Die Diamantenstadt erfindet sich neu
Antwerpen mit seinen rund 470 000 Einwohnern verwendet einen Slogan, der Bände spricht: «’t Stad is van iedereen» heisst er, was frei übersetzt bedeutet, dass die nach Brüssel grösste Stadt Belgiens «für alle ist». Zumindest die Statistik gibt dieser Aussage recht: In Antwerpen leben laut neusten Erhebungen Menschen aus 164 verschiedenen Nationen. Das ist weltweit nach Amsterdam, aber noch vor New York, die grösste Vielfalt. Immerhin gut 20 000 Einwohner sind jüdisch – fast dreimal weniger als vor dem Zweiten Weltkrieg. Andererseits gibt es inzwischen gegen 17 000 Afrikaner (vor allem aus Marokko) und über 4000 Türken, so dass die in nächster Nachbarschaft zum jüdischen Viertel lebenden Muslime mit einem Anteil von gegen zehn Prozent der Bevölkerung die grösste religiöse Minderheit stellen.
Die Juden in der Stadt an der Schelde mit ihrem Binnenhafen haben eine lange Geschichte, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Für einen Zustrom sorgte die Reederei Red Star Line, die zwischen 1873 und 1935 fast drei Millionen Menschen von Antwerpen nach Amerika und Kanada verschiffte. Während dieser Zeit sind über 10 000 aschkenasische Juden in Antwerpen hängen geblieben, weil sie sich die Passage in die neue Welt nicht leisten konnten. Die Gebäude der Reederei direkt am Fluss existieren noch immer; die alten Lagerhäuser werden zu einem Museum umgebaut.
Die reiche Vergangenheit der Heimatstadt des Barockmalers Rubens – im 16. Jahrhundert etwa waren nur London, Paris und Neapel grösser als die Flandern-Metropole – begegnet einem auch heute noch auf Schritt und Tritt. Wer mit dem Zug anreist, staunt schon bei der ersten Begegnung über die Architektur des über 100 Jahre alten Antwerpener Hauptbahnhofs, der laut der amerikanischen Wochenzeitung «Newsweek» zu den vier schönsten Bahnhöfen der Welt zählt.
Diamanten im Diplomatenkoffer
Wenige Fussminuten davon entfernt befindet sich die Appelmansstraat, wo in der Hausnummer 33A Diamondland untergebracht ist. Dahinter steckt der grösste Ausstellungsraum Antwerpens. Noch heute wickelt das belgische Diamantenzentrum über 70 Prozent der weltweiten Rohdiamantenproduktion ab, 1500 Firmen sind hier im Diamantengeschäft involviert. Diese Industrie ist nach dem Hafen der zweitwichtigste wirtschaftliche Pfeiler. In der Hovenierstraat überwachen die omnipräsenten Videokameras jeden Schritt der Passanten. Hier werden an Wochentagen zwischen den vier grossen Diamantenbörsen Millionenwerte in Diplomatenkoffern hin- und hertransportiert.
In den Strassen um den Hauptbahnhof locken nicht weniger als 130 Geschäfte, in denen Schmuck und Diamanten verkauft werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Stadt die Juden gebeten, hierher zurückzukehren und die Diamantbranche wieder aufzubauen, die seit Jahrhunderten in jüdischer Hand war. Mittlerweile gibt es immer mehr Konkurrenz von Indern, so dass im jüdischen Viertel mit seinen 35 Synagogen und zehn jüdischen Schulen jeder vierte Einwohner in Armut lebt. Ihnen machten während des Gaza-Kriegs Demonstrationen, Todesdrohungen, Hassmails und sogar ein Brandanschlag auf eine jüdische Familie zusätzlich zu schaffen. «’t Stad is van iedereen» schien plötzlich vergessen.
Schlemmen bei Hoffy’s
Im Herzen des Quartiers mit Europas grösster orthodoxer Gemeinde bei 8000 Chassidim befindet sich das koschere Restaurant Hoffy’s. Die Vitrine täuscht nicht: Die dahinter präsentierten Gemüse-, Fleisch- und Fischsspeisen entpuppen sich als schmackhaft und frisch. Ein voll beladener Teller kostet umgerechnet rund 30 Franken.
Das jüdische Viertel ist wie eine kleine Insel in dieser flachen Partnerstadt von Haifa. Die neuesten Trends setzen freilich andere Teile Antwerpens. So entsteht ab 2010 eine Promenade entlang der Schelde. Heute schon geniessen Jogger und Velofahrer das Flussufer. Auffallend ist dabei, dass keine Brücken das Stadtbild beeinträchtigen. Zur westlichen Uferseite gelangt man nur durch Tunnels. Spielt das Wetter mit, gehen die Antwerpener zum Sankt-Anna-Strand, wo es tatsächlich echten Sand und einige Restaurants gibt, die für eine mediterrane Atmosphäre sorgen.
Besonders ambitiös ist das MAS, das nach einer Investition von über 55 Millionen Euro nächstes Jahr eröffnen soll. Das Kürzel steht für «Museum aan de Stroom» – mit einer Ausstellungsfläche von 4000 Quadratmetern, die auf den Fluss, die Stadt und den nach Rotterdam zweitgrössten Hafen Europas eingehen wird. Schon der Ort ist symbolisch: Hier treffen Stadt und Hafen aufeinander. Das MAS wird im kleinen Stadtteil Het Eilandje errichtet und ein schickes Restaurant und ein Café beherbergen. Die Docks um das Inselchen hat Napoleon vor gut 200 Jahren angelegt, um England anzugreifen.
Gleich um die Ecke dehnte sich bis vor fünf Jahren der Rotlichtbezirk auf 17 verschiedene Strassen aus – ganz im Stil Amsterdams. Heute gibt es noch drei Strassenzüge und 250 Schaufenster mit käuflicher Liebe, wobei die Villa Tinto an der Verversrui das grösste Etablissement stellt. In dessen oberstem Stockwerk befindet sich ein Bed&Breakfast. In der Nähe wird auf einer Sandbahn Boccia gespielt, und es haben neue Cafés eröffnet. Ganze Strassenzüge wurden revitalisiert. Nicht mehr nötig ist das an der Nationalestraat, die vom Groen Plaats Richtung Süden verläuft. Die architektonisch interessante Strasse gilt als Epizentrum der Mode, was sich im MoMu, dem Mode-Museum, ausdrückt. Wer nicht bereit ist, in den zahlreichen Edelboutiquen teure Designer-Klamotten zu kaufen, findet östlich davon mit der Huidevetters Straat oder der Schuttershofstraat preiswerte Alternativen. Ein Muss ist zudem ein Spaziergang entlang der lang gezogenen Fussgängerstrasse Meir, die vom Hauptbahnhof zum Grote Marktmit seinem eindrucksvollen Rathaus und der ebenso imposanten Kathedrale führt.
Restaurants wie das Zuiderterras direkt an der Schelde, das Gin-Fish an der Haarstraat 9 oder Hecker an der Kloosterstraat 13 (alle nicht koscher) zeigen, dass Antwerpen auch kulinarisch Weltstadtformat hat, wobei das belgische Bier seit jeher Weltklasse ist. Und als Schweizer muss man es neidlos anerkennen: Die in der Confiserie La Bonbonniere an der Korte Gasthuisstraat 41 feilgehaltene belgische Schokolade hält mit den besten helvetischen Marken mühelos mit. Was für ein Dessert!