Die dritte Diaspora

Von Beatrice Schmid, October 4, 2010
Saloniki, einst bekannt als «Jerusalem des Balkans», war bis 1943 Heimat einer Ladino sprechenden sephardischen Gemeinde. Heute leben die Nachfahren der sephardischen Juden aus dem Osmanischen Reich in alle Welt zerstreut.
JÜDISCHE REISEGRUPPE AUS SALONIKI 1925 Der Versuch, Vorurteile über die Lebens­bedingungen für Sephardim in Palästina abzubauen, gelang nicht vollends

Im Sommer 1925 unternahm eine Gruppe junger Zionisten aus Saloniki, 25 Jugendliche und vier Leiter, eine vierwöchige Exkursion nach Erez Israel. Sie waren Mitglieder von Derorim-Maccabi, der Jugendsektion der Gesellschaft Theodor Herzl. Die Reise stellte in jenem Jahr zweifellos das wichtigste Ereignis im Vereinsleben dar. Nach der Rückkehr veranstaltete man ein Fest mit Lagerfeuer, um den übrigen Vereinsmitgliedern Eindrücke und Informationen weiterzugeben. Den Festvortrag mit dem Titel «Impressionen einer Reise» hielt Eli Frances, einer der Leiter der Reisegruppe. Der Vortrag wurde später zusammen mit einem weiteren Bericht im Jahrbuch des Vereins abgedruckt. Erklärtes Ziel der beiden Reiseberichte war es, negativen Gerüchten, die offenbar in Saloniki zirkulierten und die Leute davon abhielten, nach Palästina auszuwandern, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wie diese Vorurteile thematisiert werden, wirft ein indirektes Licht darauf, wie die Juden von Saloniki – fast ausschliesslich spanischsprachige Sepharden – ihre Stadt und ihre eigene Identität in einer Zeit grosser Veränderungen wahrnahmen.

Vorbehalte gegen Palästina

Abschreckend wirkte zum einen die Vorstellung, in ein unterentwickeltes Land zu kommen und auf die Annehmlichkeiten und die kulturellen Angebote einer modernen Stadt wie Saloniki verzichten zu müssen. Zum anderen kursierte offenbar die Befürchtung, als sephardische Minderheit unter der aschkenasischen Mehrheit diskriminiert zu werden. «Wir alle hier glauben, dass in Palästina grosse Differenzen zwischen den Aschkenasim und den Sephardim bestehen», so Eli Frances.
Der erste Vorbehalt wird mit Fakten gekontert: Die Rückkehrer berichten von den Automobilen auf den asphaltierten Strassen in Tel Aviv, von der Strassenbeleuchtung, vom Wohnungsbau, welcher allen «modernen Anforderungen der Hygiene und der öffentlichen Gesundheit entspricht», von der Wasser- und Stromversorgung, die gar besser funktioniere als in Saloniki, und vom Besuch in verschiedenen Fabriken und Kraftwerken, die auf dem neuesten Stand der Technik waren. Sie erwähnen Sportanlagen, Kinos, Theater, Ausstellungen und – «die Krönung des Ganzen» – die Oper! Hoch gelobt wird auch das Bildungswesen, von der eben eingeweihten Hebräischen Universität über das Polytechnikum in Haifa bis zu Primarschulen, in denen nach neuesten Methoden gelehrt wird, «wie nirgendwo auf der Welt, nicht einmal in der Schweiz».
Die anderen Bedenken jedoch waren offenbar nicht so leicht zu zerstreuen und schienen schwerer zu wiegen, denn ein grosser Teil des Reiseberichts ist dem Verhältnis zwischen den verschiedenen «Zweigen der jüdischen Nation» (so drückte sich Frances aus) gewidmet. Das Gewicht, das diesem Thema eingeräumt wird, die offensichtliche Empfindlichkeit in dieser Frage, ist vor dem Hintergrund der damaligen Situation der Sephardim in den Balkanländern und vor allem in Saloniki zu sehen. Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hatten die traditionelle Selbstwahrnehmung empfindlich verändert.

Sprache als Identität

Ein Blick zurück: Nachdem die Mehrheit der 1492 aus Spanien vertriebenen Juden sich in Gebieten des Osmanischen Reichs niedergelassen hatte, waren sie derart in der Überzahl, dass sich die dort ansässigen Juden bald in die sephardischen Gemeinden integrierten und deren Sprache und Traditionen annahmen. Im Laufe der folgenden vier Jahrhunderte waren «spanisch» und «jüdisch» Synonyme, nicht nur für Juden im Osmanischen Reich, sondern auch in der Wahrnehmung ihrer türkischen, slawischen oder griechischen Nachbarn. Die Sprache, die sich in der osmanischen Diaspora zu einer besonderen Varietät entwickelt hatte, war ein wichtiges Zusammenhalts- und Identitätsmerkmal. Heute setzt sich dank Internet zunehmend die Bezeichnung Ladino durch, aber als sie noch als Alltags- und Literatursprache lebendig war, benannten die Sprecher sie mit Ausdrücken, die entweder auf die spanische Herkunft verwiesen (meist einfach Espanyol oder Spanyol; Elias Canetti nannte sie Spaniolisch) oder eben auf ihre jüdische Identität Bezug nahmen (Jidió oder Judezmo). Diese Sepharden sahen sich ja nicht nur als Sprecher der jüdischen Sprache schlechthin, sondern vor allem auch als die Erben der jüdischen Kultur in Spanien, die Figuren wie Maimonides oder Nachmanides hervorgebracht hatte.
Der Untergang des osmanischen Vielvölkerreichs einerseits, westliche Einflüsse andererseits, namentlich die «zivilisatorische» Tätigkeit der Alliance Universelle Israélite sowie der Einfluss der Haskala, brachten den Sepharden ins Bewusstsein, eine Minderheit unter den Juden zu sein, eine «orientalische» zudem, verbunden mit dem Eindruck, von den europäischen Glaubensgenossen als rückständig behandelt zu werden, und der Erfahrung, ausserhalb ihrer angestammten Gebiete mehr als Türken denn als Juden wahrgenommen zu werden. So etwa in Wien, wo die von sephardischen Handelsleuten aus Ost und West gegründete Gemeinde im 19. Jahrhundert durch Zuzüger aus den Balkanländern schnell angewachsen war. Sie wurde als türkisch-jüdische Gemeinde bezeichnet, ihre im maurischen Stil erbaute Synagoge ist als Türkischer Tempel bekannt. So trägt denn auch die Ausstellung über die sephardische Gemeinde, die bis 31. Oktober im Jüdischen Museum Wien zu sehen ist, den Titel «Türken in Wien». Ebenso erging es etwa den jüdischen Auswanderern in den USA, die dort Mühe hatten, als «richtige» Juden zu gelten, da sie nicht Jiddisch sprachen und Gefillte Fisch zubereiteten, sondern eine Art Spanisch redeten, Auberginengerichte und Böreki assen und türkischen Kaffee tranken.

Der Untergang des jüdischen Saloniki

Etwas verspätet, aber besonders drastisch trafen die Veränderungen die Juden in Saloniki, der Stadt, die seit dem 16. Jahrhundert als «Jerusalem des Balkans» galt und den Titel «Ir v‘em b‘Yisrael» trug. Die internationale, noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrheitlich jüdische und spanischsprachigen Stadt – das Saloniko der Sepharden und Selanik der Türken – verwandelte sich nach ihrer Eingliederung in den griechischen Staat, die 1912 mit dem Einmarsch der griechischen Armee begann, innerhalb von einer Generation in die griechische Stadt Thessaloniki. Zur Hellenisierung der Stadt trugen auch einschneidende Veränderungen der demografischen und urbanistischen Struktur bei, für die nicht nur die Auswanderung nach Westeuropa und Amerika verantwortlich war. Die Sephardim, welche vorher die grösste und tonangebende Bevölkerungsgruppe bildeten, wurden infolge des Bevölkerungsaustausches zwischen Griechenland und der Türkei von 1923 zu einer Minderheit und – im Zuge des Wiederaufbaus nach der Brandkatastrophe von 1917 ganz wörtlich – an den Rand gedrängt. Massnahmen wie die Zwangseinführung der Sonntagsruhe, die Beschneidung der Kompetenzen der jüdischen Gerichte, ein Verbot der Buchführung und Beschilderung in Judenspanisch sowie der Erlass von weiteren diskriminierenden Gesetzen in den 1920er-Jahren führten dazu, dass sich die Sephardim in ihrer Stadt immer weniger wohl fühlten. In diesem Zusammenhang ist das Erstarken der zionistischen Bewegungen wie der eingangs erwähnten Gesellschaft Theodor Herzl zu sehen. Einer grösseren Auswanderungswelle stand aber vorerst immer noch die sehr starke Identifikation mit Saloniki und der Stolz auf die Errungenschaften und die kulturelle Tradition der Sephardim in den Balkanländern entgegen, ebenso wie die Befürchtung, dass diese Kultur von den anderen Juden nicht gebührend gewürdigt werde.
Damit kommen wir noch einmal auf unseren Reisebericht aus dem Jahr 1925 zurück. Der Verfasser muss indirekt einräumen, dass es effektiv zu Spannungen zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden gekommen sei und dass die Sephardim tatsächlich oft die Verachtung der Aschkenasim zu spüren bekamen, aber er wirbt um Verständnis für deren Verhalten und sucht nach Erklärungen: «Wahrscheinlich haben die Aschkenasim bis heute nur mit den in Palästina einheimischen Sephardim zu tun gehabt, also mit wenig sympathischen und weder physisch noch moralisch angenehmen Sephardim, welche es sich zur Gewohnheit gemacht haben von Zuwendungen aus der Chaluka zu leben und zu produktiver Arbeit unfähig sind. Daher glauben sie wahrscheinlich, dass alle Sephardim auf der ganzen Welt denjenigen von Jerusalem gleichen. Sie werfen uns in den gleichen Topf mit ihnen und betrachten uns deshalb mit Verachtung und Mitleid. Es ist unter diesen Umständen natürlich und normal, dass die Haltung der Aschkenasim uns gegenüber nicht wohlwollend ist und dass es unweigerlich zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Elementen kommt.»

Verstreut auf mehrere Kontinente

Indem auf diese Weise der schwarze Peter den «noch orientalischeren» anderen Sephardim zugeschoben wird, mit denen man nichts zu tun haben will, wird das Problem nicht nur distanziert, sondern auch vermeintlich rationalisiert und somit lösbar gemacht. Bewusst optimistisch und betont selbstbewusst blickt der Berichterstatter deshalb in die Zukunft: «Dank der Ankunft von zahlreichen Sephardim aus Bulgarien, Saloniki und Serbien, die sich durch ihre Erziehung, ihre jüdische Bildung und ihre Arbeitskraft von den einheimischen Sephardim unterscheiden, beginnt sich das Bild, das sich die Aschkenasim von unserem Element machen, jetzt zu verändern. Wenn man die Zeit arbeiten lässt und sich viele weitere Familien aus dem Balkan in Erez Israel niederlassen, ist es sicher, dass die kleinen Differenzen, die heute noch diese beiden Zweige der jüdischen Nation entzweien mögen, ganz verschwinden werden.»
Ob diese Differenzen wirklich ganz verschwunden sind, bleibe dahingestellt. Die Zeit arbeitete indes anders, als Eli Frances es sich ausmalte: Die Auswanderung von Saloniki wurde zwar nach 1931 etwas intensiver, blieb aber zögerlich. Die Gründung des Staates Israel erlebte das «Jerusalem des Balkans» jedoch nicht mehr: Saloniki, das 1940 immerhin noch etwa 50 000 Juden zählte, wurde 1943 judenrein. Die Sephardim aus Bulgarien emigrierten 1948/49 tatsächlich fast gesamthaft nach Israel aus.
Die Nachkommen der osmanischen Sephardim leben heute über mehrere Kontinente verstreut, sozusagen in einer dritten Diaspora. Viele leben in Israel, andere in den USA, in Lateinamerika und im frankophonen Westeuropa. Fast überall bilden sie eine Minderheit in der mehrheitlich aschkenasischen jüdischen Minderheit. Reste der traditionellen sephardischen Gemeinden sind hauptsächlich noch in der Türkei, namentlich in Istanbul und Izmir, zu finden. Sprachlich haben sie sich alle in der neuen Heimat integriert. Eine Sprechergemeinschaft, in der das Ladino als Kommunikationsmittel dient, gibt nur noch in der virtuellen Welt des Internets.    ●


Beatrice Schmid ist Ordinaria für Ibero­romanische Linguistik an der Universität Basel und leitet dort die Forschungsgruppe «Judenspanisch».