«Die Finanzkrise hat eine spirituelle Dimension»
Am vergangenen Wochenende war Grossbritanniens Oberrabbiner in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich zu Gast und zog mit seinen Auftritten Hunderte von begeisterten Zuhörern an. Im Gespräch mit tachles äussert sich Jonathan Sacks zum World Economic Forum (WEF) in Davos, den Herausforderungen für die jüdische Gemeinschaft und zur Finanzkrise.
TACHLES: Das Hauptthema am WEF in Davos, an dem Sie während drei Tagen anwesend waren, war die Finanzkrise. Was haben Sie als spiritueller Führer dabei für Eindrücke erhalten?
JONATHAN SACKS: Das WEF braucht mehr denn je spirituelle Werte, denn die Finanzkrise weist durchaus auch eine spirituelle Dimension auf. Erstens wurde sie durch Leute in Gang gebracht, die mehr Geld ausgegeben haben, als sie besassen, um Dinge zu kaufen, die sie gar nicht brauchten. Das heutige Wertesystem steht im absoluten Widerspruch zu jüdischen Werten; die heutige Kultur zielt darauf ab, den Hunger nach dem zu wecken, was wir nicht haben. Die Ökonomen – und wir alle – beginnen nun zu sehen, dass wir statt auf das Wachstum des Bruttoinlandprodukts eher auf das Wachstum des «Bruttoinland-Glücklichseinfaktors» achten sollten. Das ist eine Wende hin zu spirituellen Werten. Zweitens lehrt uns die Religion, langfristig zu denken, das Profitdenken der jüngeren Zeit war aber ausschliesslich kurzfristig statt nachhaltig. Wenn religiöse Stimmen die Geschäfts- und Finanzleute zu langfristigem Denken anhalten können, würde das bereits helfen, eine nächste Krise zu vermeiden. Und drittens müssen wir diese Gelegenheit entsprechend nützen. Wie heisst es so schön: Verschwende nie eine Krise!
Die derzeitige Krise hat allerdings viele jüdische Vermögen vernichtet …
Ich mag hier gar nicht von einzelnen Gruppen sprechen und etwa die jüdischen Geschädigten isoliert betrachten. Es ist eine universelle Krise, unter der Menschen jeglicher Herkunft zu leiden haben.
Gruppen, die sich voneinander entfernen, gibt es innerhalb des Judentums vor allem auf religiöser Ebene. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Nun, für die Juden in England habe ich dazu zwei Grundsätze aufgestellt. Erstens: Bei allem, was uns als Juden insgesamt betrifft, werden wir ohne Rücksicht auf unsere religiösen Differenzen zusammenstehen. Zweitens: Was unsere religiösen Differenzen betrifft, einigen wir uns darauf, unterschiedlich zu sein – und zwar mit Respekt voreinander. Gemäss dieser Devise arbeite ich mit nicht orthodoxen Rabbinern zusammen, solange es um Dinge wie Antisemitismus, den interreligiösen Dialog und Ähnliches geht. Auf der religiösen Ebene arbeiten wir nicht zusammen, begegnen uns aber mit Respekt und können durchaus auch persönliche Freundschaften unterhalten.
Sie sind eine der führenden Persönlichkeiten im interreligiösen Dialog. Wie beurteilen Sie den derzeitigen Stand dieses Austausches?
Während fast 2000 Jahren waren Christen und Juden Feinde, heute können wir als Freunde zusammenstehen. Ich war jüngst – und so etwas geschah zum ersten Mal überhaupt – mit sämtlichen britischen Religionsführern gemeinsam in Auschwitz: Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten, Sikhs und etliche weitere. Wir alle zündeten Kerzen an und beteten gemeinsam. Der Erzbischof von Canterbury sagte ein Gebet, ich sagte ein Gebet. Ich stehe diesen Leuten heute sehr nahe, und es geschehen Dinge, die früher nicht geschehen konnten.
Gilt das auch für die Basis: Gibt es denn nicht Probleme, beispielsweise zwischen Muslimen und Juden? Wie könnten diese allenfalls gelöst, könnte Vertrauen geschaffen werden?
Ich bemühe mich sehr darum, gerade mit den moderaten Muslimen eine Zusammenarbeit und eine Vertrauensbasis zu finden. So habe ich beispielsweise das Privileg, bei der BBC jährlich eine halbstündige Botschaft an die Nation vortragen zu dürfen, und die letzten drei Male habe ich diese Sendezeit mit Freunden aus der muslimischen Gemeinde geteilt. Als weiteres Beispiel gibt es in Birmingham eine orthodoxe jüdische Schule, die mir untersteht, an der ungefähr die Hälfte der Kinder Muslime sind. Die jüdische Gemeinde ist zu klein, um die Klassen zu füllen. Und es gibt muslimische Familien, die extra in die Nähe der Schule gezogen sind, nur um ihre Kinder an diese jüdische Schule schicken zu können.
Sollte man aus allen jüdischen Schulen gemischte Schulen machen?
Nein, das nicht, es gibt auch andere Wege. So gehört es zum Programm der mir unterstehenden Schulen, dass sie die Schüler unterrichten, hinauszugehen, gute Bürger zu sein und gegenüber Nichtjuden «chesed» zu beweisen.
Gerade in Grossbritannien gibt es aber viele Juden, die vor der muslimischen Gemeinde Angst haben. Was sagen Sie denen?
Darüber muss man nicht nur zu den Juden sprechen, das ist eine Angelegenheit, die alle und auch die Regierung betrifft. Ich bin dagegen, Antisemitismus mit Worten und Methoden zu bekämpfen, die nur die Juden ansprechen. Juden wissen, was Antisemitismus ist, für die anderen ist er schwer zu verstehen. In dieser Hinsicht arbeite ich mit der Regierung zusammen. Im Februar wird das Aussenministerium in London die weltweit erste internationale staatsübergreifende Konferenz über Antisemitismus abhalten. 40 Länder werden daran teilnehmen. So muss man Antisemitismus bekämpfen – mit den Regierungen. Dies erstreckt sich auch auf sämtliche Schulen, die von einer Glaubensrichtung privat unterhalten werden. Heute will die Regierung wissen, was dort unterrichtet wird, und für bestimmte Dinge schreibt sie vor, was wie unterrichtet wird.
Was sind aus Ihrer Sicht heute die Herausforderungen an die jüdische Welt?
An erster Stelle der Antisemitismus. Zweitens die Darstellung Israels in den Medien. Dabei sind die Bedrohungen, denen sich Israel ausgesetzt sieht, bei weitem das Wichtigste – mit einer iranisch gesponserten Hizbollah im Norden, der Hamas im Süden, dem Iran auf dem Weg zur Atommacht. Die aktuelle Kampagne in Gaza ist die am besten vorbereitete, die es je gab. Israel wusste ja, dass Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht würden, und gab sich jede erdenkliche Mühe, zivile Opfer zu vermeiden. Und trotzdem sehen wir in ganz Europa, wie Israel verurteilt wird. Wenn aber Israel nicht gegen Terroristen kämpfen darf, die sich unter Zivilisten mischen, wird die ganze Welt nicht imstande sein, sich dem Terror entgegenzustellen. Die Probleme, die Israel mit der Hizbollah und der Hamas hat, sind die gleichen wie jene, die die Welt mit al-Qaida und anderen Gruppen hat.
Sind das Probleme, die Israel mit Terrororganisationen hat, oder sind es Probleme zwischen Juden und Muslimen?
Die Kombination von Religion und Politik ist wohl die gefährlichste, die es überhaupt geben kann. Wenn man ein politisches Problem hat, kann man eine politische Lösung erreichen. Wenn aber ein politisches Problem erst einmal mit Religion verknüpft worden ist, ist es untrennbar mit Absolutismus verbunden und kann nicht mehr gelöst werden. Das kommt daher, dass in der Politik der Kompromiss als Tugend gilt, in der Religion aber als Sünde. Deshalb müssen wir so hart wie nur möglich daran arbeiten, zu vermeiden, dass politische Konflikte zu religiösen Konflikten werden.
Sind Sie folglich dagegen, dass sich die Rechtsprechung in England mit Scharia-Gesetzen vermischen soll?
Ja, total dagegen. Ich bin aber auch entschieden gegen religiöse jüdische Parteien in Israel.
Religion und Politik müssten vollständig getrennt sein?
Religion und Macht, ja. Das steht bereits im Tenach. Aber damit stehe ich nicht alleine. Das Judentum war die erste Religion, welche die Trennung dieser Kräfte immer schon vorschrieb.
In Israel gibt es sie allerdings heute noch nicht.
Richtig. Und deshalb bin ich der Meinung, dass alle israelischen religiösen Parteien von der Regierung ausgeschlossen werden sollten. Das kann natürlich nicht über Nacht geschehen und wird mindestens eine Generation benötigen. Aber es ist nötig.
Gesellschaften weltweit stehen vor Herausforderungen, auch die jüdische. Was würden Sie diesen mit auf den Weg geben?
Die Kraft des jüdischen Volkes ist die Freude an Gott. Ich weiss, dass das jüdische Volk sich Sorgen macht, dass es Antisemitismus in Europa sieht und Gefahr in Israel. Auch ich mache mir Sorgen. Aber unsere Aufgabe ist es, die Kraft zur Freude zu haben. Das 21. Jahrhundert ist jenes der Verunsicherung. Aber im Judentum haben wir ein Fest, das ich das Fest der Verunsicherung nenne. Es heisst Sukkot. Wir verlassen die Sicherheit unseres Hauses, wir setzen uns in eine Laubhütte, sind dem Regen, dem Wind und der Kälte ausgesetzt. Und wie nennen wir es? «Sman simcha», «Zeit der Freude». Wir sind die Menschen, die in Unsicherheit leben und uns immer noch des Lebens erfreuen können. Das ist unsere grosse Stärke.