Die dritte Front
Das Müller-Syndrom. In Gaza herrscht Krieg, und hier ist der Teufel los. Die Schlacht der Worte, Manifestationen, Schmierereien, Kundgebungen, Verlautbarungen, schlicht das Bedürfnis nach dem Zeigen von Betroffenheit und Ohnmacht macht sich unter Menschen – gleich welcher Position – breit. Nun ist es völlig legitim, dass Solidarität bekundet wird. Es ist völlig legitim, wenn hier Palästinenser auf die Strasse gehen, es ist völlig legitim, dass Menschen sich für oder gegen Israels Offensive aussprechen. Doch sind nicht alle Mittel legitim. Zu oft wird der Konflikt als Plattform für persönliche Antipathien, Diskriminierungen, Projektionen und Ignoranz missbraucht. Zu oft wird verurteilt, was von hier schwer zu beurteilen ist. Der Nahostkonflikt ist kein Fussballspiel, aus dem der eine oder der andere als Sieger oder Verlierer hervorgehen wird. Dieser tragische Zwist ist einer, den nur beide verlieren oder beide gewinnen können. Wer allerdings hierzulande die einen gegen die anderen in Nahost auszuspielen beginnt, mit Rhetorik, Aktionismus, Demagogie und Propaganda das Spiel der Meinungen selbstgerecht zelebriert, trägt nicht zur Lösung, sondern zur Verlängerung der Krise bei. Und er macht sich zum Komplizen des Unrechts. Was das Recht von Privatmenschen sein darf, muss für die Politik tabu sein. Erst recht dann, wenn sie glaubwürdig, neutral, der Sache der Humanitas verpflichtet sein will.
Die politische Karikatur. Was logisch klingt, ist nicht jedem klar. So vollführte Geri Müller in den letzten Tagen einen regelrechten verbalen Seiltanz der Wortklaubereien. Der vermeintliche Privatmensch, der öffentlich an einer Anti-Israel-Kundgebung aufgetreten sein wollte und nicht wahrhaben möchte, dass das Präsidium der aussenpolitischen Kommission des Nationalrats nicht nach Gutdünken abgelegt werden kann. Die verständliche Betroffenheit Müllers ob der zivilen Opfer in Gaza mündet in unverständlichen Funktionsmissbrauch. Denn kein Mensch würde sich für Müller interessieren, wäre er nur ein friedensengagierter Nationalrat. Und kaum jemand möchte ihm die Moralsalven im Namen der humanitären Schweizer Tradition abnehmen. Denn der um die Zivilgesellschaft besorgte Müller ging nicht gegen die Hamas-Angriffe auf Israels Zivilbevölkerung auf die Strasse, auch nicht gegen die Geiselnahme der palästinensischen Zivilbevölkerung durch militante Widerstandskämpfer. Müller hat monate- und jahrelang schweigend zugeschaut, als Hamas oder Al-Aksa-Brigaden Israel herauszufordern versuchten und Zivilisten auf der anderen Seite ins Visier nahmen. Er gerät nicht in Rage, wenn die Hamas palästinensische Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilder installiert. Und er ging auch nicht für die Zivilbevölkerung in Darfur, Kongo, Tschetschenien oder gegen die Diskriminierung der Frauen in Iran auf die Strasse. Der grosse Schweiger wird erst jetzt mit einem Male beredt.
Die Komplizen des Unrechts. Die redliche Sorge um Zivilbevölkerungen ist ein hehres Anliegen, das allerdings dann als aufgesetzte Maske entlarvt wird, wenn das Leid der einen gesehen und das der anderen ignoriert wird. Wenn Politiker Frieden predigen und mit Worten Menschen entzweien, wenn Funktionäre die eigene Agenda über das Leid derer stellen, die sie zu vertreten vorgeben, nur um Öffentlichkeit zu erheischen, dann gehören sie des Feldes verwiesen, damit die Opfer auf beiden Seiten nicht zu Marionetten selbstsüchtiger, blinder Funktionäre degradiert werden.