Die Erfolgsgeschichte von Zingerman´s
An einem gewöhnlichen Sonntagnachmittag kann man die Menschenschlange auf der Detroit Street in Ann Arbor schon von Weitem sehen. Dutzende warten geduldig darauf, in das rote Backsteingebäude an der Ecke East Kingsley Street reingelassen zu werden. Freundliche Verkäuferinnen kommen mit Kostproben vorbei, um die Kunden bei Laune zu halten. Wartezeit: etwa 40 Minuten. Preis für ein Sandwich: 10 bis 15 Dollar.
Willkommen bei Zingerman’s, einem Unternehmen, das über 30 Millionen Dollar Jahresumsatz macht, knapp 600 Mitarbeiter hat und trotzdem bodenständig wirkt. Das Feinkostgeschäft wurde 1982 von Paul Saginaw und Ari Weinzweig gegründet und begann als traditionelles, wenn auch nicht koscheres, jüdisches Delikatessengeschäft.
Keiner der beiden Gründer hatte einen gastronomischen Hintergrund. Der aus Chicago stammende Weinzweig studierte russische Geschichte, der gebürtige Detroiter Saginaw Zoologie, als sich die beiden an der University of Michigan kennenlernten. Die beiden erkannten schon bald ihren gemeinsamen Traum: Sie wollten ein New Yorker Deli in die Universitätsstadt bringen.
Kochtipps von den Müttern
Sie nahmen 20 000 Dollar Kredit auf, holten bei ihren jüdischen Müttern Kochtipps ein und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
Auf der Suche nach einem jüdischen Namen für ihr Geschäft hatten die beiden eigentlich vor, den Laden Greenberg’s zu nennen, aber kurz vor der Eröffnung erfuhren sie, dass bereits jemand den Namen registriert hatte. Nach ein paar Bieren erfanden sie den Namen Zingerman’s.
Heute ist das Unternehmen landesweit bekannt und führt neben dem Originalgeschäft auch ein Café, eine Bäckerei, ein Restaurant, einen lukrativen Versandhandel und andere Geschäftszweige, die alle in Ann Arbor ansässig sind. Angebote, den Namen zu verkaufen und Filialen in anderen Städten zu eröffnen, gab es viele, aber die Unternehmer lehnten dankend ab.
Ihr Konzept ist einfach: Eine kundenfreundliche Grundeinstellung und ein Akzent auf teure, aber qualitativ hochwertige Produkte, die von Weinzweig und Saginaw selbst ausgesucht werden.
Zu den Gaumenfreuden, die man bei Zingerman’s bekommt, zählt Olivenöl aus Italien, Butter aus Irland, Honig aus Frankreich oder Fleisch von Biobauernhöfen in Kalifornien. Und dann gibt es natürlich die Backwaren aus der hauseigenen Bäckerei.
Zingerman’s hat vor ein paar Jahren seinen Standort auf der Detroit Street ausgebaut, und neben dem Feinkostladen befindet sich nun ein Café, der gemeinsame Hof hat Sitzgelegenheiten im Freien. Das Unternehmen plant, in der Region Ann Arbor zu bleiben, verdankt es doch seinen landesweiten Erfolg der Stadt.
Faire Arbeitsbedingungen
Die in Ann Arbor ansässige University of Michigan zählt zu den besten des Landes, und es gibt kaum einen der über 42 000 eingeschriebenen Studenten, der Zingerman’s nicht kennt. Bedenkt man noch, dass die Alumni-Verbände der Universität fast eine halbe Million Mitglieder haben, wird einem klar, dass Zingerman’s Erfolg in einer anderen Stadt nicht ganz so leicht möglich gewesen wäre.
Bei all dem Erfolg überrascht es zu erfahren, dass die Gewinnspannen, die das Unternehmen offen darlegt, hauchdünn sind. Das Feinkostgeschäft, das einen Umsatz von zehn Millionen Dollar generiert, verdient etwa 3,5 Prozent davon. Der Versandhandel mit einem Jahresumsatz von etwa acht Millionen Dollar macht etwa fünf Prozent Gewinn. Die magere Gewinnspanne hat mit den qualitativ hochwertigen Produkten zu tun, die Zingerman’s anbietet. Hinzu kommt die äusserst faire Behandlung der Angestellten, welche grosszügige Stundenlöhne, Ferien, eine Krankenversicherung und Gewinnbeteiligung erhalten.
Es ging Paul Saginaw und Ari Weinzweig nie darum, Gewinne zu erzielen, sondern ein Dienstleistungsunternehmen zu kreieren, das die Einstellung zum Essen verändert. Und seit fast 30 Jahren sind sie damit sehr erfolgreich.