines Namens mit einer kaum merklichen Hebung der Augenbrauen die Frage nachgeschoben wird: «Sind das Juden?» Warum muss ich das wissen? Etwa, um bei der erstbesten Gelegenheit ein mich störendes Verhalten dieser Person als \"typisch jüdisch\" abtun zu können? Zuordnung als Auftakt zu Ausgrenzung und Diskriminierung? Ich denke, ja. Ich denke, auch wenn es noch so harmlos scheint, dass es hier beginnt. Jeder Form von Diskriminierung geht eine solche Markierung voraus. Ich muss erst wissen, wer der zu Diskriminierende ist, damit ich ihm gewisse Eigenschaften zuordnen und ihn später aufgrund dieser Eigenschaften ausgrenzen kann. Im Mittelalter waren es die spitzen Hüte, die Nazis benutzten den gelben Stern. Wir haben subtilere Formen entwickelt. Wir unterscheiden fein säuberlich zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Schweizern, um bei der erstbesten Irritation sagen zu können: «Das sind halt Juden». Diskriminierung geht immer mit Entpersönlichung einher: Ich habe etwas gegen Frau X und Herrn Y - nicht auf Grund individueller Eigenschaften, sondern weil sie Juden sind. Mit ihnen als Individuen brauche ich mich hinfort nicht mehr auseinander zu setzen.
Damit soll allerdings beileibe nicht der irrigen Meinung Vorschub geleistet werden, man dürfe Juden nicht kritisieren und es sei einer bereits ein Antisemit, wenn er an der israelischen Siedlungspolitik Anstoss nimmt. An der israelischen Politik lässt sich vieles aussetzen. Und unter Juden finden sich nicht weniger unsympathische Leute als anderswo. Nein, die Diskriminierung beginnt dort, wo ich das Individuum nicht mehr als Individuum beurteile, sondern als Angehörigen einer bestimmten Gruppe. Diskriminierung findet dann statt, wenn ich ihm Eigenschaften zuschreibe, die ich zuvor als Stereotypen dieser Gruppe definiert habe. Was antijüdische Stereotypen sind - Geschäftstüchtigkeit und Geldgier z.B. im sekulären, Legalismus und alttestamentarische Unversöhnlichkeit im religiösen Kontext -, wissen wir im Grunde ziemlich genau; sie zu belegen oder gar einzuklagen ist jedoch unendlich schwer. Und doch meine ich, dass wir unser Bewusstsein für diese Mechanismen schärfen müssten, wenn wir wissen möchten, welche Chancen der Antisemitismus in der Schweiz tatsächlich hat.
Die Diskussion um das nachrichtenlose Vermögen und die Mitverantwortung unseres Landes am Tod jüdischer Flüchtlinge hat den Antisemitismus nicht verursacht; sie hat ihn nur geweckt. Im jüngsten Versuch, nun auch der jüdischen Seite einen Teil der Schuld am Flüchtlingselend in die Schuhe zu schieben, ist dies auf perfide Weise offenbar geworden. Wo auch die Opfer schuldig sind, fühlen sich die Täter frei. Die Rücksichten fallen, und die Spirale der Diskriminierung beginnt sich aufs neue zu drehen.

Die Autorin ist Redaktorin und Moderatorin der Sendung «Sternstunden» von SF DRS.