Die Esther-Exegese im Sturm der Zeit
Während die meisten der Kommentare in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Mordechai, Esther und überhaupt der jüdischen Gemeinschaft jener Zeit äusserst kritisch gegenüberstanden und ihre Handlungsweise in schärfster Art verurteilten, sind in den letzten Jahrzehnten ganz andere Stimmen zum Estherbuch zu hören. Dabei handelt es sich nicht um rein wissenschaftliche Abhandlungen, die den Text, seine Übersetzungen und seinen geschichtlichen Hintergrund betreffen, sondern vielmehr um Urteile (respektive Vor-Urteile!) der Forscher bezüglich der Beurteilung der zentralen Gestalten im Estherbuch und ihrer Taten3.
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Viele der christlichen Kommentare zum Estherbuch erklären - basiert auf eine der Bemerkungen Luthers - dass die Esthergeschichte nicht in die Bibel gehört und dass Esther, Mordechai und ihre Anhänger im eigentlichen Sinne zu verabscheuen sind.
«Ich scheide gern von diesem einzigen mir widerlichen Buch des Alten Testaments, aus welchem die Juden wegen seines \"gottlosen\" Inhalts den Gottesnamen entfernt haben. Aus dem Kanon hätte dies zur Travestierung geeignete Buch längst entfernt werden sollen».4
Auch sehr zentrale Exegeten der Bibel schrecken nicht vor äusserst unwissenschaftlichen und tendenziösen Kritiken am Estherbuch zurück. L.B. Paton, der das Buch im Rahmen der berühmten Serie des International Critical Commentary (ICC) erklärt (Edinburgh 1908/1967), schreibt unter anderem: In diesem Buche gibt es keinen noblen Charakter. Esther, um zu Reichtum und Macht zu gelangen, nimmt ihren Platz innerhalb der Mädchen ein, die Mätressen des Königs werden! Sie verschweigt ihre Abkommenschaft, ist erbarmungslos gegen den gefallenen Feind (7, 6-10) und sorgt nicht nur dafür, dass die Juden der Gefahr entfliehen, sondern auch, dass sie ihre Feinde überfallen, Frauen und Kinder abschlachten und ihren Besitztum plündern! (8, 11; 9, 2-10).
Moralisch steht das Esterbuch weit hinter dem allgemeinen Niveau des Alten Testaments oder sogar der Apokryphen. Das Urteil Luthers ist nicht zu streng: «Ich stehe diesem Buch so feindlich gegenüber, dass ich wünschte, es würde nicht existieren.»5
Die Vorurteile dieses Kommentators lassen ihn den Text des Estherbuches völlig falsch lesen. So sagt er zum Beispiel, Esther wollte durch ihre königliche Position zu Macht und Reichtum kommen, dabei wird im Buche betont, dass Esther keineswegs freiwillig in den Harem kam, sondern durch ein königliches Gesetz dazu gezwungen wurde6. Im Weiteren stellt Paton fest, die rachesüchtigen Juden hätten Frauen und Kinder getötet und deren Besitztum geplündert. Aber in der Esther-Rolle steht gerade das Gegenteil! Von Frauen und Kindern (ausser den Söhnen Hamans) ist nirgends die Rede - dagegen wird betont, dass sich die Juden nur gegen jene wehrten, die sie angriffen (9, 1-5)7. Im Weiteren wird dreimal wiederholt - und diese Aussage wird somit zum Leitmotiv! - dass die Juden, obwohl dazu ermächtigt (8, 11) keine Beute nahmen: «An der Beute vergingen sie sich nicht» (9, 10-15-16)!
Andere weitbekannte Exegeten werden in ihrer Kritik am Estherbuch noch \"persönlicher\" und vergleichen die Juden jener Zeit direkt mit den zionistischen Zeitgenossen des Kommentators. So schreibt R.H. Pfeiffer in seiner Einführung zum Alten Testament (New York, 1941, 713-44):Gott und Judentum haben keinen Platz in diesem Buche, dem einzigen Buche in der Bibel, in dem Gott nicht erwähnt ist. Es ist klar: Dieses Buch ist absichtlich nicht religiös, weil der Autor bedenkenlos alle Hinweise auf jüdische Frömmigkeit auslässt, auch wenn der Text dies zu erfordern scheint! Seine chauvinistische Loyalität zu seiner Rasse, wie im Falle von manchen modernen Zionisten, hat keine Beziehung zur Religion. Auch in diesem Falle scheint das Vor-Urteil ein ausgewogenes Urteil zu verunmöglichen. Wie kann man - wenn man die Esther-Rolle genau liest - sagen, dass das Buch jüdischen Glauben und Gesetz in keiner Weise erwähnt?! Steht nicht im Buche, dass Mordechai - als Jude! - sich vor Haman nicht verbeugen will (3, 4) und er deshalb alle Juden (3, 6) in Gefahr bringt?8 Ist in der Esther-Rolle nicht ausdrücklich von Fasttagen und Gebeten der Juden die Rede (9,31; auch 4,16)? Und gibt Mordechai nicht ausdrücklich seinem Glauben an Gottes Vorsehung Ausdruck (4,14)? Die drei erwähnten Kommentare sprechen eine klare Sprache und es ist nicht nötig, in Einzelheiten weitere Quellen zum Estherbuch zu bringen, die es mit äusserst negativen Aussagen \"beehren\" (wie etwa «grauslich blutdürstige Geschichte», «bluttriefende Erzählung», «schaudervoll», etc.)9. Viele (nicht alle!) christliche Kommentatoren zum Estherbuch im ersten Teil des 20. Jahrhunderts entwickeln ihre Untersuchungen zur Esther-Rolle in dieser negativen Richtung.
Es ist interessant, dass sich auch manche jüdischen Theologen an dieser Anti-Esther-Polemik beteiligen. Nachdem schon Abraham Geiger sich in 19. Jahrhundert negativ zum Estherbuch geäussert hat, erklärt Shalom Ben Chorin klipp und klar (Kritik des Estherbuches, Jerusalem, 1938, 5): Ich schlage vor, das Purim-Fest vom jüdischen Kalender und das Buch Esther aus dem Kanon der Heiligen Schriften auszuschliessen! Fest und Buch sind eines Volkes unwürdig, das gewillt ist, seine nationale und sittliche Regeneration unter ungeheuren Opfern herbeizuführen; stellen sie doch eine Verherrlich der Assimilation, des Muckertums, der hemmungslosen Erfolgsanbeterei dar. Bei genauer, objektiver Lektüre des Textes muss man sich fragen, wo eigentlich die Assimilation verherrlicht wird und ob wir in einer Geschichte, in der eine Königin sich immer wieder - auch unter Todesgefahr - für ihr Volk einsetzt (3,16 und 6,81), von «Muckertum» und «hemmungsloser Erfolgsanbeterei» sprechen können.
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In vielen Esther-Kommentaren, welche in den letzten 50 Jahren entstanden sind, stellen wir eine radikale Änderung der Einstellung zum Buche und seinen \"Helden\" fest.
So sind zum Beispiel im tiefgehenden Kommentar von H. Bardtke im Rahmen des KAT (Kommentar zum Alten Testament) neben gewissen kritischen Bemerkungen zum Buche ganz klare Worte des Verständnisses für Mordechais und Esthers Verhalten hörbar (Gütersloh 1963, 405-6):Vielmehr wird man den Ursprung des Konfliktes nicht allein in Mordechais Verhalten sehen dürfen, sondern auch in der masslos zurückschlagenden Rache des Haman, der sogleich auf eine Endlösung (!) der Judenfrage ausgeht! Die Erhaltung des Volkes in der Geschichte ist also von tapferer jüdischer Selbstbehauptung abhängig, aber nicht nur. Die irrationalen Hilfen, die sich einstellen, die verborgene Lenkung der Ereignisse sind das Eigentliche und Wesentliche.
Ähnlich, jedoch kurz und zusammenfassend urteilt Michael V. Fox, der ganz ausdrücklich die Kritik seiner Vorgänger zurückweist (Character and Ideology in the Book of Esther, South Carolina, 1991, 220-1):
Esthers Wünsche und Mordechais Erlass und das Verhalten des Volkes in seinem Lebenskampf werden verurteilt als Ausdruck von Aggressivität, Brutalität und Rachsucht! Solche Kritik ist jedoch unberechtigt: Der Kampf der Juden war notwendig, defensiv und berechtigt.
Man fragt sich, warum solche so verständnisvollen Exegesen zum Estherbuch die älteren, recht antisemitisch anmutenden Erklärungen verdrängt haben und ihren Weg in die Bibelexegese fanden. Die Antwort liegt auf der Hand: Der Holocaust.
Nach all den Leiden, die den Juden durch den modernen Haman zugefügt wurden, hat auch die \"wissenschaftliche\" Welt bedeutend mehr Verständnis für eine Erzählung, die vom Kampf der Juden gegen ihre Widersacher berichtet. In der biblischen Geschichte wie in ihrer modernen Parallele handelt es sich um den Plan für einen Genozid, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Während in der älteren Exegese nicht Haman und seine Komplizen für ihren völlig unbasierten Judenhass kritisiert werden, sondern die Juden, welche ihr Leben retten wollten, so sieht die moderne Exegese die Situation anders und erklärt das Verhalten Mordechais und Esthers als unvermeidliche, von den damaligen Lebensbedingungen her erforderliche Massnahmen zur Rettung des jüdischen Volkes!
Manche der Kommentatoren, wie zum Beispiel Arndt Meinhold, erwähnen ausdrücklich den Holocaust als moderne Parallele zur Esther-Geschichte (Das Buch Esther, Zürich, 1983, III):
Heute hat die Menschheit das grauenhafte geschichtliche Beispiel vor Augen, dass eine verbrecherische Machtpolitik ernst machen kann mit der Ausrottung der Juden in Europa und dass dies keine Gegengewalt rechtzeitig verhindert. Christliche Kritik an der jüdischen Gewaltanwendung im Estherbuch wird angesichts der Gegebenheiten im Buch und Vergehen gegen die Juden allein im 20. Jahrhundert leicht in den Verdacht kommen, praktisch der Gewalt das Wort zu reden, die das jüdische Volk zu vernichten sucht10. In einem der Kommentare wird sogar betont, dass die Esther-Rolle vielleicht fiktiven Charakter hat, dass aber die reale Geschichte die Möglichkeit solcher furchtbarer Ereignisse bezeugt (Old Testament Survey, Grand Rapids, 1982, 541):
Manche entziehen sich der Problematik der Ereignisse im Estherbuch, indem sie sagen, die Dinge hätten sich in Wirklichkeit gar nicht zugetragen. Aber solche Geschehnisse ereignen sich - wie dies die Horrortaten in den Kreuzzügen oder der Terror des Holocaust bezeugen. Wie klar zu erkennen ist, wurden Mordechai und Esther nach den Schreckenszeiten im Zweiten Weltkrieg auch in der wissenschaftlichen Literatur «rehabilitiert». Plötzlich wurde die Esther-Geschichte nun verstanden. Aktuelles Geschichtserlebnis lässt eben auch vergangene Tage in einem anderen Licht erscheinen.
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Die in unserem Artikel zusammengefassten Kommentare zum Estherbuch beweisen recht deutlich, dass die Exegese der Bibel nicht nur von objektiven historisch-sprachlichen Untersuchungen geprägt, sondern weitgehend auch von subjektiven Zeit-Erlebnissen der Kommentatoren beeinflusst ist. Wegen dieser subjektiven, zeitbedingten Elemente in der Exegese ist es besonders wichtig, dass wir uns bei jedem Bibel-Studium unserer Vorurteile bewusst sind und sie zu überwinden suchen, um den biblischen Text in bestmöglicher Weise zu deuten. Nur so kann das biblische Wort auch für unsere Generation in wahrheitsgetreuer und verständlicher Weise wieder lebendig und wegweisend werden.
1 In der griechischen Übersetzung des Estherbuches, der Septuaginta, finden wir 107 (!) neue Sätze, die im traditionellen Text nicht existieren. Schon Benno Jacob hat sich in seiner Dissertation mit diesem Thema befasst: Das Buch Esther bei den LXX (Giessen 1890).
2 Die mittelalterlichen Kommentare hat Barry Dov Walfish in seinem Buche Esther in Medieval Garb (NewYork 1993) ausführlich analysiert.
3 Verschiedene Studien befassen sich mit der Geschichte der Esther-Exegese in der neueren Zeit. Vgl. dazu Elias Bickerman, Four Strange Books of the Bible (New York, 1967), 211-218, und Wolfram Herrmann, Esther im Streit der Meinungen (Frankfurt am Main, 1986).
4 Georg Jahn, Das Buch Esther nach der LXX hergestellt (Leiden, 1901), XV.
5 Der Kommentar von Patton wurde immer wieder von neuem gedruckt - die in unserem Aufsatz erwähnten problematischen Stellen jedoch auch in den Neuausgaben belassen.
6 \"Watilakach\" heisst es zweimal (2, 8, 16) im Zusammenhang mit Esther, \"sie wurden gewaltsam genommen\" (vgl. Genesis 12, 15). Auch wird klar betont, dass die Beteiligung der Mädchen ein königlicher Zwang war und die Kandidatinnen rücksichtslos zusammengepfercht wurden (2, 3, 8).
7 Das projüdische Gesetz, das den Juden erlaubt, ihre Feinde (auch Frauen und Kinder) zu töten und zu plündern, ist wörtlich wie der Erlass Hamans gegen die Juden formuliert (3, 13; 8, 11), aber die Esther-Rolle betont, dass die Juden von ihrem Privileg keinen Gebrauch machten.
8 Es ist festzuhalten, dass im Abschnitt über die Verbeugung vor Haman dreimal (!) betont wird, dass es sich um einen religiösen Kultakt handelt, ist doch immer von \"lichro-a, welehischtachavot\" (3,2,2,5) die Rede, einem Ausdruck, der so nur im Zusammenhang mit Gottesdienst oder Götzendienst benutzt wird.
9 Vgl. Wolfram Herrmann, op. Cit. 24
10 Der Kommentar Meinholds, der im Rahmen der Zürcher Bibelkommentare erschienen und «Dem Volk des Buches» gewidmet ist, trägt zum Verständnis unserer These, dass der Holocaust einen entscheidenden Einfluss auf die Bibelexegese zum Estherbuch hatte, viel Grundlegendes bei.